Ihre einzige, dafür aber um so kräftigere Stütze war der griechische Freigelassene Pallas, der von sich behauptete, er stamme von den sagenhaften arkadischen Königen ab, und der, nachdem er dem Staat unter drei Kaisern gedient hatte, so schlau und vorsichtig geworden war, daß er niemals mit seinen Sklaven sprach, damit ihm keiner seine Worte verdrehe, sondern alle Befehle schriftlich gab. Ich für mein Teil glaube, daß er selbst das Gerücht ausstreute, Agrippina habe ein Verhältnis mit ihm. Jedenfalls war es Pallas gewesen, der Claudius als erster geraten hatte, sich mit ihr zu vermählen, und es war verständlich, daß die Freundschaft, die sie ihm, dem ehemaligen Sklaven, öffentlich erwies, ihm schmeichelte.
Nero behandelte er, als wäre er ein unvernünftiger Knabe, und er nutzte jede Gelegenheit, zu beweisen, wie unentbehrlich seine Erfahrungen dem Staate waren. Als Nero die Steuern senken wollte, um dem Volk und den Provinzen zu gefallen, stimmte ihm Pallas scheinbar bereitwillig zu, fragte dann aber spöttisch, wo der Herrscher die Einkünfte hernehmen wolle, die der Staat brauchte, und bewies mit eindeutigen Zahlen, daß dem Reich der Bankrott drohte, wenn die Steuern gesenkt würden. So begabt Nero in vielen anderen Dingen war: von Zahlen verstand er nichts, und im übrigen war er der Ansicht, daß das Rechnen eines Kaisers nicht würdig, sondern Sache der Sklaven sei.
Pallas war ein furchtloser Mann. Vor einem Vierteljahrhundert hatte er ohne Zögern sein Leben aufs Spiel gesetzt und war nach Capri geeilt, um die Verschwörung des Sejanus aufzudecken. Sein Vermögen war ungeheuer – man sprach von dreihundert Millionen Sesterze –, und ebenso groß war sein Einfluß. Britannicus und Octavia achtete er als Kinder des Claudius, und an Messalinas erbärmlichem Tod war er nicht unmittelbar mitschuldig. Als er sich seinerzeit bereit erklärte, die Staatsfinanzen zu übernehmen, hatte Claudius ihm versprechen müssen, daß er nie Rechenschaft von ihm fordern werde, und das gleiche Versprechen hatte Pallas auch Nero am Tag seines Machtantritts abverlangt, als er die Gelder, die Nero den Prätorianern versprochen hatte, aus der Staatskasse zahlte.
Er war jedoch ein alternder, müder Mann, und die Verwaltung der Staatsfinanzen hatte, wie man von allen Seiten hören konnte, mit der gewaltigen Entwicklung Roms nicht Schritt gehalten, sondern war in alten Traditionen erstarrt. Trotzdem betrachtete sich Pallas als unentbehrlich. Jedesmal wenn er mit Nero Streit hatte, drohte er, von seinem Amt zurückzutreten, was, wie er sagte, den unmittelbaren Zusammenbruch der Finanzen zur Folge haben würde, und spöttisch fügte er hinzu: »Frag nur deine Mutter, wenn du mir nicht glaubst.«
Seneca, der für seine eigene Stellung fürchtete, unternahm an Neros Stelle den entscheidenden Schritt. Mit Hilfe der geschicktesten Bankiers Roms arbeitete er in allen Einzelheiten einen Plan für die Verwaltung der Staatsfinanzen und eine gründliche Erneuerung des Steuerwesens zum Nutzen für den Staat und die Wirtschaft aus. Dann beriet er sich mit Burrus und ließ die Prätorianer das Palatium und das Forum bewachen. Zu Nero sagte er: »Bist du der Kaiser, oder bist du es nicht? Ruf Pallas zu dir und sag ihm, daß er zu gehen hat.«
Nero fürchtete und verehrte Pallas so sehr, daß er fragte: »Soll ich ihm nicht lieber einen schriftlichen Befehl schicken, wie er selbst es zu tun pflegt?«
Aber Seneca wollte Nero hart machen und verlangte, er müsse Pallas selbst gegenübertreten, so schwer es ihn auch ankomme. Pallas hatte natürlich schon von der Neuordnung gehört, aber er verachtete den Schulmeister und Philosophen Seneca zu sehr, um die Gerüchte ernst zu nehmen. Nero wollte seine Freunde um sich haben, um ihren Beifall einzuheimsen, wenn er als Herrscher auftrat, allerdings aber auch, weil er ihren Beistand nötig hatte, und so kam es, daß auch ich dieses unangenehme Ereignis mit eigenen Augen bezeugen mußte.
Als Pallas die Aufforderung erhielt, vor Nero zu erscheinen, stand er bereits unter Bewachung, so daß es ihm nicht mehr möglich war, Agrippina zu benachrichtigen. Er trat stolz und furchtlos vor Nero hin, und nicht eine Miene rührte sich in seinem von Sorge und Verantwortung gefurchten Gesicht, als dieser mit schönen Gebärden eine wohlklingende Rede zu seinen Ehren hielt, ohne die arkadischen Könige zu vergessen, und ihm gerührt für die Dienste dankte, die er dem Staat geleistet hatte.
»Ich kann es nicht länger ertragen, dich vor der Zeit altern und unter dem Gewicht der allzu großen Verantwortung, über die du selbst so oft geklagt hast, zusammenbrechen zu sehen«, schloß Nero. »Als besondere Gunst gestatte ich dir, dich unverzüglich auf dein Landgut zurückzuziehen, von dessen Pracht das Gerücht zu berichten weiß, um bis zum Ende deiner Tage die Reichtümer zu genießen, die du angesammelt hast, ohne daß das geringste Mißtrauen deinen Ruf befleckt.«
Pallas antwortete darauf nur: »Du erlaubst doch wohl, daß ich, bevor ich gehe, den Reinigungseid im Kapitol ablege, wie es mir in meiner Stellung zukommt.«
Nero erwiderte, daß er sein Versprechen halten und einem so treuen, zuverlässigen Diener des Staates einen solchen Eid nicht abverlangen wolle. Wenn aber Pallas, um sein Gewissen zu erleichtern, darauf bestände, so habe er, Nero, nichts dagegen einzuwenden; im Gegenteiclass="underline" der Eid würde den Gerüchten ein Ende machen, die über die Habgier des Pallas im Umlauf seien.
Wir drückten alle durch eifriges Klatschen, Gelächter und Zurufe unseren Beifall aus. Nero reckte sich in seinem purpurnen Imperatorenmantel wie ein Hahn und lächelte zufrieden vor sich hin. Pallas begnügte sich damit, uns der Reihe nach kalt in die Augen zu blicken, und ich werde diesen Blick nie vergessen, so voll eisiger Verachtung für uns, die besten Freunde Neros, war er. Später gestand ich mir beschämt, daß ein Vermögen von dreihundert Millionen Sesterze keine übermäßig reichliche Entschädigung für die ordentliche Verwaltung der ungeheuren Finanzen des römischen Reiches durch volle fünfundzwanzig Jahre war. Seneca hatte, als Wiedergutmachung für seine Verbannung ebensoviel in nur fünf Jahren eingestrichen, und ich schweige von meinem eigenen Vermögen, dessen Umfang Du, mein Sohn Julius, nach meinem Tode anhand des Nachlaßverzeichnisses ermitteln wirst. Ich selbst habe mir seit Jahren nicht mehr die Mühe genommen, es auch nur annähernd abzuschätzen.
Das Ausrücken der Prätorianer brachte ganz Rom auf die Beine, und das Volk versammelte sich auf dem Forum und den anderen Plätzen. Die Nachricht, daß Pallas in Ungnade gefallen war, löste allgemeine Freude aus, denn was verschafft der Masse größere Genugtuung als der Sturz eines vermögenden und allzu einflußreichen Mannes! Bald äfften umherziehende Gaukler die großartigen Gebärden des Pallas an allen Straßenecken nach und dichteten Spottlieder auf ihn.
Als aber Pallas mit einem Gefolge von achthundert Freigelassenen und Helfern vom Palatin herabgeschritten kam, verstummte der Volkshaufe und machte seinem feierlichen Zuge ehrerbietig Platz. Pallas verließ sein Amt wie ein orientalischer König. Sein Gefolge funkelte vor kostbaren Stoffen, Silber und Juwelen. Niemand treibt mehr Aufwand mit seiner Kleidung als ein ehemaliger Sklave, und Pallas hatte allen befohlen, in ihren besten Gewändern zu erscheinen.
Selbst trug er nur einen einfachen weißen Mantel, als er den Kapitolinischen Hügel hinaufstieg, zuerst zur Münze im Tempel der Juno Moneta und von dort zur Staatskasse im Saturntempel. Vor den Götterbildern in beiden Tempeln legte er den Reinigungseid ab, den er danach im Jupitertempel noch einmal bekräftigte.
Um Verwirrung zu stiften, nahm Pallas alle seine Freigelassenen mit, die er im Lauf der Jahre für die verschiedenen Aufgaben ausgebildet hatte. Vermutlich hoffte er, Nero werde gezwungen sein, ihn nach wenigen Tagen zurückzurufen. Seneca hatte diesen Fall jedoch vorausgesehen. Fünfhundert geschickte Sklaven, die von den Bankiers zur Verfügung gestellt worden waren, besetzten unverzüglich das Amtsgebäude des Pallas auf dem Palatin, und mehrere Untergebene des Pallas kehrten bereitwillig zu ihren früheren Beschäftigungen zurück, sobald dieser die Stadt verlassen hatte. Seneca behielt sich selbst die höchste Verfügungsgewalt vor und gründete eine Art Staatsbank, die auf seine Rechnung große Summen an Ägypten und die britischen Stammeskönige auslieh. Auf diese Weise arbeitete das Geld und trug Seneca Zinsen ein.