Ich erinnerte mich nur zu gut. Im letzten Herbst, auf einem von Neros nächtlichen Streifzügen, hatte ich versucht, ein Mädchen anzufangen, das uns entgegenkam, aber ich hatte von ihrer kleinen Faust einen solchen Schlag aufs Auge bekommen, daß ich auf den Rücken fiel, und hatte eine Woche lang ein blaues Auge gehabt. Ihre Begleiter griffen uns an, und Otho hatte später das Gesicht voll Brandblasen von einem Schlag mit einer brennenden Fackel. Ich war in jener Nacht so betrunken, daß ich kaum wahrnahm, was geschah.
»Ich habe dir nichts Böses getan. Ich nahm dich nur in die Arme, als wir im Dunkeln zusammenstießen«, verteidigte ich mich nun. »Wenn ich gewußt hätte, wer du bist, würde ich mich gleich am nächsten Tag bei dir entschuldigt haben.«
»Du Lügner«, entgegnete sie. »Versuche nur ja nicht noch einmal, mich zu umarmen. Es könnte dir noch schlechter ergehen als beim letzten Mal.«
»Ich würde es nie wagen«, versuchte ich zu scherzen. »In Zukunft ergreife ich die Flucht, wenn ich dich von weitem sehe, so übel bist du mit mir umgesprungen.«
Ich ergriff jedoch nicht die Flucht, sondern begleitete Sabina bis zum Haus des Stadtpräfekten. Ihre grünschillernden Augen waren voll Gelächter, und ihre nackten Arme waren glatt wie Marmor. Eine Woche später sammelte mein Vater ein Gefolge von zweihundert Klienten und ließ sich zum Haus des Flavius Sabinus tragen, um für mich um die Hand seiner Tochter anzuhalten.
Tullia und Tante Laelia hätten noch andere Partien für mich gewußt, aber diese Verlobung war nicht die schlechteste. Daß die Flavier arm waren, fiel bei dem Vermögen meines Vaters nicht ins Gewicht.
Auf Sabinas Wunsch wurden wir nach der längeren Formel getraut, obwohl ich nicht die Absicht hatte, in irgendein Priesterkollegium einzutreten, aber Sabina sagte, sie wolle eine Ehe fürs ganze Leben schließen und sich nicht gleich wieder scheiden lassen. Ich tat, was sie wollte, und wir waren noch nicht lange verheiratet, als ich bemerkte, daß ich ihr in noch so manchen anderen Dingen ihren Willen tat.
Die Hochzeit war ein großes Fest. Auf Kosten meines Vaters und im Namen des Stadtpräfekten wurden nicht nur der Senat und die Ritterschaft, sondern auch das ganze Volk zum Mahl geladen. Nero war ebenfalls anwesend und wollte unbedingt als Brautführer auftreten und zur Flötenbegleitung eine unanständige Hochzeitshymne singen, die er selbst gedichtet hatte. Zuletzt aber schwenkte er höflich seine Fackel auf und nieder und ging wieder, ohne einen Streit anzufangen.
Ich nahm Sabina den feuerroten Schleier vom Haupt und den gelben Hochzeitsmantel von den Schultern. Als ich aber die beiden festen Knoten in ihrem Leinengürtel lösen wollte, setzte sie sich mit grünfunkelnden Augen zur Wehr und rief: »Ich bin eine Sabinerin! Nimm mich zum Raube, wie die Sabinerinnen geraubt wurden!«
Ich hatte kein Pferd und taugte im übrigen auch nicht zu der Art Raub, den sie sich wünschte. Ich verstand nicht einmal recht, was sie eigentlich wollte, da mich mein Verhältnis mit Claudia an Zärtlichkeit und gegenseitiges Nachgeben gewöhnt hatte. Sabina war enttäuscht. Sie schloß die Augen, ballte die Fäuste und ließ mich mit ihr tun, was ich wollte und wozu uns der rote Schleier verpflichtete. Zuletzt schlang sie ihre starken Arme um meinen Hals, gab mir einen hastigen Kuß und wandte mir den Rücken zu, um zu schlafen. Ich bildete mir ein, wir seien beide so glücklich, wie zwei hochzeitsmüde junge Menschen nur sein können, und schlief mit einem Seufzer der Zufriedenheit ein.
Erst viel später erkannte ich, was Sabina von der fleischlichen Liebe erwartete. Sie hatte mich wegen der Narben in meinem Gesicht für etwas ganz anderes gehalten, als ich wirklich war, und unsere erste Begegnung auf der nächtlichen Straße hatte sie in dem Glauben bestärkt, daß ich ihr geben könnte, wonach sie verlangte.
Ich hege keinen Groll gegen sie. Ich habe sie mehr enttäuscht als sie mich. Wie und warum sie so wurde, wie sie war, weiß ich nicht zu erklären. Venus ist eine launische und oft grausame Göttin. Juno ist, was die Familie angeht, zuverlässiger, aber in anderen ehelichen Dingen auf die Dauer eher langweilig.
VII
AGRIPPINA
Wir verbrachten die heißeste Sommerszeit an der Küste bei Caere. Meine Gattin Flavia Sabina suchte sich einen Auslauf für ihren Betätigungsdrang und ließ ein neues Sommerhaus an Stelle der alten, mit Schilf gedeckten Fischerhütte errichten. Sie beobachtete mich und meine Schwächen, ohne daß ich dessen gewahr wurde, und vermied es, mich über meine Zukunftspläne auszufragen, da sie bemerkt hatte, daß mich die bloße Erwähnung der Beamtenlaufbahn schon verstimmte. Sobald wir aber in die Stadt zurückgekehrt waren, sprach sie mit ihrem Vater über mich, worauf der Stadtpräfekt Flavius Sabinus mich zu sich rufen ließ.
»Das neue hölzerne Amphitheater geht der Fertigstellung entgegen, und Nero wird beim Eröffnungsfest selbst anwesend sein«, erklärte er mir. »Was mir Sorgen macht, sind die wertvollen wilden Tiere, die von allen Enden der Welt herbeigebracht werden. Der alte Tiergarten an der Via Flaminia ist zu klein. Außerdem stellt Nero besondere Forderungen. Er will dressierte Tiere haben, die noch nie gesehene Kunststücke vorführen. Senatoren und Ritter sollen in der Arena ihre Jagdkünste zeigen, und dazu brauchen wir Tiere, die nicht zu wild sind. Andrerseits müssen die Tiere, die gegeneinander kämpfen, den Zuschauern etwas bieten. Was wir brauchen, ist ein zuverlässiger Tiergartenvorsteher, der sich um die Tiere kümmert und diesen Teil des Festprogramms entwirft. Nero ist gewillt, dir diesen Posten zu übertragen, da du Erfahrungen im Umgang mit Raubtieren hast. Er bietet dir damit ein Ehrenamt im Dienste des Staates an.«
Ich war selbst schuld, denn ich hatte oft damit geprahlt, daß ich als Knabe in Antiochia einen Löwen lebend eingefangen hatte und unter den Räubern in Kilikien meinen Mitgefangenen einmal das Leben rettete, als man uns in eine Bärenhöhle stieß, um sich an unserem Entsetzen zu weiden. Aber für Hunderte von wilden Tieren sorgen und Vorführungen im Amphitheater veranstalten, das schien mir eine so schwere, verantwortungsvolle Aufgabe zu sein, daß ich mich ihr nicht gewachsen fühlte. Als ich das meinem Schwiegervater erklärte, antwortete er in scharfem Ton: »Du bekommst die nötigen Geldmittel aus der kaiserlichen Kasse. Die erfahrensten Tierbändiger aller Länder werden sich darum reißen, in den Dienst Roms zu treten. Von dir wird weiter nichts verlangt als Urteilsvermögen und guter Geschmack bei der Zusammenstellung des Programms. Sabina wird dir helfen. Sie hat sich schon als Kind ganze Tage im Tiergarten aufgehalten und liebt die Dressur.«
Mein Schicksal verfluchend, kehrte ich nach Hause zurück und beklagte mich bitter bei Sabina. »Lieber wäre ich Quästor geworden, um dir zu Willen zu sein, als Tierbändiger!«
Sabina betrachtete mich abschätzend mit zur Seite geneigtem Kopf und sagte: »Nein, zum Konsul wärst du letzten Endes doch nie gewählt worden, du Armer. Als Tiergartenvorsteher hast du wenigstens ein abwechslungsreiches Leben, und im übrigen ist dieser Posten noch nie mit einem Ritter besetzt gewesen.«
Ich erklärte ihr, daß meine Neigungen mehr den Büchern galten, aber Sabina fiel mir ins Wort und rief: »Was für Ehren gewinnst du schon in einem Vorlesungssaal, wo fünfzig oder hundert gelangweilte Menschen zum Dank dafür, daß du endlich zu lesen aufgehört hast, Beifall klatschen! Du bist faul. Du hast keinen wirklichen Ehrgeiz.«
Sabina war so aufgebracht, daß ich mich hütete, sie noch mehr zu reizen, obwohl ich mich fragte, was für Ehren wohl unter stinkenden Raubtieren zu holen seien. Wir begaben uns unverzüglich in den Tiergarten, und auf einem kurzen Rundgang stellte ich fest, daß es noch schlechter um ihn stand, als der Stadtpräfekt angedeutet hatte.