»Warum läßt du dich nicht sofort bei mir melden?« fragte sie zornig. »Hast auch du alle Achtung und Verehrung für mich abgelegt? Undank ist der Welt Lohn. Ich glaube nicht, daß es eine Mutter gibt, die so viel für ihren Sohn und seine Freunde getan hat wie ich.«
»Augusta, Mutter des Vaterlandes«, rief ich, obwohl ich wußte, daß sie diesen Ehrentitel nicht erhalten hatte, denn sie war nur Priesterin des Gottes Claudius. »Wie kannst du mir Undank vorwerfen! Ich wagte es nur nicht, dich mit meinen unwichtigen Angelegenheiten in deiner großen Trauer und Sorge zu stören.«
Agrippina ergriff meine Hand, drückte ihren vollen Busen gegen meinen Arm und atmete mir einen aufdringlichen Veilchenduft ins Gesicht. »Es ist gut, daß du zurückgekommen bist, Minutus Lausus«, sagte sie. »Du bist nicht leichtsinnig, obwohl du einst in deiner Unerfahrenheit einen Fehltritt begangen hast. Nero braucht jetzt seine wirklichen Freunde. Er ist unentschlossen und allzu leicht zu beeinflussen. Vielleicht habe ich ihn zu streng behandelt, ich weiß es nicht, aber ich glaube nun zu bemerken, daß er mir mit Absicht ausweicht, obwohl er anfangs immer neben mir in der Sänfte saß oder ihr höflich folgte. Du weißt vielleicht, daß mir der Senat das Recht zugesprochen hat, im Wagen bis zum Kapitol hinaufzufahren, wenn ich will. Nero verschwendet wahnwitzige Summen für unwürdige Freunde, Zitherspieler, Schauspieler, Wagenlenker und Verfasser aller erdenklichen Huldigungsschriften, so als hätte er vom Wert des Geldes keine Vorstellung. Pallas ist sehr besorgt. Ihm ist es zu danken, daß zu Lebzeiten des armen Claudius wenigstens noch eine gewisse Ordnung in den Staatsfinanzen herrschte. Die kaiserliche Handkasse war streng von der Staatskasse getrennt, aber diesen Unterschied will Nero nicht begreifen. Noch dazu hat er sich in eine Sklavin vergafft. Es ist nicht zu fassen: Nero zieht ein weißhäutiges Mädchen seiner eigenen Mutter vor! Das ist ein Benehmen, wie es sich für einen Kaiser nicht ziemt, und noch dazu hat er betrügerische Freunde, die ihn zu allerlei unsittlichen Dingen verführen.«
Die willensstarke, schöne Agrippina, die sonst so beherrscht und erhaben wie eine Göttin auftrat, war so erregt, daß sie, in allzu großem Vertrauen auf meine Freundschaft, ihrer Enttäuschung vor mir Luft machte!
»Seneca hat mein Vertrauen auf die gemeinste Weise mißbraucht!« rief sie. »Dieser verfluchte glattzüngige Heuchler! Ich war es, die ihn aus der Verbannung zurückholte. Ich war es, die ihn als Lehrer für Nero anstellte. All seine Erfolge hat er mir zu danken. Du weißt, wie es in Armenien aussieht. Als Nero Gesandte von dort empfangen sollte, ging ich in den Saal, um meinen rechtmäßigen Platz an seiner Seite einzunehmen. Seneca aber bat Nero, mich hinauszuführen, behutsam und ganz als liebender Sohn. Es war eine Beleidigung in aller Öffentlichkeit. Die Frau soll sich nicht in die Staatsgeschäfte einmischen, ja, aber es gibt eine Frau, die Nero zum Kaiser gemacht hat!«
Ich konnte mir vorstellen, was die armenischen Gesandten gedacht haben würden, wenn sie eine Frau öffentlich neben dem Kaiser hätten auftreten sehen, und fand, daß Nero in dieser Sache mehr Verstand bewiesen hatte als Agrippina, aber das konnte ich ihr nicht sagen. Ich betrachtete sie erschrocken, wie man eine verwundete Löwin betrachtet, und begriff, daß ich gerade rechtzeitig zurückgekehrt war, um die Entscheidung in dem Kampf darum mitzuerleben, wer in Rom herrschen sollte: Agrippina oder die Ratgeber Neros. Ich war überrascht, denn ich wußte, wie abhängig Nero einst von seiner Mutter gewesen war.
Verwirrt versuchte ich etwas von meinen eigenen Erlebnissen zu berichten, aber Agrippina hatte nicht die Geduld, mir zuzuhören. Erst als ich den Herzschlag des Prokonsuls Silanus erwähnte, merkte sie auf, nickte und sagte: »Es war das beste so, sonst wären wir eines Tages gezwungen gewesen, ihn wegen Verrats zu verurteilen. Alle Silvaner waren giftige Ottern in ihrem Familienstolz.«
In diesem Augenblick kam ein Diener herbeigeeilt und meldete, daß Nero sich, verspätet wie üblich, zu Tisch begeben hatte. Agrippina gab mir einen Schlag auf die Schulter und sagte: »Lauf, du Dummkopf! Lauf, und laß dich von niemandem aufhalten.«
So bezwingend war ihr Wille, daß ich mich wirklich halb laufend auf den Weg machte und allen Dienern, die mich aufhalten wollten, zu verstehen gab, ich sei zum Abendtisch des Kaisers geladen. Nero hielt in dem kleineren Speiseraum des Palastes Tafel, der nur etwa fünfzig Gäste faßte und schon so voll war, daß die Liegesofas nicht mehr ausreichten und je drei sich eines teilten. Mehrere Gäste mußten sogar sitzen. Nero war erhitzt und nachlässig gekleidet, aber sein angenehmes Jünglingsgesicht strahlte vor Freude. Er starrte mich zuerst kurzsichtig an, umarmte mich dann aber und ließ mir einen Stuhl neben seinen eigenen Ehrenplatz stellen.
»Die Musen waren mir gewogen!« rief er. Dann beugte er sich vor und flüsterte mir ins Ohr: »Minutus, Minutus, hast du je erfahren, was es heißt, aus ganzer Seele zu lieben? Lieben und geliebt werden, was kann der Mensch sich Schöneres wünschen!«
Er aß rasch und gierig, während er einem gewissen Terpnus Anweisungen gab. Man mußte mir erst sagen, daß Terpnus der berühmteste Zitherspieler jener Tage war, so ungebildet war ich noch. Während des Mahls komponierte er eine Weise zu den Liebesversen, die Nero am Nachmittag gedichtet hatte, und sang sie dann den atemlos lauschenden Gästen vor.
Seine Stimme war gut geschult und so kräftig, daß sie einem in die Eingeweide fuhr. Nach seinem Gesang zur Zither brachen wir alle in tosenden Beifall aus. Ich weiß nicht, wie kunstfertig Neros Verse waren und ob oder wieweit er andere Dichter nachahmte, aber so, wie Terpnus sie vortrug, machten sie einen großen Eindruck. Nero dankte mit gespielter Verschämtheit für den Beifall, nahm Terpnus das Instrument aus der Hand, schlug sehnsüchtig die Saiten an, wagte aber nicht zu singen, obwohl viele ihn darum baten.
»Eines Tages werde ich singen«, sagte er bescheiden. »Aber erst muß Terpnus meine Stimme ausbilden und kräftigen. Ich weiß wohl, daß aus meiner Stimme etwas werden kann, und wenn ich einmal singe, will ich nur mit den Besten in Wettstreit treten. Das ist mein einziger Ehrgeiz.«
Immer wieder bat er Terpnus, zu singen, und wurde es nicht müde, ihm zu lauschten. All denen, die sich bei ihren Bechern halblaut zu unterhalten versuchten, warf er zornige Blicke zu. Mir selbst fiel es zuletzt, offen gestanden, schwer, das Gähnen zu unterdrücken. Ich betrachtete die anderen Gäste und stellte fest, daß Nero bei der Wahl seiner Freunde nicht sonderlich auf Geburt und Rang achtete, sondern sich ganz von seinen persönlichen Neigungen leiten ließ.
Der vornehmste der Gäste war Marcus Otho, der wie mein Vater von den etruskischen Königen abstammte und dessen Vater der Senat eine Statue errichtet hatte. Er hatte jedoch wegen seiner Verschwendungssucht und Unverschämtheit einen schlechten Ruf, und ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß sein Vater ihn noch züchtigte, als er schon die Toga trug. Auch Claudius Senecio war anwesend, dessen Vater nur ein Freigelassener des Kaisers Gajus war. Die beiden waren stattliche junge Männer, die allen zu gefallen vermochten, wenn sie nur wollten. Einer der Gäste war ein reicher Verwandter Senecas, Annaeus Serenus, und Nero unterhielt sich flüsternd mit ihm, wenn Terpnus schwieg und seine Stimme mit Eiern glättete.
Wenn Nero dem Gesang lauschte, versank er in Träumerei und sah mit seinen schönen Zügen und dem rötlichen Haar wie ein marmorner Endymion aus. Zuletzt sandte er die meisten Gäste fort und behielt nur etwa zehn zurück. Auch ich blieb, da er mich nicht zu gehen bat. In seiner jugendlichen Lebenslust hatte er den Abend noch nicht genug genossen und schlug uns vor, wir sollten uns verkleiden und den Palast heimlich verlassen, um uns in der Stadt zu unterhalten.