Als die Zuhörer aber an seiner Kleidung erkannten, daß er Jude war, wollten sie ihn nicht zu Wort kommen lassen, und sie hatten insofern recht, als ja auch die rechtgläubigen Juden die Götterbilder und deren handwerkliche Anfertigung verurteilten. Um ihn am Reden zu hindern, brach das Volk wieder in den Ruf aus: »Groß ist die Artemis der Epheser!« Nun dauerte das Gebrüll, ich übertreibe nicht, volle zwei Striche auf der Wasseruhr.
Auf einmal stand Publius Celer mit blankem Schwert neben mir und herrschte mich an: »Warum läßt du nicht das Signal blasen? Wir jagen die ganze Versammlung im Handumdrehen auseinander!«
Ich sagte warnend: »In dem Gedränge würden einige Hundert Menschen niedergetrampelt werden.« Der Gedanke schien ihm zu behagen, deshalb fügte ich rasch hinzu: »Sie preisen ihre eigene Artemis. Es wäre sowohl eine Lästerung als auch eine politische Dummheit, eine Versammlung aus diesem Grunde auseinanderzutreiben.«
Als der oberste Richter der Stadt uns an einer der Eingangstüren stehen und zögern sah, winkte er uns verzweifelt zu und bedeutete uns, zu warten. Sein Ansehen war so groß, daß das Volk sich allmählich beruhigte, als er die Bühne betrat, um zu sprechen.
Nun wurden die beiden Christen nach vorn gestoßen. Man hatte sie geschlagen und ihnen die Kleider zerrissen, aber Schlimmeres war ihnen nicht geschehen. Die Juden bespuckten sie, um zu zeigen, was sie von ihnen hielten. Der Richter ermahnte jedoch das Volk, nicht unüberlegt zu handeln, und erinnerte es daran, daß die Stadt Ephesus das vom Himmel herabgefallene Abbild der Göttin Artemis zu verehren habe und keine anderen. Seiner Meinung nach waren die Anhänger des Juden Paulus weder Tempelschänder noch auch nur Lästerer.
Die Vernünftigsten unter den Zuhörern schielten nach meinem roten Helmbusch und dem Hornisten und begannen sich einen Weg aus dem Theater zu bahnen. Einen Augenblick stand alles auf des Messers Schneide, dann aber erinnerten sich viele der Gebildeteren abschreckender Beispiele aus der Geschichte und beeilten sich, das Theater zu verlassen. Publius Celer knirschte mit den Zähnen. Wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, einen scheinbaren Aufstand niederzuschlagen, hätte er nach alter römischer Sitte einen Brand legen und die Werkstätten der Silberschmiede plündern können. So blieb ihm nichts anders übrig, als das Theater zu besetzen und die letzten der Aufwiegler und der Juden, die noch nicht gehen wollten, verprügeln zu lassen. Das war aber auch alles, was an diesem Tag geschah.
Später machte er mir bittere Vorwürfe und sagte: »Wir könnten beide steinreich sein, wenn du nicht so unentschlossen gewesen wärst. Nach der Niederwerfung eines Aufstandes stünden wir obenan auf der Rolle des Ritterstandes. Als Ursache des Aufruhrs hätten wir die schlappe Regierung des Silanus angeben können. Man muß die Gelegenheit im Flug ergreifen, sonst versäumt man sie für alle Zeit.«
Paulus hielt sich eine Weile versteckt und mußte dann aus der Stadt fliehen. Nachdem ich ihm auf Umwegen eine ernste Warnung hatte zugehen lassen, hörten wir, daß er nach Makedonien gereist war. Nach seinem Fortgang wurde es allmählich ruhig in der Stadt, und die Juden hatten an anderes zu denken. Es befanden sich unter ihnen übrigens viele aus Rom verbannte Handwerker, die auf Grund der allgemeinen Begnadigung bei Frühjahrsbeginn zurückzukehren gedachten.
Einstweilen tobten die Winterstürme, und im Hafen lag nicht ein einziges Schiff, das bereit gewesen wäre, nach Italien abzusegeln. Publius Celer hatte jedoch einen tiefen Groll gegen mich gefaßt. Um nicht bleiben und mit ihm streiten zu müssen, suchte ich weiter und machte schließlich ein kleines Schiff ausfindig, das, mit Götterbildern schwer befrachtet, unter dem Schutz der Artemis die Fahrt nach Korinth anzutreten wagte. Wir hatten das Glück, den Nordstürmen zu entgehen, mußten aber unterwegs mehrere Male in Inselhäfen Schutz suchen.
Hierax Lausius hatte mich als tot betrauert, da er so lange nichts von mir gehört hatte. Er war noch dicker geworden, trug den Kopf sehr hoch und hatte sich beim Sprechen einen feierlichen Tonfall angewöhnt. Er war mit der fülligen griechischen Witwe verheiratet und hatte zwei elternlose Knaben ins Haus genommen, um für ihre Erziehung zu sorgen und ihr Eigentum zu verwalten. Stolz zeigte er mir seinen Fleischladen, der im Sommer durch Quellwasser aus dem Berg kühl gehalten wurde. Er hatte auch Anteile an Schiffen erworben und kaufte handwerklich ausgebildete Sklaven, um eine eigene Bronzegießerei zu gründen. Als ich ihm von den Unruhen in Ephesus erzählte, nickte er verständnisvoll und sagte: »Ja, wir haben auch hier unsere Zwistigkeiten. Du erinnerst dich gewiß, daß Paulus nach Jerusalem reiste, um vor den Ältesten Rechenschaft abzulegen. Sie fanden seine Lehre zu verworren und verweigerten ihm, soviel wir hörten, ihre Zustimmung. Kein Wunder, daß er nun in seinem Zorn noch hitziger predigt. Es ist vielleicht wirklich etwas von der Kraft Christi auf ihn übergegangen, da er ja einige Wunderheilungen zustande gebracht hat, aber die vernünftigen Christen halten sich lieber von ihm fern.«
»Du bist also immer noch Christ?« fragte ich verwundert.
»Ich glaube sogar, ich bin ein besserer Christ als je zuvor«, antwortete Hierax. »Ich habe den Frieden in meiner Seele, eine gute Frau und Erfolge in meinen Unternehmungen. Es kam übrigens ein Bote, der Apollos heißt, hierher nach Korinth. Er hat die Schriften der Juden in Alexandria studiert und ist in Ephesus von Aquila und Prisca unterrichtet worden. Er ist ein hinreißender Redner und gewann sich viele Anhänger. Wir haben daher nun eine Apollos-Partei, die ihre eigenen Versammlungen und Mähler abhält und nicht mit den übrigen Christen verkehrt, Prisca hatte so gut von ihm gesprochen, daß er hier herzlich empfangen wurde, und später erst erkannten wir, wie machtlüstern er ist. Zum Glück weilt auch Kephas unter uns, der Erste der Jünger Christi. Er ist viel umhergereist, um die Gemüter zu beruhigen, und gedenkt im Frühling Rom aufzusuchen, um dafür zu sorgen, daß nicht der alte Streit wieder ausbricht, wenn die verbannten Juden zurückkehren. Ich glaube ihm mehr als allen anderen, denn was er lehrt, das hat er aus dem Munde Christi selbst gehört.«
Hierax sprach so ehrerbietig von Kephas, daß ich Lust bekam, ihn zu sehen, obwohl mir Juden wie Christen schon bis zum Halse standen. Ich erfuhr, daß Kephas ursprünglich ein galiläischer Fischer gewesen war, den Jesus von Nazareth etwa fünfundzwanzig Jahre vor meiner Geburt gelehrt hatte, Menschen zu fischen. Kephas hatte da gewiß eine schwere Bürde auf sich genommen, denn er war ein ungebildeter Mann aus dem Volke und sprach mit knapper Not ein paar Worte Griechisch. Er mußte daher immer einen Dolmetsch mitführen. Ich glaubte jedoch allen Grund zu haben, einen Mann kennenzulernen, dem es gelungen war, Hierax fromm zu machen, denn dieses Wunder hatte nicht einmal Paulus mit all seiner jüdischen Gelehrsamkeit und seinem Glaubenseifer bewirken können.
Kephas wohnte bei einem der Juden, die sich zu Christus bekannten. Dieser Jude betrieb einen Handel mit in Öl eingelegtem Fisch und war kein vermögender Mann. Als ich sein Haus, zu dem Hierax mich geführt hatte, betrat, rümpfte ich die Nase. Es stank nach Fisch, und unter meinen Schritten knirschte der Sand, den die vielen Besucher ins Haus gebracht hatten. Ich befand mich in einem kleinen, schlecht beleuchteten Raum. Der jüdische Wirt des Kephas begrüßte uns verlegen und mißtrauisch, so als fürchtete er, meine Anwesenheit könnte seine Wohnstatt verunreinigen.
Er gehörte offenbar zu jenen Juden, die zwar Christus gewählt hatten, dabei aber immer noch versuchten, das jüdische Gesetz einzuhalten und die Berührung mit unbeschnittenen griechischen Christen zu vermeiden. Er befand sich in einer schwierigeren Lage als die Griechen, da die rechtgläubigen Juden ihn als Abtrünnigen mit besonderem Haß verfolgten, und zudem litt er ständig Gewissensqualen wegen des Gesetzes.