Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, zu fliegen. Schließlich fragte ich ihn, wie er es anstellen wollte. Er meinte, man könnte mitten im Amphitheater einen hohen Mast errichten und ihn in einem Korb hinaufhissen, so daß er genug Luft unter sich bekam. Vom Boden könne er sich nicht erheben, wenn hunderttausend Menschen zusahen, sagte er. Er starrte mich mit seinem stechenden Blick an und sprach so überzeugend, daß mir schwindelte, und ich dachte mir, dergleichen sei jedenfalls noch nie in einem Theater gezeigt worden. Wenn er sich unbedingt den Hals brechen wollte, so war das schließlich seine Sache; und wer weiß, vielleicht glückte ihm der kühne Versuch wirklich.
Nero befand sich im Amphitheater, um einigen griechischen Jünglingen zuzusehen, die einen Schwerttanz übten. Es war ein glühendheißer Herbsttag. Nero trug nur ein schweißgetränktes Untergewand. Er feuerte die Griechen an und lobte sie und nahm ab und zu selbst an dem Tanz teil, um ihnen ein Beispiel zu geben. Als ich ihm von dem Vorschlag Simons des Zauberers berichtete, war er entzückt, meinte jedoch: »Das Fliegen ist an sich merkwürdig genug, aber wir müssen einen künstlerischen Rahmen finden, um eine wirklich sehenswerte Nummer daraus zu machen. Er könnte Ikarus darstellen, und wir sollten auch Dädalus und sein Meisterwerk haben, und warum nicht auch Pasiphae?«
Seine Einbildung begann so lebhaft zu arbeiten, daß ich froh war, als ich ihm endlich wieder entkam. Wir waren übereingekommen, daß Simon der Zauberer sich den Bart scheren und als griechischer Jüngling verkleiden mußte. Auf dem Rücken sollte er goldschimmernde Hügel tragen.
Als ich Simon die Forderungen des Kaisers überbrachte, weigerte er sich zuerst, sich den Bart abzunehmen, und behauptete, er würde dadurch alle Kraft verlieren. Gegen die Hügel hatte er nichts einzuwenden. Ich erzählte ihm von Dädalus und der hölzernen Kuh, aber darauf berichtete er mir von einer jüdischen Sage, derzufolge ein gewisser Simson alle Kraft verlor, als ihm eine fremde Frau die Haare abschnitt. Erst als ich sagte, er glaube wohl selbst nicht an seine Kunst, ging er auf die Forderung ein. Ich fragte ihn, ob ich den Mast gleich aufstellen lassen solle, damit er üben könne, aber er antwortete mir, daß das Üben nur an seinen geheimen Kräften zehren würde. Er halte es für besser, zu fasten und in der Einsamkeit Beschwörungen zu sprechen und seine Kräfte für die Vorführung aufzusparen.
Nero hatte vorgeschrieben, daß die Vorführungen im Amphitheater die Zuschauer sowohl unterhalten als auch veredeln müßten. Zum erstenmal in geschichtlicher Zeit sollte eine so gewaltige Vorstellung stattfinden, ohne daß absichtlich Menschenblut vergossen wurde. Dafür mußte das Volk zwischen den aufregenden und künstlerisch wertvollen Nummern soviel wie möglich zu lachen haben, und in den unumgänglichen Pausen sollten Geschenke unter die Zuschauer geworfen werden: gebratene Vögel, Früchte, Backwerk und kleine Lostäfelchen aus Elfenbein, mit denen dann Getreide, Kleider, Silber, Gold, Zugochsen, Sklaven und sogar ganze Landgüter verlost werden sollten.
Nero wollte keine Berufsgladiatoren verwenden. Statt dessen befahl er, um den besonderen Wert seiner Vorstellung zu betonen, daß das Spiel durch einen Kampf zwischen vierhundert Senatoren und sechshundert Rittern eingeleitet werden sollte, und tatsächlich erheiterte es das Volk über alle Maßen, vornehme Männer von untadeligem Ruf mit stumpfen Lanzen und Holzschwertern aufeinander einhauen zu sehen. Zuletzt aber herrschte allgemeines Mißvergnügen darüber, daß niemand zu Schaden kam, und die Leute begannen laut zu murren. Die Wachsoldaten machten sich daran, zu tun, was ihre Pflicht war, aber Nero ließ kundmachen, daß die Soldaten sich zurückzuziehen hätten, denn das römische Volk müsse sich an die Freiheit gewöhnen.
Diese Worte weckten Beifall und allgemeines Entzücken. Die Unzufriedenen beherrschten sich, um sich des Vertrauens des Kaisers würdig zu erweisen. Ein Zweikampf mit Netz und Dreizack zwischen zwei feisten, kurzatmigen Senatoren war außerdem so komisch, daß die Leute in nicht enden wollendes Gelächter ausbrachen. Die beiden würdigen Männer wurden nämlich so böse aufeinander, daß sie einander sicherlich verwundet hätten, wenn die Dreizacke gespitzt oder die Netze mit den üblichen Bleikugeln bestückt gewesen wären.
Man entsetzte sich über drei Männer, die Riesenschlangen vorführten und sich von den Tieren ganz umschlingen ließen, aber Nero machte ein saures Gesicht, weil niemand ohne Erklärung verstand, daß die Männer Laokoon und seine Söhne darstellten. Die Jagd auf Löwen, Tiger und Auerochsen verlief zur großen Enttäuschung der Zuschauer ohne Unglücksfälle, wofür die jungen Ritter, die als Jäger auftraten, mir und den Schutztürmen, die an verschiedenen Stellen in der Arena errichtet worden waren, danken konnten. Mir selbst mißfiel diese Vorführung, denn ich hatte meine Tiere so liebgewonnen, daß ich sie nicht sterben sehen mochte.
Großen Beifall erhielt eine Löwenbändigerin, eine schlanke, biegsame Frau, die plötzlich aus einem dunklen Tor stürzte und, von drei Löwen verfolgt, quer durch die Arena lief. Ein Rauschen ging durch die Zuschauermenge, aber plötzlich drehte sich die Frau um und trieb die Löwen mit der Peitsche zurück. Die Tiere gehorchten ihren Befehlen, machten Männchen wie folgsame Hunde und sprangen durch große Reifen.
Das Gemurmel und der Beifall reizten jedoch die Löwen. Als die Frau ihr gewagtestes Kunststück vorführte und den Kopf in den offenen Rachen des größten Löwen steckte, klappte dieser plötzlich die Kiefer zusammen und biß ihr den Kopf ab. Diese unvorhergesehene Wendung weckte so gewaltigen Jubel und solche Beifallsstürme, daß ich Zeit hatte, die Löwen zu retten. Eine Kette von Sklaven, die mit Fackeln und rotglühenden Eisenstangen ausgerüstet waren, umkreiste sie und trieb sie durch die Pforte in ihre Käfige zurück. Sonst hätten nämlich die reitenden Bogenschützen sie getötet, und ich war um meine kostbaren gezähmten Löwen so besorgt, daß ich selbst unbewaffnet in die Arena sprang und den Sklaven meine Befehle erteilte.
Ich war so zornig, daß ich dem Löwen mit meinem eisenbeschlagenen Stiefel unter das Kinn trat, um ihn zu zwingen, den Kopf seiner Herrin auszuspucken. Er brüllte nur böse, war aber offenbar selbst so erschrocken über das, was er angerichtet hatte, daß er mich nicht angriff.
Nachdem ein Trupp bemalter Neger ein Nashorn gehetzt hatte, stellte man eine Kuh aus Holz mitten in die Arena, und der Pantomimiker Paris stellte die Geschichte von Dädalus und Pasiphae so lebendig dar, während ein riesiger Stier die hölzerne Kuh bestieg, daß die meisten Zuschauer glaubten, in der hohlen Kuh habe sich wirklich Pasiphae versteckt.
Simon der Zauberer mit seinen großen golden glänzenden Flügeln war eine Überraschung für alle. Paris versuchte ihn durch Gesten zu einigen Tanzschritten zu verlocken, aber Simon wies ihn mit einem Schlag der prächtigen Flügel stolz ab. Einige Seeleute hißten ihn im Handumdrehen zu einer Plattform auf der Spitze des schwindelnd hohen Mastes hinauf. Ein paar Juden in den obersten Reihen stießen Flüche und Verwünschungen aus, aber die anderen Zuschauer brachten sie zum Schweigen, und Simon der Zauberer wandte sich grüßend in alle Richtungen, als er da in der größten Stunde seines Lebens oben auf dem Mast stand. Ich glaube, er war bis zum letzten Augenblick überzeugt, daß er alle seine Widersacher besiegen werde.
Dann schlug er noch einmal mit den Flügeln und sprang, zur Loge des Kaisers gewandt, in die Luft. Er stürzte so kurz vor der Loge nieder, daß einige Blutstropfen bis zu Nero hinaufspritzten, und war auf der Stelle tot. Später stritt man sich darüber, ob er wirklich geflogen sei oder nicht. Einige behaupteten, gesehen zu haben, daß der linke Flügel beschädigt worden war, als man ihn im Korb zur Mastspitze hinaufzog. Andere wieder glaubten, die Verwünschungen der Juden hätten seinen Absturz bewirkt. Vielleicht wäre er geflogen, wenn er seinen Bart hätte behalten dürfen.