Als ich zu Frühjahrsbeginn endlich nach Rom zurückkehrte, hatte Nero Agrippina die Ehrenwache genommen und ihr selbst befohlen, den Palast zu verlassen und in das verfallene Haus Antonias, der verstorbenen Mutter des Claudius, zu übersiedeln. Dort besuchte er sie ab und zu, aber nie ohne Zeugen, deren Gegenwart sie zwang, ihren Zorn zu meistern.
Agrippina hatte befohlen, dem Claudius auf dem Caelius einen Tempel zu errichten, und man hatte auch schon mit den Arbeiten begonnen. Nero ließ die Gerüste wieder niederreißen und sagte, er brauche den Baugrund für seine eigenen Zwecke. Er hatte große Pläne für die Erweiterung des Palastes. Auf diese Weise verlor Agrippinas Rang einer Claudiuspriesterin jede Bedeutung. Von Tante Laelia hörte ich, daß sie wieder ebenso einsam war wie während ihrer schwersten Zeit, als Messalina noch lebte.
Titus, der Sohn Vespasians und Freund und ständige Begleiter des Britannicus, war krank seit dem verhängnisvollen Mahl, bei dem Britannicus den Anfall gehabt hatte, der zu seinem Tode führte. Ich beschloß, ihn zu besuchen, da ich seinen Vater gut kannte. Titus selbst war ich allerdings ausgewichen, seit ich mich dem Freundeskreis um Nero angeschlossen hatte.
Titus war noch sehr bleich und mager, und er betrachtete mich mißtrauisch, als ich so unerwartet mit Geschenken bei ihm erschien. Durch sein kantiges Gesicht, sein Kinn und seine Nase verriet er deutlicher als sein Vater die etruskische Abstammung der Flavier. Man brauchte ihn nur einen Augenblick mit einer etruskischen Grabskulptur zu vergleichen, und da ich gerade aus Caere kam, fiel mir die Ähnlichkeit besonders auf.
Ich sagte: »Ich habe mich seit den Saturnalien in Caere aufgehalten und eine Räubergeschichte geschrieben, aus der ich vielleicht ein Schauspiel machen werde. Ich weiß daher nicht, was in Rom geschehen ist, aber ich habe böse Gerüchte gehört. Sogar mein eigener Name soll mit dem plötzlichen Tod des Britannicus in Verbindung gebracht worden sein. Du kennst mich gut genug, um mir nichts Böses zuzutrauen. Sag mir die Wahrheit. Wie starb Britannicus?«
Titus erwiderte meinen Blick ohne Furcht und sagte: »Britannicus war mein bester und einziger Freund. Eines Tages werde ich ihm eine goldene Statue unter den kapitolinischen Göttern errichten, und sobald ich wieder gesund bin, reise ich zu meinem Vater nach Britannien.
Ich saß beim Mahl neben Britannicus. Nero erlaubte uns Knaben nicht, bei Tisch zu liegen. Es war ein kühler Abend, und wir nahmen heiße Getränke zu uns. Britannicus’ Mundschenk bot ihm einen so heißen Becher an, daß er selbst sich beim Vorkosten die Zunge verbrannte. Britannicus ließ sich ein wenig kaltes Wasser in den Becher gießen, trank und verlor auf der Stelle die Sprache und das Sehvermögen. Ich nahm seinen Becher und kostete, und im gleichen Augenblick packte mich ein heftiger Schwindel, und vor meinen Augen verschwamm alles. Zum Glück erbrach ich mich. Seither bin ich krank, aber ich wäre wahrscheinlich auch gestorben, wenn ich das Gift nicht wieder von mir gegeben hätte.«
Ich traute meinen Ohren nicht. »Du glaubst wirklich, daß er vergiftet wurde und daß du selbst von dem Gift gekostet hast?« fragte ich.
Titus sah mich ernst an und antwortete: »Ich glaube es nicht, ich weiß es. Frag mich nicht, wer der Schuldige ist. Agrippina war es nicht, denn sie entsetzte sich zu sehr, als es geschah.«
»Wenn das wahr wäre, könnte im auch glauben, daß sie Claudius vergiftete, wie das Gerücht noch immer hartnäckig behauptet.«
Seine Mandelaugen blickten mich mitleidig an. »Wußtest du nicht einmal das?« fragte er. »Sogar die Hunde Roms scharten sich um Agrippina und heulten Tod, als sie zum Forum niederstieg, nachdem die Prätorianer Nero zum Imperator ausgerufen hatten.«
»Dann ist die Macht gefährlicher, als ich je glaubte«, sagte ich.
»Die Macht ist zu schwer, um von einem einzigen Manne getragen zu werden, so klug auch seine Ratgeber sein mögen«, stimmte mir Titus bei. »Keiner der Herrscher Roms hat sie ertragen, ohne durch sie verdorben zu werden. Ich habe während meiner Krankheit Zeit genug gehabt, über diese Dinge nachzudenken, und doch denke ich immer noch eher gut als schlecht von den Menschen. Auch von dir will ich gut denken, da du zu mir gekommen bist, um mich offen nach der Wahrheit zu fragen. Ein Mann kann sich zwar verstellen, aber ich glaube nicht, daß du im Auftrag Neros gekommen bist, um mich auszuhorchen, was ich vom Tode meines besten Freundes denke. Ich kenne Nero. Er glaubt, er habe durch seine Bestechungsgeschenke alle seine Freunde dazu gebracht, zu vergessen, was geschehen ist, und er möchte selbst am liebsten vergessen. Ich habe ein Messer bereitgehalten für den Fall, daß du gekommen wärst, um mir zu schaden.«
Er zog einen Dolch unter dem Kissen hervor und schleuderte ihn fort, um mir zu zeigen, daß er mir vertraute, aber er sprach im folgenden zu vorsichtig und überlegt, als daß ich hätte glauben können, daß er mir ganz traute. Wir zuckten gleichsam schuldbewußt zusammen, als plötzlich eine schöngekleidete junge Frau eintrat, der eine Sklavin mit einem Korb folgte. Sie war schlank und breitschultrig wie Diana, ihr Gesicht war feingeschnitten, aber hart, und ihr Haar war auf griechische Art zu kleinen Locken gekräuselt. Sie sah mich mit ihren grünschillernden Augen fragend an, und diese Augen kamen mir so bekannt vor, daß ich dumm zurückstarrte.
»Kennst du meine Base Flavia Sabina nicht?« fragte Titus. »Sie bringt mir jeden Tag die Speisen, die mir der Arzt verordnet und deren Zubereitung sie selbst überwacht hat. Möchtest du mir nicht als mein Freund beim Mahl Gesellschaft leisten?« Ich begriff, daß das Mädchen die Tochter des Flavius Sabinus, des Präfekten von Rom und älteren Bruders Vespasians war. Vielleicht hatte ich sie schon einmal bei irgendeinem großen Mahl oder bei einem festlichen Umzug gesehen, da sie mir so bekannt vorkam. Ich grüßte sie voll Ehrerbietung, aber die Zunge wurde mir trocken in meinem Munde, und ich starrte wie verzaubert ihr Gesicht an.
Ohne die geringste Verlegenheit tischte sie mit ihren eigenen Händen ein spartanisch einfaches Mahl auf. Es gab nicht einmal Wein zu trinken. Ich aß aus Höflichkeit mit, aber die Bissen blieben mir im Halse stecken, wenn ich sie ansah. Ich sagte mir, daß noch keine Frau beim allerersten Anblick einen solchen Eindruck auf mich gemacht hatte.
Nach dem Grund fragte ich mich vergeblich. Sie selbst schien keine Lust zu verspüren, mit mir zu liebäugeln. Sie war kühl, verschlossen, schweigsam und stolz, ganz die Tochter des Stadtpräfekten, und während ich aß, quälte mich immer stärker die Empfindung, daß das Ganze ein Traum sei. Wir tranken nur Wasser, und dennoch fühlte ich mich leicht berauscht. Schließlich fragte ich: »Warum ißt du selbst nichts?«
Sie antwortete spöttisch: »Ich habe das Essen zubereitet. Ich bin nicht euer Mundschenk und habe auch keine Ursache, mit dir Brot und Salz zu teilen, Minutus Manilianus. Ich kenne dich.«
»Wie willst du mich kennen, wenn ich dich nicht kenne?« fragte ich gekränkt.
Flavia Sabina streckte ohne Umstände ihren schlanken Zeigefinger aus und betastete mein linkes Auge. »Deinem Auge ist jedenfalls nichts geschehen, Narbengesicht«, sagte sie bedauernd. »Wenn ich ein wenig geschickter gewesen wäre, hätte ich dir den Daumen hineingedrückt. Ich hoffe, du hast von meinem Fausthieb wenigstens ein blaues Auge gehabt.«
Titus horchte überrascht auf und fragte: »Habt ihr miteinander gerauft, als ihr Kinder wart?«
»Nein, ich wohnte als Kind in Antiochia«, antwortete ich zerstreut, aber plötzlich glomm eine Erinnerung auf, und ich bekam vor Scham einen roten Kopf. Sabina sah mich forschend an, genoß meine Verwirrung und rief: »Aha, jetzt ist es dir wieder eingefallen! Du warst mit einer Bande von Sklaven und Strolchen unterwegs, ihr wart betrunken und verrückt und triebt euren Unfug auf offener Straße. Wir haben sehr wohl in Erfahrung gebracht, wer du bist, aber mein Vater wollte dich aus Gründen, die du selbst am besten kennst, nicht vor Gericht bringen.«