Die Tiere kamen ausgehungert an und fanden kein passendes Futter vor. Der wertvollste Tiger war am Verenden, und niemand wußte recht, was die unter großen Kosten aus Afrika geholten Nashörner fraßen, da sie den einzigen, der es hätte sagen können, ihren afrikanischen Wärter, zertrampelt hatten. Das Trinkwasser war faulig. Die Elefanten nahmen ihr Futter nicht an. Die Käfige waren zu eng und schmutzig. Die Giraffen gingen vor Angst ein, weil sie in einem Gehege unmittelbar neben den Löwenkäfigen untergebracht waren.
Die kranken, Hunger und Durst leidenden Tiere brüllten, fauchten und kreischten, daß mir der Schädel dröhnte, und mir wurde übel von dem Gestank der Raubtiere. Keiner der Aufseher und Sklaven wollte für irgend etwas verantwortlich sein. »Das gehört nicht zu meinen Aufgaben«, war die übliche Antwort auf meine Fragen. Man hielt mir sogar entgegen, daß ausgehungerte und verschreckte Tiere am besten in der Arena kämpfen. Man mußte sie eben nur bis zur Vorführung irgendwie am Leben erhalten.
Sabina fand besonderen Gefallen an zwei riesigen, dicht behaarten Affen, die größer als ein Mensch waren und aus einer unbekannten Gegend Afrikas nach Rom gebracht worden waren. Sie rührten das Fleisch nicht an, das ihnen in den Käfig geworfen wurde, und wollten nicht einmal trinken.
»Die ganze Anlage muß umgebaut werden«, beschloß ich. »Die Tierbändiger müssen genug Platz für die Dressur bekommen. Die Käfige müssen so groß sein, daß die Tiere sich bewegen können. Fließendes Wasser muß eingeleitet werden. Jede Tierart muß von eigenen Wärtern gefüttert und gepflegt werden, die ihre Lebensgewohnheiten kennen.«
Der Aufseher, der mich begleitete, schüttelte den Kopf und wandte ein: »Wozu soll das gut sein? Die Tiere sind doch für die Arena bestimmt!«
Da ich nach der Art schwacher Menschen keine Einwände ertrug, schleuderte ich einen Apfel, in den ich gerade gebissen hatte, in den Käfig der Riesenaffen und schrie: »Muß ich als erstes euch alle auspeitschen lassen, um euch euer Handwerk zu lehren!«
Sabina legte mir die Hand auf den Arm, um mich zu beruhigen, und deutete gleichzeitig mit einer Kopfbewegung in die Richtung des Affenkäfigs. Ich sah verwundert, wie sich ein haariger Arm nach dem Apfel ausstreckte und das Tier die furchtbaren Zähne entblößte, um die Frucht mit einem einzigen Biß zu zermalmen. Ich runzelte die Stirn, sah, wie ich hoffte, grimmig drein und sagte: »Gebt ihnen einen Korb Früchte und frisches Wasser in einem sauberen Gefäß.«
Der Tierwärter lachte und antwortete mir: »Solche wilden Tiere sind Fleischfresser. Das sieht man doch an den Zähnen.«
Sabina riß ihm die Peitsche aus der Hand, zog sie ihm übers Gesicht und schrie zornig: »Wie redest du mit deinem Herrn!«
Der Mann erschrak und starrte uns böse an, holte aber, um mich vor den anderen lächerlich zu machen, einen Korb voll Früchte und leerte ihn in den Affenkäfig. Die ausgehungerten Tiere erwachten zum Leben und fraßen im Nu alles auf. Zu meiner eigenen Verwunderung ließen sie nicht einmal die Weintrauben übrig, die sich unter den Früchten befanden. Das war in den Augen der Tierwärter etwas so Unerhörtes, daß sich alle um den Käfig versammelten und zusahen, und keiner lachte mehr über meine Befehle.
Ich merkte bald, daß es den Leuten nicht so sehr an Erfahrung mangelte, sondern daß die Hauptfehler Gleichgültigkeit, Habgier und Unordnung waren. Alle, von den Aufsehern bis zum letzten Sklaven, betrachteten es als ihr selbstverständliches Recht, einen Teil der für die Versorgung der Tiere zur Verfügung stehenden Mittel für sich auf die Seite zu schaffen.
Der Baumeister, der Neros Amphitheater entworfen und die Bauarbeiten beaufsichtigt hatte, fand es unter seiner Würde, sich Tierkäfige und Freigehege auszudenken. Erst als er meine Zeichnungen sah und Sabinas Erklärungen entnahm, worum es in Wirklichkeit ging, nämlich darum, einen ganzen neuen Stadtteil zu errichten, erwachte sein Ehrgeiz.
Ich entließ oder versetzte alle, die die Tiere quälten oder sich zu sehr vor ihnen fürchteten. Sabina und ich dachten uns eine einheitliche Kleidung für die vielen Hundert Angestellten des Tiergartens aus, und außerdem bauten wir uns ein Haus auf dem Gelände des Tiergartens, denn ich erkannte bald, daß ich Tag und Nacht zur Stelle sein mußte, wenn ich mich wirklich um die vielen wertvollen Tiere kümmern wollte.
Es gab für uns kein Gesellschaftsleben mehr. Wir widmeten uns ganz den Tieren, und Sabina hielt sogar ein paar Löwenjunge, deren Mutter an einem Fieber eingegangen war, nachdem sie sie geworfen hatte, in unserem Ehebett und zwang mich, sie mit einem Horn zu säugen. Unser eigenes Eheleben vergaßen wir vor lauter Geschäftigkeit, denn die Leitung eines Tiergartens ist unleugbar eine fesselnde, verantwortungsvolle Aufgabe.
Sobald der Tiergarten sauber war und die Tiere richtig gefüttert wurden und tüchtige, aufmerksame Wärter hatten, mußten wir uns die Programmnummern für die große Vorführung ausdenken, denn der Tag der Eröffnung des Amphitheaters rückte rasch näher.
Ich hatte gerade so viele Tierkämpfe gesehen, daß ich wußte, wie man die Jagden in der Arena so leitete, daß sie für die Jäger ungefährlich waren und dabei doch für die Zuschauer atemberaubend wirkten. Schwieriger war es, zu bestimmen, welche Tiere gegeneinander gehetzt werden sollten, denn die Zuschauer waren die merkwürdigsten Zusammenstellungen gewohnt. Am meisten versprach ich mir von den Kunststücken der gezähmten Tiere, und da sich mir wirklich ständig kundige Tierbändiger aus allen Ländern antrugen, hatte ich Erstaunliches zu bieten.
Es war jedoch nicht leicht, diese Dressurakte bis zum Fest geheimzuhalten, denn der Tiergarten war von Besuchern überlaufen. Zuletzt verfiel ich darauf, eine Eintrittsgebühr zu verlangen. Das Geld, das auf diese Weise zusammenkam, verwendete ich zum Nutzen des Tiergartens, obgleich ich es ruhig hätte für mich behalten dürfen, denn ich selbst war ja auf diesen Gedanken gekommen. Kinder und Sklaven hatten übrigens freien Zutritt, wenn der Andrang nicht zu groß war.
Eine Woche vor dem Eröffnungstag besuchte mich ein hinkender, bärtiger Mann. Erst als er mich anredete, erkannte ich in ihm Simon den Zauberer wieder. Das Verbot der Sterndeuterei war noch immer in Kraft, daher durfte er seinen prächtigen chaldäischen Mantel mit den Sternbildern darauf nicht tragen. Er wirkte heruntergekommen, sein Blick irrte unruhig hin und her, und er brachte ein so sonderbares Begehren vor, daß ich annehmen mußte, er habe den Verstand verloren. Er wollte im Amphitheater seine Flugkünste zeigen, um seinen alten Ruf wiederzuerlangen!
Ich entnahm seiner verworrenen Erzählung, daß seine Heilkräfte im Schwinden waren und daß er keinen Zulauf mehr hatte. Seine Tochter war, wie er behauptete, durch die Ränke feindselig gesinnter Zauberer ums Leben gekommen. Vor allem aber verfolgten ihn die Christen in Rom mit solchem Haß, daß er vollends zu verarmen drohte und nicht mehr wußte, wovon er im Alter leben sollte. Daher wollte er nun vor allem Volk seine göttlichen Kräfte beweisen.
»Ich weiß, daß ich fliegen kann«, sagte er. »Ich bin vor Jahren geflogen und vor den Augen der Menge aus einer Wolke aufgetaucht, aber dann kamen die Christen mit ihren Beschwörungen, und ich stürzte auf das Forum nieder und zerschlug mir die Kniescheibe. Ich will den anderen und mir selbst beweisen, daß ich noch fliegen kann. In einer der letzten Nächte habe ich mich vom Turm auf dem Aventin in einen brausenden Sturm geworfen und meinen Mantel als Schwingen ausgebreitet. Ich bin geflogen und unbeschadet wieder auf die Füße zu stehen gekommen.«
»Ich glaube, du bist nie wirklich geflogen«, sagte ich mißtrauisch. »Du blendest mit deiner Macht den Leuten die Augen, so daß sie glauben, sie sähen dich fliegen.« Simon der Zauberer rang die Hände, raufte sich den Bart und sagte: »Mag sein, daß ich den Leuten die Augen blendete, aber ich dachte mit solcher Kraft, daß ich fliege, daß ich noch immer glaube, wirklich geflogen zu sein. Doch ich strebe nicht mehr nach den Wolken. Es genügt mir, wenn es mir gelingt, ein- oder zweimal um das Amphitheater zu fliegen. Dann glaube ich wieder an meine Macht und daran, daß mich meine Engel in der Luft unter den Armen halten.«