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Tullias Atrium war wie üblich gedrängt voll von Menschen, die empfangen werden wollten, um irgendeine Gunst zu erbitten, diensteifrige Klienten und zu meinem Leidwesen auch Juden, die meinen Vater offenbar nie in Ruhe ließen. Tullia brach ihr eifriges Gespräch mit zwei vornehmen Klatschbasen ab, kam mir zu meiner Verwunderung entgegengestürzt und umarmte mich herzlich. Ihre fetten Finger glitzerten vor lauter Ringen, und die schlaffe Haut ihres Halses versuchte sie mit einem breiten Halsband zu verbergen, das mit Juwelen in mehreren Farben besetzt war.

»Es ist höchste Zeit, daß du von deinen Irrfahrten nach Rom heimkehrst, Minutus!« rief sie. »Als dein Vater hörte, daß du verschwunden warst, wurde er krank vor Unruhe und Sorge, obwohl ich ihn daran erinnerte, wie er selbst sich in seiner Jugend aufgeführt hatte. Zum Glück sehe ich nun, daß du frisch und gesund bist, du schlechter Kerl! Aber hast du dich in Asia mit Betrunkenen geprügelt, weil du so häßliche Narben im Gesicht hast? Ich fürchtete schon, dein Vater sorgt sich deinetwegen noch zu Tode.«

Mein Vater war gealtert, benahm sich aber in seiner Eigenschaft als Senator würdevoller als zuvor. Als ich ihn nach so langer Zeit zum erstenmal wiedersah, fiel mir auf, daß er die traurigsten Augen hatte, die ich je bei einem Menschen bemerkt hatte. Wir konnten nicht unbeschwert miteinander reden, so froh er gewiß über meine Heimkehr war. Ich begnügte mich damit, von meinen Erlebnissen zu berichten, und tat die Zeit meiner Gefangenschaft mit ein paar Worten ab.

Zuletzt fragte ich ihn, mehr im Scherz als im Ernst, was denn die Juden noch immer von ihm wollten.

Mein Vater erklärte mir schuldbewußt: »Prokurator in Judäa ist jetzt Felix, der Bruder des Pallas. Du wirst dich erinnern: Felix, der sich mit einer Enkelin Kleopatras vermählte. Seine Habsucht gibt ständig zu Klagen Anlaß, oder vielleicht verhält es sich ganz einfach so, daß den Juden, diesen ewigen Streithammeln, nichts gut genug ist. Nun hat wieder einmal irgendeiner irgendwo irgendeinen erschlagen. Ich glaube, ganz Judäa ist in den Händen einer Räuberbande. Das ist ein Morden und Brennen ohne Ende, und Felix ist offenbar nicht imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Juden wollen die Sache vor den Senat bringen, aber wer möchte sich da einmischen! Pallas ist viel zu mächtig, und keiner will sich mit ihm verfeinden. Außerdem hat der Senat genug wirkliche Sorgen mit Armenien und Britannien. Wir treten jetzt im Palast zusammen, weil Agrippina hinter einem Vorhang den Besprechungen des Senats lauschen will. Bequemer haben wir es dort allerdings als in der entsetzlichen Kurie, wo einige von uns stehen mußten, wenn der Senat einmal durch ein Wunder vollzählig versammelt war, und wo man sich im Winter die Füße erfror.«

»Und Nero?« fragte ich eifrig. »Was hältst du von ihm?«

»Ich weiß, daß Nero wünschte, er hätte nie schreiben gelernt, als er zum erstenmal ein Todesurteil durch seine Unterschrift bestätigen mußte«, erwiderte mein Vater. »Vielleicht ist er wirklich die Hoffnung der Menschheit, wie einige aufrichtig glauben. Jedenfalls hat er einen Teil seiner richterlichen Gewalt den Konsuln und dem Senat übertragen. Ob er es tat, um uns Vätern seine Achtung zu erweisen oder um sich selbst einem angenehmeren Zeitvertreib widmen zu können, das weiß ich nicht.«

Mein Vater redete offensichtlich nur, um irgend etwas zu sagen. Er runzelte die Stirn, blickte zerstreut an mir vorbei und schien sich nicht im geringsten für die Staatsgeschäfte zu interessieren. Plötzlich sah er mir forschend in die Augen und fragte: »Minutus, mein Sohn, was gedenkst du mit deinem Leben anzufangen?«

»Ich habe zwei Jahre lang gedemütigt und elender als ein Sklave in einer finsteren Höhle gehaust«, erwiderte ich trotzig. »Zwei Jahre hat mir eine Laune der Glücksgöttin von meinem Leben genommen. Wenn ich überhaupt etwas denke, so das, daß ich mir einmal diese zwei Jahre zurückholen und mich wie ein Mensch meines Lebens freuen will, ohne mich mit unnötigen Dingen zu beschweren und mir die Gaben des Lebens zu versagen.«

Mein Vater zeigte auf die glattpolierten Wände, und seine Gebärde schloß gleichsam die ganze Pracht des Hauses ein. »Vielleicht lebe auch ich in einer finsteren Höhle«, sagte er mit abgrundtiefer Trauer in der Stimme. »Ich unterwerfe mich Pflichten und Ehren, um die ich nicht gebeten habe. Du aber bist Blut von deiner Mutter Blut und darfst nicht verlorengehen. Hast du den Becher deiner Mutter noch?«

»Er ist nur aus Holz, und deshalb hielten es die kilikischen Räuber nicht der Mühe wert, ihn mir abzunehmen«, sagte ich. »Wenn wir mehrere Tage kein Wasser bekamen, die Zunge am Gaumen klebte und unser Atem stank wie Raubtieratem, hielt ich den Becher an die Lippen und bildete mir ein, er sei voll. Doch das war er nicht. Ich glaubte es nur in meinem Wahn.«

Ich hütete mich, meinem Vater von Paulus und Kephas zu erzählen, denn ich wollte sie aus meinem Gedächtnis streichen, als hätte ich sie nie gesehen. Mein Vater sagte jedoch: »Ich wollte, ich wäre ein Sklave und arm, um mein Leben von neuem zu beginnen. Aber für mich ist es zu spät. Die Fesseln sind mir schon ins Fleisch eingewachsen.«

Der Traum der Philosophen vom einfachen Leben bedeutete mir nichts. Seneca hatte die Segnungen der Armut und der Sinnesruhe in schönen, wohlgesetzten Worten gepriesen, er selbst aber ließ sich von Macht, Ehre und Reichtum bezaubern und erklärte, diese könnten den Weisen ebensowenig erschüttern wie Armut und Verbannung.

Zuletzt sprachen wir über finanzielle Dinge. Nachdem er sich mit Tullia beraten hatte, beschloß mein Vater, mir zunächst einmal eine Million Sesterze zur Verfügung zu stellen, damit ich standesgemäß leben, Gäste einladen und nützliche Verbindungen anknüpfen konnte. Er versprach mir für später noch mehr, da es ihm, wie er sagte, unmöglich war, sein Geld aufzubrauchen, sosehr er sich auch bemühte.

»Dein Vater braucht etwas, was ihn befriedigen und sein Leben ausfüllen würde«, klagte Tullia. »Er macht sich nicht einmal mehr etwas aus den Vorlesungen, obwohl ich ein eigenes Auditorium im Haus einrichten ließ, weil ich annahm, du würdest dich vielleicht ganz dem Schreiben widmen. Er sollte alte Musikinstrumente oder griechische Malereien sammeln und dadurch berühmt werden. Manche legen Wasserbecken an, in denen sie seltene Fische züchten, oder bilden Gladiatoren aus, und er hätte sogar die Mittel, sich Rennpferde zu halten. Das ist der kostspieligste und vornehmste Zeitvertreib, den ein Mann in mittleren Jahren sich leisten kann. Aber nein, er ist ja so starrsinnig. Bald läßt er irgendeinen Sklaven frei, bald teilt er Geschenke an wertloses Gesindel aus. Er könnte sich freilich auch noch einen schlimmeren Zeitvertreib einfallen lassen, und im allgemeinen kommen wir ja ganz gut miteinander aus, nachdem jeder gelernt hat, ein wenig nachzugeben.«

Ich hätte bis zum Abend bleiben sollen, glaubte aber, mich so rasch wie möglich im Palast anmelden zu müssen, bevor die Kunde von meiner Ankunft auf anderen Wegen dorthin gelangt war. Für so wichtig hielt ich mich. Die Wachtposten ließen mich eintreten, ohne mich auf Waffen zu durchsuchen, so sehr hatten sich die Zeiten geändert, aber wie verwunderte ich mich, als ich sah, was für eine Menge von Glücksrittern in den Arkaden herumlungerte und auf eine günstige Gelegenheit wartete! Ich wandte mich an mehrere Höflinge, aber Seneca war so beschäftigt, daß er mich nicht empfangen konnte, und Kaiser Nero selbst hatte sich eingeschlossen, um zu dichten, und durfte nicht gestört werden, wenn die Musen bei ihm weilten.

Ich war bedrückt, als ich erkannte, wie groß die Zahl derer war, die auf irgendeine Weise die Gunst des jungen Kaisers zu erlangen trachteten. Als ich schon wieder gehen wollte, kam einer der unzähligen Sekretäre des Pallas und führte mich zu Agrippina. Sie schritt erregt auf und ab und trat die kostbaren orientalischen Teppiche zur Seite.