Nero wagte mehrere Tage nicht vor seine Mutter zu treten. Agrippina fühlte sich tödlich beleidigt, schloß sich in ihren Gemächern im Palatium ein und rief Britanniens mit seinem Gefolge und seinen Lehrern zu sich, um zu zeigen, an wen sie sich hinfort zu halten gedachte. Zum Gefolge des Britannicus gehörte Vespasians Sohn Titus und eine Zeitlang auch Annaeus Lucanus, dessen Vater ein Vetter Senecas war und der selbst viel zu gute Verse machte, um Nero gefallen zu können. Denn Nero umgab sich zwar gern mit Dichtern und Künstlern und ordnete ab und zu sogar einen Wettstreit unter den Dichtern an, aber er mochte nie zugeben, daß ein anderer ihm überlegen sei.
Nero glaubte seine Rolle bei der Absetzung des Pallas sehr geschickt gespielt zu haben, aber sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe, wenn er an seine Mutter dachte. Gleichsam zur Buße übte er nun unter der Anleitung des Terpnus seine Stimme mit Eifer und Ausdauer, fastete und lag stundenlang mit einer Bleiplatte auf der Brust auf dem Rücken. Seine Stimmbildungsübungen hörten sich kläglich an, und wir schämten uns, offen gestanden, für ihn und achteten darauf, daß nicht etwa ein alter Senator oder ein Gesandter, der sich gerade im Palatium aufhielt, ihn hörte.
Die guten Nachrichten, die zu dieser Zeit aus Armenien eintrafen, stärkten in gewissem Sinne sein Selbstbewußtsein. Auf Senecas und Burrus’ Rat hatte Nero Corbulo, den berühmtesten Feldherrn Roms, aus Germanien zurückberufen und nach Armenien geschickt, damit er dort die Unruhen niederschlage. Daß dieser Pufferstaat von den Parthern besetzt worden war, stellte nach römischer Überlieferung einen ausreichenden Kriegsgrund dar.
In gegenseitigem Wettstreit um den Oberbefehl hatten Corbulo und der Prokonsul in Syrien nach Eilmärschen das Ufer des Euphrat besetzt und so viel Entschlossenheit bewiesen, daß die Parther es für angezeigt hielten, Armenien zu räumen, ohne daß es zu regelrechten Kampfhandlungen gekommen wäre. Der Senat beschloß, in Rom ein Dankfest zu feiern, erteilte Nero das Triumphrecht und ließ sein Liktorenbündel mit Lorbeer umwinden.
Diese Geschehnisse waren ganz dazu angetan, die Öffentlichkeit wieder zu beruhigen. Viele hatten nämlich befürchtet, Neros Entschlossenheit könne zu einem Krieg mit den Parthern führen, und das Geschäftsleben Roms war durch die Kriegsgerüchte empfindlich gestört worden.
Die Saturnalien wurden in diesem Jahr vier Tage lang und ausgelassener denn je zuvor gefeiert. Einer versuchte den andern an kostbaren Geschenken zu überbieten, und man lachte über die geizigen Alten, die am überlieferten Brauch festhalten wollten und nur Tonfiguren und Festbrot austauschten. Im Palatium füllte sich ein ganzer großer Saal mit Geschenken für Nero, denn die Vornehmen und Reichen in den Provinzen hatten sich kostbare und ungewöhnliche Geschenke ausgedacht, und alle diese Geschenke, ihr Wert und ihre Spender mußten genau verzeichnet werden, da Nero es seiner Stellung schuldig zu sein glaubte, jede Gabe mit einer noch wertvolleren zu vergelten.
In den Straßen fanden Narrenumzüge statt, überall wurde auf der Zither gespielt, gesungen und gejohlt. Sklaven stolzierten in den Gewändern ihrer Herren einher, und diese bedienten gutmütig ihre Sklaven und führten ihre Befehle aus, denn in diesen Tagen hob Saturn den Unterschied zwischen Herren und Sklaven auf.
Nero lud wie üblich die vornehmsten jungen Männer Roms in den Palast. Bei der Auslosung wurde er der Saturnalienkönig, der die Macht hatte, von den anderen die ausgefallensten Tollheiten zu verlangen. Wir hatten bereits so viel Wein getrunken, daß die schwächeren schon die Wände anspien, als Nero auf den Gedanken verfiel, Britannicus müsse uns etwas vorsingen. Zweifellos sollte er gedemütigt werden, und Britannicus mußte dem Festkönig gehorchen, obwohl seine Lippen zitterten. Wir bereiteten uns auf ein großes Gelächter vor, aber zu unserer Überraschung ergriff Britannicus entschlossen die Zither und sang ergreifend das traurigste aller Klagelieder, das mit den Worten beginnt: »O Vater, o Land der Väter, o Priamos’ Reich …«
Wir lauschten aufmerksam und ohne einander anzusehen. Als Britannicus dieses Lied vom sterbenden Troja beendet hatte, herrschte eine beklemmende Stille im ganzen Saal. Wir konnten ihm nicht Beifall spenden, denn er hatte durch dieses Klagelied gezeigt, daß er sich als übergangen und widerrechtlich der Macht beraubt betrachtete. Wir konnten aber auch nicht lachen, denn zu tief war die Trauer, die sein Lied ausdrückte.
Die schöne Stimme und das geglückte Auftreten des Britannicus waren eine unangenehme Überraschung für Nero, aber er verbarg seine wahren Gefühle und lobte seine Begabung mit schmeichelhaften Worten. Nach einer Weile verließ uns Britannicus, da er sich, wie er sagte, nicht wohl fühlte. Ich glaube, er fürchtete nach der Aufregung einen seiner Anfälle. Auch seine Freunde gingen, und einige streng erzogene junge Männer nutzten die Gelegenheit und schlossen sich ihnen an. Nero legte das, mit oder ohne Grund, als eine Kundgebung gegen ihn selbst aus und raste vor Zorn.
»Dieses Lied bedeutet Bürgerkrieg!« rief er. »Erinnert euch, daß Pompejus erst achtzehn und der Gott Augustus neunzehn Jahre alt war, als sie im Bürgerkrieg eine Legion befehligten. Wir brauchen also nicht mehr lange zu warten! Wenn Rom lieber einen übellaunigen fallsüchtigen Knaben zum Herrscher hat als mich, lege ich die Macht nieder und gehe nach Rhodos. Nie werde ich den Staat in die Greuel eines Bürgerkrieges stürzen. Es ist besser, sich die Pulsadern aufzuschneiden oder Gift zu nehmen, als zuzulassen, daß dem Vaterland dies geschieht!«
Wir erschraken über diese Worte, so betrunken wir auch waren. Einige verabschiedeten sich und gingen. Wir anderen rühmten Nero und versuchten ihm zu erklären, daß Britannicus gegen ihn machtlos sei. Aber Nero sagte: »Zuerst Mitregent. Damit droht mir meine Mutter. Dann Bürgerkrieg. Wer weiß, was für eine Proskriptionsliste Britannicus im stillen schon aufgestellt hat. Ihr steht vielleicht alle schon darauf.«
Der bloße Gedanke war schrecklich. Nero hatte recht, wenn wir auch zu lachen versuchten und meinten, als Saturnalienkönig dürfe er so grimmig scherzen, wie er nur wolle. Er nahm das Spiel wieder auf und erteilte uns freche Aufträge. Einer mußte den einen Schuh einer Vestalin herbeischaffen. Senecio erhielt den Befehl, die alte Hofdame, der er es verdankte, daß er trotz seiner niedrigen Geburt in den Palast Eingang gefunden hatte, zu wecken und herbeizuholen. Doch Nero war dieser einfältigen Streiche bald müde und wollte etwas Unmögliches. Es waren nur noch wenige von uns übrig, als er plötzlich rief: »Meinen Lorbeerkranz dem, der mir Locusta bringt!«
Die anderen schienen zu wissen, wen er meinte, aber ich fragte in aller Unschuld: »Wer ist Locusta?«
Niemand wollte mir antworten. Da sagte Nero selbst: »Locusta ist eine Frau, die viel gelitten hat und ein Pilzgericht für Götter zuzubereiten versteht. Vielleicht gelüstet es mich heute abend nach einer Götterspeise, da ich so blutig gekränkt worden bin.«
Ohne auf seine dunklen Worte zu achten, rief ich: »Gib mir deinen Kranz. Ich habe von dir noch keinen Auftrag bekommen.«
»Ja, du, Minutus Lausus, mein bester Freund, sollst den schwersten Auftrag bekommen«, sagte Nero. »Minutus soll unser Saturnalienheld sein.«
»Und nach uns das Chaos«, sagte Otho.
»Nein, nicht nach uns, jetzt!« rief Nero. »Warum sollten wir es unversucht lassen!«
In diesem Augenblick kam die alte Hofdame, halbnackt, betrunken wie eine Bacchantin und Myrtenzweige um sich streuend, während Senecio, dem die Schamröte ins Gesicht stieg, sie zurückzuhalten versuchte. Diese Frau wußte alles, was in Rom vorging, und ich fragte sie, wo Locusta zu finden sei. Meine Frage verwunderte sie nicht. Sie hielt sich nur die Hand vor den Mund, kicherte und sagte, ich solle mich in der Gegend des Caelius nach ihr erkundigen. Ich machte mich eilig auf den Weg. Die Stadt war hell erleuchtet. Ich brauchte nicht lang zu fragen und stand auch schon vor Locustas kleinem Haus. Auf mein Klopfen öffnete mir zu meiner Verwunderung ein zorniger Prätorianer, der mir einzutreten verbot. Erst als er meinen schmalen roten Streifen sah, wurde er höflicher und erklärte: »Locusta ist wegen schwerer Verbrechen verurteilt worden und steht unter Bewachung. Sie darf mit niemandem sprechen. Ihretwegen komme ich um die Freuden der Saturnalien.«