Bald verdiente ich auch das erste Geld an den Schiffen, die vom Roten Meer nach Indien segelten und an denen ich – um seltene Tiere aus Indien herbeischaffen zu können – Anteile hatte erwerben dürfen. Die Waren wurden über Alexandria nach Rom befördert. Es war die Zeit, in der handwerkliche Erzeugnisse aus Gallien und kampanische Weine nach Indien ausgeführt wurden.
Dank einem Übereinkommen mit den arabischen Fürsten erhielt Rom einen Stützpunkt mit einer ständigen Garnison am südlichen Ende des Roten Meeres. Das war notwendig, weil die Nachfrage nach Luxuswaren mit dem steigenden Wohlstand des Reiches immer größer wurde und die Parther die römischen Karawanen nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen, sondern selbst als Zwischenhändler an den Waren verdienen wollten.
Alexandria gewann durch die neue Ordnung, aber große Handelsstädte wie Antiochia und Jerusalem erlitten Verluste, weil die Preise der Waren aus Indien sanken. Daher ließen die mächtigen syrischen Handelsherren durch Mittelsmänner in Rom die Auffassung verbreiten, ein Krieg gegen Parthien sei früher oder später unerläßlich, um dem Handel einen Landweg nach Indien zu eröffnen.
Sobald in Armenien Ruhe eingetreten war, hatte Rom Beziehungen zu den Hyrkanern angeknüpft, die das salzige Kaspische Meer nördlich des Partherreiches beherrschten. Auf diese Weise erhielt man unter Umgehung der Parther einen Handelsweg nach China und konnte Seide und andere Waren über das Schwarze Meer nach Rom bringen. Ich hatte davon, offen gestanden, recht unklare Vorstellungen, und wie mir erging es den anderen. Es wurde zum Beispiel behauptet, man brauche zwei Jahre, um die Waren auf Kamelrücken von China an die Küste des Schwarzen Meeres zu schaffen, aber die meisten vernünftigen Menschen glaubten nicht, daß irgendein Land so weit entfernt liegen könne, sondern meinten, die Behauptung sei eine reine Erfindung der Karawanenkaufleute, die ihre unverschämten Wucherpreise rechtfertigen wollten.
Wenn Sabina recht schlecht gelaunt war, forderte sie mich auf, selbst auf Reisen zu gehen und Tiere heimzubringen, Tiger aus Indien, Drachen, von denen die Sagen berichten, aus China oder Nashörner aus dem dunkelsten Nubien. In meiner Verbitterung hatte ich manchmal wirklich Lust, eine so lange Reise anzutreten, aber zuletzt siegte doch immer wieder die Vernunft, und ich sagte mir, daß erfahrenere Männer als ich besser dazu taugten, wilde Tiere einzufangen und die Mühen der Reisen zu bestehen.
Ich ließ daher alljährlich am Todestag meiner Mutter einen der Sklaven des Tiergartens frei und rüstete ihn für eine Reise aus. Einen meiner abenteuerlustigen griechischen Freigelassenen schickte ich nach Hyrkanien. Er sollte versuchen, nach China zu gelangen, und da er des Schreibens kundig war, hoffte ich, von ihm einen brauchbaren Reisebericht zu bekommen, aus dem ich ein neues Buch hätte machen können. Ich hörte jedoch nie mehr von ihm.
Nach dem Tod des Britannicus und meiner Vermählung war ich Nero mehr oder weniger aus dem Weg gegangen. Wenn ich heute darüber nachdenke, will mir scheinen, daß meine Ehe mit Sabina in gewissem Sinne eine Flucht aus dem Kreis um Nero war. Vielleicht habe ich mich deshalb so plötzlich und auf so vernünftige Weise in sie verliebt.
Als ich wieder mehr Zeit für mich selbst hatte, begann ich römische Schriftsteller in mein Haus einzuladen. Annaeus Lucanus, der Sohn eines Vetters Senecas, hielt sich gern in meiner Gesellschaft auf, weil ich seine dichterische Begabung ohne Hemmungen lobte. Petronius, der einige Jahre älter als ich war, fand Gefallen an dem kleinen Buch, das ich über die Räuber in Kilikien geschrieben hatte, vor allem wegen der absichtlich volkstümlichen Sprache.
Petronius war ein fein gebildeter Mann, der es – nächst der Erfüllung seiner politischen Pflichten – als sein Lebensziel ansah aus dem Leben selbst ein Kunstwerk zu machen. Er war insofern ein recht anstrengender Freund, als er gern tagsüber schlief und des Nachts wachte, weil ihn, wie er behauptete, der nächtliche Verkehrslärm Roms nicht schlafen ließ.
Ich begann ein Handbuch über wilde Tiere, ihren Fang, ihre Beförderung, Pflege und Dressur zu schreiben. Um es für die Zuhörer genießbar zu machen, berichtete ich von vielen merkwürdigen Ereignissen, die ich selbst mit angesehen oder von anderen gehört hatte, und machte fleißig Gebrauch von dem Recht eines jeden Schriftstellers, zu übertreiben, um das Interesse wachzuhalten. Petronius meinte, es könnte ein ausgezeichnetes Buch von bleibendem Wert werden, und entlehnte daraus für seine eigenen Schriften einige grobe Wendungen, wie sie in der Sprache des Amphitheaters üblich sind.
An den nächtlichen Streifzügen Neros in die verrufenen Viertel Roms nahm ich nicht mehr teil, da mein Schwiegervater der Stadtpräfekt war, und ich handelte klug, denn diese wilden Vergnügungen nahmen ein trauriges Ende.
Nero war nie böse, wenn er Prügel bekam. Er nahm das nur als ein Zeichen dafür, daß ehrlich gekämpft worden war. Eines Nachts versetzte ihm ein Senator, der die Ehre seiner Gattin verteidigte, einen kräftigen Hieb über den Schädel, und als er zu seinem Entsetzen erfuhr, wen er geschlagen hatte, schrieb er in seiner Dummheit Nero einen Brief, in dem er sich demütig entschuldigte. Darauf blieb Nero nichts anderes übrig, als sich darüber zu verwundern, daß ein Mann, der seinen Herrscher geschlagen hatte, noch am Leben war und sich obendrein in schamlosen Briefen mit seiner Missetat brüstete. Der Senator ließ sich von einem Arzt die Pulsadern öffnen.
Seneca nahm diese Sache sehr übel auf und fand, Nero müsse seine Wildheit auf andere Weise austoben. Er ließ daher den Zirkus des Kaisers Gajus am Rand des Vatikanischen Hügels instand setzen und stellte ihn Nero zur Verfügung. Dort konnte sich dieser nun endlich, mit zuverlässigen Freunden als Zuschauer, nach Herzenslust in der Kunst üben, ein Viergespann zu lenken.
Agrippina schenkte ihm dazu ihre Gärten, die sich bis zum Janiculum erstreckten. Seneca hoffte, daß die Wettkämpfe, in denen sich Nero mehr oder weniger heimlich übte, seine für einen Kaiser übertriebene Vorliebe für Musik und Gesang aufs rechte Maß zurückführen würden. Binnen kurzer Zeit wurde Nero ein kühner, unerschrockener Wagenlenker. Er hatte ja die Pferde schon als Kind geliebt.
Um die Wahrheit zu sagen, brauchte er sich freilich auf der Rennbahn selten umzusehen oder zu befürchten, daß andere seinen Wagen umwarfen, aber es gehört doch einiges dazu, ein iberisches Viergespann im Zirkus zu wenden, ohne die Herrschaft über die Pferde zu verlieren, und so mancher hat sich schon auf der Rennbahn den Hals gebrochen oder ist fürs Leben zum Krüppel geworden, weil er vom Wagen stürzte und die um den Leib geschlungenen Zügel nicht rechtzeitig zu kappen vermochte.
In Britannien hatte sich Flavius Vespasian ernstlich mit Ostorius überworfen, und er erhielt den Befehl, zurückzukehren. Der junge Titus hatte sich in seinem Dienst ausgezeichnet, indem er eines Tages mutig den Befehl über eine Abteilung Reiterei übernahm und seinem von Briten umzingelten Vater zu Hilfe eilte. Vespasian meinte allerdings, er hätte sich auch ohne fremde Hilfe herausgehauen.
Seneca betrachtete den ständigen Kleinkrieg in Britannien als nutzlos und gefährlich und vertrat die Ansicht, daß die Anleihen, die er den britischen Königen gewährt hatte, eher dazu angetan seien, den Frieden im Lande herzustellen, als Straffeldzüge, die nur die Staatskasse belasten. Nero ließ Vespasian ein paar Monate lang das Konsulsamt ausüben, machte ihn zum Mitglied eines hochgestellten Priesterkollegiums und ließ ihn danach für die übliche Amtsdauer zum Prokonsul in Afrika wählen.
Als wir in Rom zusammentrafen, musterte er mich eine Weile, lächelte dann verschmitzt und sagte: »Du hast dich in diesen Jahren sehr verändert, Minutus Manilianus, und ich meine nicht nur die Narben in deinem Gesicht. Als du noch in Britannien warst, hätte ich mir nicht träumen lassen, daß wir eines Tages miteinander verwandt sein würden, weil du meine Nichte geheiratet hast. Aber ein junger Mann bringt es in Rom natürlich viel weiter, als wenn er sich in Britannien einen Rheumatismus fürs Leben holt und sich bald hier, bald dort nach der Sitte der Briten verheiratet.«