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Die Vorstellung mußte weitergehen. Die Seeleute spannten nun ein mannsdickes Tau zwischen dem Fuß des Mastes und der untersten Reihe, und zur ungeheuren Überraschung und Verwunderung der Zuschauer schritt ein Elefant langsam und vorsichtig über dieses Tau. Auf seinem Nacken saß ein Ritter, der in ganz Rom für seine Dummdreistigkeit bekannt war. Natürlich hatte nicht er den Elefanten gelehrt, auf dem Tau zu gehen – das tat das Tier auch ohne Führer –, aber er heimste den Schlußbeifall für seine Vorstellung ein, wie man dergleichen bis dahin nicht gesehen hatte.

Ich glaube, das Volk war im großen ganzen recht zufrieden. Besonders der Todessprung Simons des Zauberers und der Tod der Löwenbändigerin waren Glanznummern gewesen, und das einzige, was man daran auszusetzen hatte, war, daß sie zu rasch ausgeführt worden waren. Die Senatoren und Ritter, die als Jäger auftreten mußten, waren zufrieden, weil kein Unglück geschehen war, und nur die altmodischsten Zuschauer klagten, daß kein Menschenblut zu Ehren der römischen Götter geflossen war, und gedachten wehmütig der grausamen Spiele, die Claudius geboten hatte.

Die meisten verbargen jedoch ihre Enttäuschung recht tapfer, denn Nero hatte in den Pausen wirklich kostbare Geschenke verteilen lassen. Auch die Abberufung der Prätorianer gefiel dem Volk, das sich etwas auf seine ererbte Freiheit einbildete, und bei der Schlägerei um die Elfenbeinlose hatten keine hundert Zuschauer ernsthaftere Verletzungen erlitten.

Octavia, die Gemahlin des Kaisers, nahm es schweigend hin, daß Nero die schöne Acte der Vorstellung in der Kaiserloge beiwohnen ließ, wo sie allerdings hinter einer eigenen Wand mit einem Guckloch verborgen war. Agrippina hatte keinen Platz erhalten. Nero ließ verkünden, es gehe seiner Mutter nicht gut. Irgend jemand soll gerufen haben, ob Agrippina vielleicht gar Pilze gegessen habe. Ich selbst hörte diesen Ruf nicht, und Nero sagte, er sei glücklich, daß das Volk in seiner Gegenwart im Amphitheater von seiner Redefreiheit ohne Furcht Gebrauch mache.

Mein Tierbestand war auf betrübliche Weise verringert worden, aber ein gewisser Stamm war selbstverständlich übriggeblieben, und ich entwarf einen Plan, demzufolge der Tiergarten in Zukunft ständig mit wilden Tieren aus allen Ländern aufgefüllt werden sollte, so daß die Vorstellungen nicht mehr vom Zufall abhingen. Es mußte möglich sein, innerhalb kurzer Frist gute Vorführungen zustande zu bringen, wenn Nero es für notwendig erachtete, das Volk an irgendeinem Festtag zu unterhalten. Und da ich Neros Launen kannte, hielt ich es für klug, sich auf politische Ereignisse vorzubereiten, die es erforderlich machten, dem Volk Unterhaltung zu bieten, um es unangenehme Dinge vergessen zu lassen.

Die Fußballen der getöteten Nashörner hatten die ganze Nacht in Kochgruben nach afrikanischer Art geschmort und waren am nächsten Tag zu einer durchsichtigen, wabbelnden Masse erstarrt. Ich bereitete mich darauf vor, diesen seltenen Leckerbissen, der, soviel ich weiß, bis dahin Rom noch unbekannt gewesen war, auf den Tisch des Kaisers zu bringen. Wehmütig betrachtete ich die leeren Käfige, die Sklaven, die zu ihren täglichen Verrichtungen zurückgekehrt waren, und das bescheidene Haus, in dem Sabina und ich einen anstrengenden, aber, wie ich nun glaubte, glücklichen Lebensabschnitt verbracht hatten.

»Sabina!« rief ich dankbar. »Ohne deine Erfahrung im Umgang mit Tieren und deine unermüdliche Arbeitslust wäre es mir wohl nicht gelungen, mich dieses Auftrags ehrenvoll zu entledigen. Trotz allen Schwierigkeiten, die wir überwinden mußten, werden wir bestimmt gern an diese Zeit zurückdenken, wenn wir wieder ein gewöhnliches Leben fuhren.«

»Ein gewöhnliches Leben führen?« fragte Sabina schroff und blickte mich streng an. »Wie soll ich das verstehen?«

»Ich habe meinen Auftrag ausgeführt, und zwar, wie ich hoffe, zur Zufriedenheit deines Vaters und des Kaisers«, antwortete ich gut gelaunt. »Nun gehe ich mit diesem Gericht zu Nero, und unser Verwalter macht die Abrechnung mit der kaiserlichen Kasse. Nero versteht nichts von Geldangelegenheiten, und mir selbst ist unsere Buchführung, offen gestanden, auch viel zu schwierig. Ich hoffe aber, sie ist in Ordnung, und trauere dem verlorenen Geld nicht nach. Vielleicht gibt Nero mir auch eine Belohnung, aber mein schönster Lohn ist der Beifall des Volkes. Mehr als das begehre ich nicht, und im übrigen hätte ich diese ständigen Aufregungen auch nicht mehr lange ausgehalten.«

»Wer von uns beiden hat wohl am meisten aushalten müssen?« fragte Sabina lebhaft. »Ich traue meinen Ohren nicht! Du hast ja erst den ersten Schritt getan. Meinst du denn, du könntest die Löwen, die nun keine Wärterin mehr haben, einfach im Stich lassen, oder diese beinahe menschlichen Riesenaffen, von denen der eine so hustet, daß es einem ins Herz schneidet – von den anderen Tieren ganz zu schweigen? Nein, Minutus, ich will annehmen, daß du nur müde und schlecht gelaunt bist. Mein Vater hat versprochen, daß du deine jetzige Stelle unter meiner Aufsicht behalten darfst. Das erspart ihm viele Sorgen, weil er nicht mehr um die ohnehin knapp bemessenen Mittel zu streiten braucht, die der Senat dem Tiergarten bewilligt.«

Nun war ich derjenige, der seinen Ohren nicht traute. »Flavia Sabina«, sagte ich, »ich gedenke nicht, mein ganzes Leben lang Tierwärter zu sein, so teuer und schön die Tiere auch sein mögen. Ich erinnere dich daran, daß ich in der väterlichen Linie ebenso wie Otho oder sonst einer von den etruskischen Königen in Caere abstamme.«

Sabina fauchte zornig: »Deine Abstammung ist, gelinde ausgedrückt, zweifelhaft, und von deiner griechischen Mutter wollen wir lieber nicht reden. Die schäbigen Wachsmasken im Haus deines Vaters sind Tullias Erbgut. Unter den Flaviern hat es zumindest Konsuln gegeben. Wir leben in einer neuen Zeit. Begreifst du nicht, daß der Vorsteher des Tiergartens eine politische Stellung innehat, um die man ihn beneiden kann, auch wenn das noch nicht allen einleuchtet?«

»Ich habe keine Lust, mit Stallburschen und Zitherspielern in Wettbewerb zu treten«, entgegnete ich steif. »Dagegen kann ich dir ein paar vornehme ältere Männer nennen, die sich schon jetzt einen Zipfel ihrer Toga vor die Nase halten, wenn sie mir begegnen, um den Raubtiergestank nicht riechen zu müssen. Vor fünfhundert Jahren konnte sich der vornehmste Patrizier damit brüsten, daß er nach Dung roch, aber diese Zeiten sind vorbei. Außerdem möchte ich, ehrlich gesagt, auch keine jungen Löwen mehr in unserem Ehebett haben, für die du mehr Zärtlichkeit übrig zu haben scheinst als für mich.«

Sabinas Gesicht wurde gelb vor Zorn. »Ich habe von deinen Eigenschaften als Ehemann nie gesprochen, weil ich dich nicht verletzen wollte«, sagte sie böse und beherrschte sich mit Mühe. »Ein klügerer, rücksichtsvollerer Mann hätte längst seine Schlüsse gezogen. Wir sind nicht aus demselben Holz, aber eine Ehe ist eine Ehe, und das Bett ist nicht das Wichtigste. An deiner Stelle würde ich mich freuen, daß deine Frau eine andere Beschäftigung gefunden hat, die ihr leeres Leben ausfüllt. Wir behalten den Tiergarten, das ist mein fester Entschluß, und mein Vater stimmt mir zu.«

»Mein Vater könnte da anderer Meinung sein, und er hat wohl auch noch ein Wort mitzureden«, erwiderte ich kläglich. »So viel Geld hat er auch nicht, daß er ständig für den Unterhalt des Tiergartens aufkommen kann.« Das war jedoch im Grunde belanglos. Was mich am tiefsten gekränkt hatte, war Sabinas unerwarteter Vorwurf, ich hätte als Ehemann versagt.

Doch nun mußte ich dafür sorgen, daß das Gelee aus den Fußballen der Nashörner ins Palatium kam, solange es noch warm war, und deshalb brach ich unseren Streit ab, der gewiß nicht der erste, aber der bisher schwerste gewesen war.