Der Jude Kephas trug Quasten an seinem Mantel. Er war ein hochgewachsener Mann mit dichtem Haupthaar und Silberfäden im Bart. Seinen breiten, kräftigen Händen sah man an, daß er früher einmal schwere körperliche Arbeit verrichtet hatte. Sein Blick war gelassen und furchtlos, und als er mich betrachtete, glaubte ich, in seinen Augen eine gewisse Bauernschläue zu erkennen, die mich für ihn einnahm. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus.
Ich muß gestehen, daß ich von unserem Gespräch nicht viel behalten habe. Meist sprach Hierax, auf eine schmeichlerische Art, und wir hatten unsere Not mit dem Dolmetsch, einem schmächtigen Juden, der Marcus hieß und viel jünger als Kephas war. Kephas sprach ein träges Aramäisch in kurzen Sätzen. Ich erinnerte mich meiner Kindheit in Antiochia und versuchte zu verstehen, was er sagte, bevor der Dolmetsch übersetzte, doch das verwirrte mich nur. Im Grunde aber fand ich, daß Kephas eigentlich nichts Bemerkenswertes zu sagen hatte. Er wirkte am stärksten durch die versöhnliche Wärme, die von ihm ausging.
Kephas versuchte auf eine etwas kindliche Art seine Gelehrsamkeit zu beweisen, indem er aus den Schriften der Juden zitierte. Er wies die Schmeicheleien des Hierax würdevoll zurück und ermahnte ihn, nur Jesu Christi Gott und Vater zu preisen, der ihn, Hierax, in seiner Barmherzigkeit zu lebendiger Hoffnung wiedergeboren hatte.
Hierax hatte plötzlich Tränen in den Augen und bekannte aufrichtig, daß er zwar eine Art Wiedergeburt in seinem Herzen wahrgenommen habe, daß aber sein Körper noch immer ein Tummelplatz selbstsüchtiger Begierden sei. Kephas tadelte ihn nicht, sondern betrachtete ihn nur mit einem zugleich milden und schlauen Blick, so als durchschaute er ihn zwar in seiner ganzen menschlichen Schwäche, sähe aber doch auch eine Spur echten Strebens nach dem Guten in seiner abgefeimten Sklavenseele.
Hierax bat Kephas eifrig, zu berichten, wie er König Herodes entronnen war und welche Wunder er in Jesu Christi Namen getan hatte. Der aber hatte begonnen, mich aufmerksam zu mustern, und mochte nicht mit seinen Wundertaten prahlen. Statt dessen trieb er ein wenig Spott mit sich selbst und sagte uns, wie wenig er Jesus von Nazareth verstanden hatte, als er vor dessen Kreuzigung noch mit ihm wanderte. Er berichtete uns sogar, daß es ihm nicht einmal gelungen war, wach zu bleiben, während Jesus in der letzten Nacht seines Erdenlebens betete. Als Jesus gefangengenommen worden war, war er ihm nachgegangen und hatte draußen im Hof beim Kohlenfeuer dreimal geleugnet, daß er ihn kannte, ganz wie Jesus es ihm vorausgesagt hatte, als er, Kephas, sich damit brüstete, daß er bereit sei, mit ihm zu leiden.
Ich kam allmählich zu der Überzeugung, daß des Kephas eigentliche Stärke gerade solche einfachen Geschichten waren, die er Jahr für Jahr so oft wiederholt hatte, daß er sie fließend vorzutragen vermochte. Er, der ungelehrte und des Schreibens unkundige Fischer, trug Christi eigene Worte und Lehrsprüche genau im Gedächtnis und versuchte durch seine Demut und Bescheidenheit anderen Christen ein Vorbild zu sein, die sich, wie Hierax, im Namen Christi wie Kröten aufblasen konnten.
Kephas hatte nichts Abstoßendes an sich, aber ich ahnte, daß er schrecklich aussehen konnte, wenn er sich erzürnte. Auch er machte keinen Versuch, mich zu bekehren, als er mich eine ganze Weile prüfend betrachtet hatte, und das kränkte mich ein wenig.
Auf dem Heimweg gab mir Hierax seine eigene Auffassung offenherzig zu erkennen: »Wir Christen betrachten einander als Brüder. Wie aber alle Menschen ungleich sind, so sind es auch wir Christen. Deshalb gibt es nun eine Partei des Paulus, eine Partei des Apollos, eine Partei des Kephas und andere, die sich, wie ich, einfach an Christus halten und tun, was sie selbst für gut finden, und unsere gegenseitige Unduldsamkeit und Eifersucht machen uns viel zu schaffen. Die Neubekehrten schreien und zanken sich am lautesten im Namen des Geistes und tadeln die friedsameren wegen ihrer Lebensweise. Ich für mein Teil halte mich, seit ich mit Kephas zusammengetroffen bin, nicht für vortrefflicher und weniger tadelnswert als andere.«
Mein erzwungener Aufenthalt in Korinth machte mich unruhig, und ich fühlte mich in meinem eigenen Hause nicht wohl. Ich kaufte ein Geschenk für Nero: ein aus Elfenbein schön geschnitztes Viergespann, denn ich erinnerte mich, daß er als Kind, als seine Mutter ihn noch nicht zu den richtigen Wagenrennen gehen ließ, mit etwas Ähnlichem gespielt hatte.
Die Saturnalien waren längst vorüber, als ich endlich nach einer stürmischen Überfahrt über Puteoli nach Rom heimkehrte.
Tante Laelia war vor Alter krumm und zänkisch geworden und schimpfte mich aus, weil ich mir fast drei Jahre lang nicht die Mühe genommen hatte, ihr zu schreiben. Nur Barbus freute sich aufrichtig, mich wiederzusehen, und berichtete, daß er Mithras für mein Wohlergehen einen ganzen Stier geopfert hatte, und als ich ihm meine Erlebnisse erzählte, war er überzeugt, daß mich nur das Opfer aus der Gefangenschaft in Kilikien errettet hatte.
Ich wollte als erstes auf den Virinal gehen, um meinen Vater zu begrüßen, so fremd ich mich ihm gegenüber auch fühlte, aber Tante Laelia, die sich wieder beruhigt hatte, zog mich beiseite und sagte: »Du gehst am besten nirgendshin, solange du noch nicht weißt, was alles in Rom geschehen ist.«
Sie kochte vor boshaftem Eifer und behauptete, Claudius habe in seinen letzten Tagen beschlossen, Britannicus trotz dessen Jugend die Toga zu geben, und in betrunkenem Zustand von Agrippinas Herrschsucht gesprochen. Deshalb habe ihm Agrippina giftige Pilze zu essen gegeben. Ganz Rom spreche davon, und Nero habe von der Sache gewußt und gesagt, ein Pilzgericht könne einen Menschen zum Gott machen. Claudius war, wie ich schon wußte, zum Gott erhöht worden, und Agrippina ließ ihm einen Tempel errichten. Bisher hatten sich aber noch nicht viele zum Priesterkollegium gemeldet.
»Rom ist also noch das gleiche Klatschnest wie früher«, sagte ich bitter. »Man weiß doch schon seit Jahren, daß Claudius an Magenkrebs litt, wenn er es sich selbst auch nicht eingestehen wollte. Willst du mir mit Absicht die Freude verderben? Ich kenne Agrippina und bin ein Freund Neros. Wie sollte ich so Schlimmes von den beiden denken!«
»Der Sekretär Narcissus hat auch einen Stoß abbekommen, der ihn in den Hades beförderte«, fuhr Tante Laelia fort, ohne auf meine Worte zu achten. »Zu seiner Ehre muß allerdings gesagt werden, daß er vor seinem Selbstmord das Geheimarchiv des Claudius verbrannte, das Agrippina um jeden Preis haben wollte. Auf diese Weise rettete er so manchem Mann im Staate das Leben. Agrippina mußte sich mit hundert Millionen Sesterze begnügen, die sie aus seiner Hinterlassenschaft forderte. Glaub, was du willst, aber ich sage dir, daß es in Rom ein Blutbad gegeben hätte, wenn es Agrippina gelungen wäre, ihren Willen durchzusetzen. Zum Glück sind Seneca und Burrus, der Präfekt der Prätorianer, vernünftige Männer und hinderten sie daran. Seneca wurde zum Konsul gewählt, nachdem er, um dem Senat zu gefallen, eine so böse Satire über Claudius geschrieben hatte, daß niemand mehr von dessen Göttlichkeit hören kann, ohne einen Lachanfall zu bekommen. An sich war das ja nur eine Rache für die Verbannung. Wer sich in Rom ein wenig auskennt, weiß, daß Seneca wegen der Liebschaft mit Agrippinas Schwester in die Verbannung geschickt wurde. Das arme Mädchen mußte deshalb sterben. Ich weiß nicht, ob wir viel Gutes zu erwarten haben, wenn ein schönrednerischer Philosoph die Staatsgeschäfte wahrnimmt. Die Zeiten haben sich geändert. Die jungen Leute lassen sich sogar nach Art der Griechen unanständig gekleidet auf der Straße blicken, nun da Claudius sie nicht mehr zwingt, die Toga zu tragen.«
Tante Laelia schwatzte noch viel, bis ich ihr endlich entkam. Während ich zum Haus meines Vaters auf dem Virinal eilte, bemerkte ich, daß man sich auf den Straßen Roms viel freier benahm als früher. Die Menschen wagten zu lachen. Die unzähligen Statuen auf dem Forum waren mit Spottversen vollgekritzelt, die unter allgemeiner Heiterkeit laut vorgelesen wurden. Niemand machte sich die Mühe, Sie wegzukratzen. Obwohl es noch früher Nachmittag war, sah ich eine ganze Anzahl betrunkener und auf der Zither klimpernder langhaariger Jünglinge.