Ich eilte zum Prätorianerlager, um mit seinem Vorgesetzten zu sprechen, und dieser war zum Glück Julius Pollio, ein Bruder meines Jugendfreundes, des Bücherwurms Lucius Pollio. Er war nun Kriegstribun bei der Prätorianergarde. Er widersetzte sich dem Befehl des Saturnalienkönigs nicht, sondern nutzte die Gelegenheit, selbst vor Nero zu erscheinen und sagte: »Ich bin für die Frau verantwortlich. Deshalb muß ich mitgehen und Locusta bewachen.«
Locusta war noch nicht alt, aber ihr Gesicht glich einer Totenmaske, und das eine ihrer Beine war auf der Folter so schwer verstümmelt worden, daß wir eine Sänfte herbeischaffen mußten, um sie ins Palatium zu bringen. Unterwegs sprach sie nicht ein einziges Wort, sondern starrte nur mit bitterer Miene vor sich hin. Sie hatte etwas Furchteinflößendes.
Nero war mit den letzten noch übrigen Gästen in den kleinen Saal gegangen und hatte die Sklaven fortgeschickt. Zu meiner Verwunderung hatten sich Seneca und Burrus mitten in der Nacht der Gesellschaft angeschlossen. Ich weiß nicht, ob Nero selbst nach ihnen geschickt oder ob Otho, den Neros Stimmung erschreckte, es getan hatte. Von der fröhlichen Festeslaune war nichts mehr zu spüren. Jeder wich dem Blick des andern aus, als hätte er vor irgend etwas Angst.
Als Seneca Locusta erblickte, sagte er zu Nero: »Du bist der Herrscher. Du entscheidest. So hat es das Schicksal bestimmt. Mir aber erlaube zu gehen.« Er verhüllte sich das Haupt mit einem Zipfel seines Mantels und ging.
Als Burrus zögerte, sagte Nero heftig: »Soll ich schwächer sein als meine Mutter? Ich werde doch wohl mit dieser treuen Freundin meiner Mutter sprechen und sie nach der Speise der Götter fragen dürfen.« In meiner Unschuld dachte ich, Locusta sei vielleicht eine der früheren Köchinnen des Palastes. Burrus erwiderte finster: »Du bist der Herrscher. Du weißt selbst am besten, was du tust.« Auch er verließ mit gesenktem Kopf die Gesellschaft. Sein verkrüppelter Arm hing schlaff an seiner Seite nieder.
Nero sah sich mit starrem Blick um und befahclass="underline" »Geht alle und laßt mich allein mit der lieben Freundin meiner Mutter. Wir müssen uns über allerlei wichtige Fragen der Kochkunst unterhalten.«
Ich führte Julius Pollio in den nun leeren großen Saal, wo er Wein trinken und von den Resten des Mahls essen konnte. »Wessen ist Locusta angeklagt, und was hat sie mit Agrippina zu tun?« fragte ich neugierig.
Julius Pollio sah mich verwundert an und fragte seinerseits: »Weißt du denn nicht, daß Locusta Roms geschickteste Giftmischerin ist? Sie hätte längst nach der Lex Julia abgeurteilt werden sollen, aber dank Agrippina ist die Verhandlung immer wieder aufgeschoben worden, und nach dem für Giftmischer üblichen peinlichen Verhör wurde sie nur in ihrem eigenen Haus unter Bewachung gestellt. Ich glaube, sie hatte so viel zu sagen, daß die Männer, die sie verhörten, es mit der Angst zu tun bekamen.«
Ich war entsetzt und unfähig, ein Wort zu sagen. Julius Pollio zwinkerte mir zu, nahm einen Schluck Wein und fragte: »Hast du nicht einmal von dem Pilzgericht gehört, das Claudius zum Gott machte? Ganz Rom weiß, daß Nero es nur der geschickten Zusammenarbeit seiner Mutter und Locustas zu verdanken hat, daß er Imperator wurde.«
»Ich habe mich in den Provinzen aufgehalten und glaube nicht alles, was in Rom geredet wird«, sagte ich heftig, während mir die wildesten Gedanken durch den Kopf gingen. Zuerst dachte ich, Nero wolle sich Gift verschaffen, um seinem eigenen Leben ein Ende zu machen, wie er es an diesem Abend angedroht hatte, aber dann sah ich klarer.
Ich glaubte nun zu verstehen, warum Seneca und Burrus gekommen waren, nämlich wenn es sich wirklich so verhielt, daß Nero, durch das trotzige Auftreten des Britannicus gekränkt, Locusta selbst ins Verhör nehmen wollte, um seine Mutter des Giftmordes an Claudius anzuklagen. Wenn er Agrippina damit drohte, brachte er sie zum Schweigen oder konnte sogar erreichen, daß sie nach einem geheimen Prozeß aus Rom verbannt wurde, öffentlich anklagen konnte er seine Mutter nicht, und dieser Gedanke beruhigte mich, obwohl ich nicht glauben mochte, daß Agrippina Claudius ermordet hatte. Ich hatte ja schon einige Jahre vor seinem Tod gehört, daß er an Magenkrebs litt.
Nachdem ich eine Weile nachgedacht hatte, sagte ich: »Es ist wohl für uns beide das beste, über alles, was heute nacht geschehen ist, den Mund zu halten.«
Julius Pollio lachte und antwortete: »Ich habe nichts zu befürchten. Ein Soldat gehorcht ohne Widerspruch dem Befehl.«
Ich schlief schlecht in dieser Nacht und hatte Träume, die Schlimmeres voraussagten. Am Morgen hielt es mich nicht in Rom. Ich reiste auf das Landgut meines Vaters bei Caere und nahm nur Barbus mit. Es war eisigkalt und die dunkelste Zeit des Jahres, aber ich wollte in ländlicher Ruhe und Ungestörtheit versuchen, einen lang gehegten Plan auszuführen und ein Buch über meine Erlebnisse in Kilikien zu schreiben.
Zum Dichter taugte ich nicht, das hatte ich wohl bemerkt. Einen eigentlichen historischen Bericht über den Aufstand der Kliter konnte ich auch nicht schreiben, wenn ich den König in Kilikien und den Prokonsul in Syrien nicht in ein schlechtes Licht stellen wollte. Ich erinnerte mich der griechischen Abenteuergeschichten, die ich bei Silanus gelesen hatte, um mir die Zeit zu vertreiben, und beschloß, eine der üblichen derb-komischen Räubergeschichten zu schreiben. Ich wollte die lächerlichen Seiten meiner Gefangenschaft herausstreichen und meine Leiden mit ein paar Worten übergehen. Einige Tage lang vertiefte ich mich so eifrig in diese Arbeit, daß ich Zeit und Ort vergaß. Ich glaube, es gelang mir, mich von den bedrückenden Erlebnissen meiner Gefangenschaft zu befreien, indem ich mich scherzend über sie hinwegsetzte.
Als ich gerade die letzten Zeilen schrieb, daß die Tinte spritzte, erhielt ich aus Rom die überraschende Nachricht, daß Britannicus während eines Versöhnungsmahles im Kreise der kaiserlichen Familie einen schweren Anfall erlitten hatte. Man hatte ihn zu Bett gebracht, und dort hatte er kurz darauf den Geist aufgegeben. Niemand hatte auch nur ahnen können, daß es so weit mit ihm kommen würde, denn sonst hatte er sich immer rasch von seinen Anfällen erholt.
Mit dem Hinweis auf die Sitte der Väter, schmerzliche Geschehnisse zu verbergen, hatte Nero die Leiche des Britannicus noch in derselben Nacht im winterlichen Regen auf dem Marsfeld verbrennen und seine Gebeine ohne Lobrede oder öffentlichen Umzug in das Mausoleum des Gottes Augustus schaffen lassen. In seiner Rede an den Senat und das Volk erklärte er, seine einzige Hoffnung und Zukunft sei nun das Vaterland, nachdem er die Hilfe und den Beistand seines Bruders bei der Regierung des Reiches auf so unerwartete Weise verloren habe.
Der Mensch glaubt gern, was er hofft. Daher empfand ich zunächst nichts als eine ungeheure Erleichterung. Der plötzliche Tod des Britannicus löste meiner Meinung nach alle politischen Konflikte auf die für Nero und ganz Rom glücklichste Weise. Agrippina konnte nun nicht mehr auf Britannicus verweisen, wenn sie Nero wegen seines Undanks tadelte, und das Gespenst des Bürgerkriegs verblaßte.
Auf dem Grunde meiner Gedanken lauerte jedoch ein heimlicher Zweifel, wenn ich es mir auch nicht eingestehen wollte. Daher mochte ich nicht nach Rom zurückkehren und blieb in Caere, obwohl ich nur meine Zeit vergeudete. Ich hörte, daß Nero das große Vermögen, das er nach Britannicus erbte, unter seine Freunde und die einflußreichsten Senatoren aufteilte, und es hatte den Anschein, als werfe er mit Geschenken um sich, weil er sich die Gunst aller erkaufen wollte. Ich selbst mochte an dem Erbe nach Britannicus keinen Anteil haben.