Er selbst legte Sklavenkleidung an und zog sich eine Kapuze über den Kopf. Wir waren allesamt so betrunken, daß wir alles spaßig fanden. Lachend und johlend schwankten wir die steile Straße zum Forum hinunter, und nur als wir am Haus der Vestalinnen vorbeikamen, geboten wir einander zu schweigen. Otho machte einige unflätige Bemerkungen, die bewiesen, daß er völlig gottlos war.
In der Straße der Goldschmiede stießen wir auf einen betrunkenen Ritter, der darüber klagte, daß er seine Gesellschaft verloren hatte. Nero suchte Streit mit ihm und schlug ihn nieder, als er handgreiflich werden wollte. Er war sehr kräftig für seine achtzehn Jahre. Otho zog seinen Mantel aus, und mit diesem prellten wir den Ritter hoch in die Luft. Zuletzt stieß Senecio ihn in eine Kloakenöffnung, aber wir zogen ihn wieder heraus, denn ertrinken sollte er doch nicht. Dann trommelten wir mit den Fäusten gegen die geschlossenen Läden der Geschäfte und rissen die Schilder los, die wir als Triumphzeichen mitnahmen, und schließlich erreichten wir die stinkenden Gassen Suburras.
Dort drangen wir in eine kleine Schenke ein, warfen, die Gäste hinaus und zwangen den Wirt, uns Wein anzubieten. Der Wein war, wie nicht anders zu erwarten, schlecht, und zur Strafe zerschlugen wir alle Krüge, so daß das elende Gesöff über den Boden und hinaus auf die Straße rann. Als der Wirt in seiner Machtlosigkeit zu weinen begann, versprach ihm Serenus jedoch, er werde ihm den Schaden ersetzen. Nero war sehr stolz auf eine Platzwunde auf der einen Wange und verbot uns streng, den Ochsentreiber aus Latium zu bestrafen, der sie ihm geschlagen hatte, ja er nannte den grobschlächtigen Flegel auch noch einen Ehrenmann.
Senecio war dafür, irgendein Bordell aufzusuchen, aber Nero sagte traurig, er dürfe seiner strengen Mutter wegen nicht einmal mit den besten Dirnen verkehren. Serenus machte eine geheimnisvolle Miene, beschwor uns zu schweigen und führte uns zu einem schönen Haus auf dem Hang des Palatins. Er erzählte uns, daß er es für die schönste Frau der Welt gekauft und eingerichtet habe. Nero gab sich schüchtern und verwirrt und fragte mehrere Male: »Dürfen wir sie wohl so spät noch stören?« und: »Was meinst du, werde ich ihr vielleicht ein Gedicht vortragen dürfen?«
All das war Verstellung, denn in dem Haus wohnte niemand anders als die freigelassene griechische Sklavin Acte, in die Nero sich bis über beide Ohren verliebt hatte. Serenus war nur zum Schein ihr Liebhaber, um ihr in seinem Namen die zahllosen Geschenke Neros übergeben zu können. Ich muß zugeben, daß Acte mit ihren reinen Zügen bewundernswert schön war, und offensichtlich war auch sie wirklich verliebt, denn sie war außer sich vor Freude, als sie da gegen Morgen geweckt wurde, um den betrunkenen Nero und seine Zechkumpane zu empfangen.
Nero schwor, daß Acte von König Attalus abstamme, was er eines Tages der ganzen Welt zu beweisen gedachte. Mir gefiel es nicht, daß er uns das Mädchen unbedingt nackt zeigen wollte, um mit ihrer schneeweißen Haut zu prahlen. Das wohlerzogene Mädchen weigerte sich zuerst auch, aber Nero hatte nur sein Vergnügen daran, daß sich ihre Wangen vor Scham röteten, und sagte, er könne seinen Freunden nichts vorenthalten, und sie müßten selbst sehen, daß er der glücklichste und beneidenswerteste Mann der Welt sei.
So begann mein neues Leben in Rom, und es war kein ehrbares Leben. Nach einiger Zeit bot mir Nero seine Fürsprache an, falls ich irgendein Amt wünschte, ja er war sogar bereit, dafür zu sorgen, daß ich eine Kohorte der Prätorianergarde bekam. Ich lehnte ab und sagte, ich wollte nur sein Freund und Begleiter sein, um die Lebenskunst zu erlernen. Das gefiel ihm, und er antwortete mir: »Du wählst klug, Minutus. Jedes noch so leichte Amt ist eine Zeitvergeudung.«
Zu Neros Ehre muß ich sagen, daß er gerecht und bedachtsam urteilte, wenn er in Angelegenheiten zu Gericht sitzen mußte, die er nicht auf den Stadtpräfekten oder den Präfekten der Prätorianer, Burrus, abschieben konnte. Er beschränkte die Suada der Advokaten auf das nötige Maß und forderte von den anderen Richtern schriftliche Gutachten an, um ihren Schmeicheleien zu entgehen. Nachdem er die verschiedenen Gutachten gelesen hatte, fällte er am nächsten Tag nach eigenem Gutdünken das Urteil. Er verstand es trotz seiner Jugend, würdevoll in der Öffentlichkeit aufzutreten, obwohl er nach Künstlerart nachlässig gekleidet ging und das Haar lang trug.
Ich beneidete ihn nicht um sein Los. Es ist nicht einfach, mit siebzehn Jahren zum römischen Imperator ausgerufen zu werden und, ständig von einer eifersüchtigen und machtlüsternen Mutter bedrängt, über die Welt zu herrschen. Ich glaube, nur seine innige Liebe zu Acte bewahrte ihn davor, Agrippinas Einfluß zu unterliegen. Daß sie ihn auch von seiner Mutter entfernte, bereitete ihm Kummer, aber er konnte ihre gehässigen Worte über Acte nicht ertragen, und er hätte gewiß eine schlechtere Wahl treffen können, denn Acte mischte sich nicht in die Politik ein und verlangte nicht einmal Geschenke von ihm, wenngleich sie sich über die freute, die sie bekam.
Allmählich und ohne daß er es merkte, gelang es Acte auch, in Nero die Wildheit der Domitier zu zügeln. Sie verehrte Seneca, und Seneca begünstigte daher insgeheim auch diese Liebschaft. Er war der Meinung, daß es für Nero viel gefährlicher wäre, wenn er sich in eine vornehme, geburtsstolze römische Jungfrau oder junge Matrone verliebte. Neros Ehe mit Octavia war eine reine Formsache. Er hatte Octavia noch nicht beigewohnt, da sie noch zu kindlich war. Außerdem verabscheute er sie darum, daß sie die Schwester des Britannicus war, und ich muß selbst sagen, daß Octavia nicht viel Einnehmendes an sich hatte. Sie war ein verschlossenes hochmütiges Mädchen, mit dem man kaum ein vernünftiges Wort reden konnte, und hatte leider nichts von der Schönheit und dem Zauber ihrer Mutter Messalina geerbt.
Agrippina war zu klug, um nicht letzten Endes einzusehen, daß ihre Vorwürfe und Zornausbrüche Nero nur abstießen. Sie wurde wieder die zärtliche Mutter, streichelte und küßte ihn und bot ihm an, ihr Schlafgemach zu teilen, damit sie seine engste Vertraute werden könne. Auf Grund all dessen plagte ihn nun ständig das Gewissen. Einmal, als er aus dem Kleider- und Schmuckvorrat des Palatiums ein Geschenk für Acte auswählte, legte er, von seinem schlechten Gewissen getrieben, in aller Unschuld das schönste Kleid und einen Juwelenschmuck für Agrippina zur Seite, aber Agrippina geriet darüber in maßlosen Zorn und schrie, daß alle Kostbarkeiten des Palastes ohnehin ihr gehörten, da sie sie nach Claudius geerbt hatte, und daß Nero nur dank ihrem stillschweigenden Einverständnis darüber verfügen durfte.
Auch ich zog mir den Zorn Agrippinas zu, weil ich ihr nach ihrer Meinung nicht aufrichtig genug berichtete, was Nero und seine Freunde anstellten und welche politischen Ansichten sie hegten. Es war, als hätte diese durch ihre Erfahrungen bitter gewordene Frau plötzlich jeden Halt verloren, als sie zu begreifen begann, daß sie nicht durch ihren Sohn über Rom herrschen konnte. Ihre Züge verkrampften sich zu abstoßender Häßlichkeit, ihre Augen starrten wie die der Medusa, und ihre Sprache wurde so grob und unflätig, daß es einem schwerfiel, ihr zuzuhören. Ich dachte nicht mehr gut von ihr.
Ich glaube, der eigentliche Grund dafür, daß Nero sich mit seiner Mutter nicht vertrug, war der, daß er sie zu sehr liebte, mehr liebte, als ein Sohn seine Mutter lieben soll, und daran war Agrippina selbst schuld. Er fühlte sich zugleich zu ihr hingezogen und von ihr abgestoßen und flüchtete deshalb in Actes Arme oder tobte sich bei nächtlichen Schlägereien in den Gassen Roms aus. Andrerseits verhielt es sich wohl so, daß Senecas Tugendlehre seinem innersten Wesen Zwang auferlegte und Nero sich wenigstens nach außen hin als ein würdiger Schüler zu erweisen versuchte. Agrippina aber beging in ihrer rasenden Eifersucht den Fehler, die Beherrschung zu verlieren.