Ich hatte meine Ehe im Land der Icener beinahe schon ganz vergessen, und Vespasian erinnerte mich nun zu meinem Unbehagen an die peinlichen Dinge, die ich dort erlebt hatte. Ich flehte ihn an, darüber zu schweigen, und er sagte tröstend: »Welcher Legionär hat nicht irgendwo einen Bankert! Aber deine Hasenpriesterin Lugunda hat nicht wieder geheiratet. Sie erzieht deinen Sohn nach römischer Art, so zivilisiert sind die vornehmsten Icener nun schon.«
Diese Worte schmerzten mich, denn Sabina zeigte keine Neigung, mir ein Kind zu gebären, und wir waren schon lange nicht mehr mit dieser Absicht beieinander gelegen. Ich verjagte jedoch die störenden Gedanken an Lugunda, wie ich es bisher getan hatte. Vespasian versprach bereitwillig, meine britische Ehe geheimzuhalten, da er, wie er sagte, das herbe Wesen seiner Nichte Sabina kannte.
Auf einem Fest, das mein Schwiegervater zu Ehren seines Bruders Vespasian gab, traf ich zum erstenmal Lollia Poppaea. Es hieß, ihre Mutter sei einst die schönste Frau Roms gewesen und habe die Aufmerksamkeit des Claudius in solchem Maße erregt, daß Messalina es für angebracht hielt, sie aus der Zahl der Lebenden verschwinden zu lassen. Doch was wurde nicht alles über Messalina geredet!
Poppaeas Vater Lollius hatte als junger Mann dem Freundeskreis des Verschwörers Sejanus angehört und war deshalb in ewige Ungnade gefallen. Lollia Poppaea war mit einem ziemlich unbedeutenden Ritter namens Crispinus vermählt und hatte den Namen ihres Großvaters mütterlicherseits, Poppaeus Sabinus, angenommen, da der Name ihres Vaters einen schlechten Klang hatte. Dieser Großvater hatte den Konsulsrang innegehabt und seinerzeit sogar einen Triumph gefeiert.
Poppaea war also mit Flavius Sabinus verwandt, wenn auch auf eine so verzwickte Weise, daß mir nie recht klargeworden ist, wie. Tante Laelias Gedächtnis hatte schon sehr gelitten. Sie brachte die verschiedensten Personen durcheinander und konnte mich auch nicht aufklären. Als ich Poppaea begrüßte, sagte ich zu ihr, ich bedauerte, daß meine Gattin Sabina mit ihr leider nur den Namen gemeinsam habe.
Poppaea sperrte unschuldsvoll ihre großen rauchgrauen Augen auf, die, wie ich später bemerkte, die Farbe je nach Stimmung und Beleuchtung wechselten, tat, als hätte sie nicht verstanden, was ich meinte, und fragte: »Findest du, ich sei nach einem einzigen Kindbett so alt und unansehnlich geworden, daß ich mich nicht mehr mit der jungfräulichen Artemis Sabina vergleichen kann? Wir sind gleichalt, deine Sabina und ich.« Mir wurde heiß, als ich ihr in die Augen sah, und ich sagte rasch: »Nein, ich meine, daß du die züchtigste verheiratete Frau bist, die mir in Rom begegnet ist, und ich muß deine Schönheit bewundern, nun da ich dich zum erstenmal ohne Schleier sehe.«
Poppaea erwiderte mit einem scheuen Lächeln: »Ich muß in der Sonne immer einen Schleier tragen, weil meine Haut so empfindlich ist. Ich beneide deine Sabina, die kräftig und braungebrannt wie eine Diana mit der Peitsche in der Hand im Sonnenglast in der Arena stehen kann.«
»Sie ist nicht meine Sabina, wenn wir auch nach der längeren Formel getraut sind«, sagte ich bitter. »Sie ist eher die Sabina der Löwen und der Tierbändiger. Sie kennt keine Scham, ihre Lieblingsgesellschaft ist nicht anständig, und ihre Sprache wird von Jahr zu Jahr gröber.«
»Vergiß nicht, daß wir miteinander verwandt sind, sie und ich«, mahnte mich Poppaea Sabina. »Aber abgesehen davon bin ich nicht die einzige Frau in Rom, die sich darüber wundert, daß ein fein empfindender Mann wie du sich ausgerechnet Sabina ausgesucht hat, obwohl er andere hätte haben können.«
Ich wies mit finsterer Miene auf meine Umgebung und deutete an, daß es noch mehr Gründe für eine Ehe gebe als nur gegenseitige Zuneigung. Flavia Sabinas Vater war Präfekt von Rom, und ihr Onkel hatte das Triumphrecht. Ich weiß nicht, wie es kam, aber Poppaeas scheue Gegenwart erregte mich, und ich begann von diesem und jenem zu plaudern. Es dauerte nicht lang, und Poppaea gestand mir errötend, wie sehr sie unter der Ehe mit einem eitlen Prätorianerzenturio litt.
»Von einem wirklichen Mann verlangt man ja mehr als nur ein hochfahrendes Wesen, einen blinkenden Brustharnisch und einen roten Helmbusch«, sagte sie beziehungsvoll. »Ich war ein unschuldiges Kind, als ich mit ihm vermählt wurde. Ich bin, wie du siehst, sehr zart, und meine Haut ist so empfindlich, daß ich mein Gesicht jeden Tag mit in Eselsmilch getunktem Weizenbrot behandeln muß.«
Ganz so zart, wie sie behauptete, war sie auch wieder nicht; das fühlte ich, als sie, ohne es zu bemerken, ihre eine Brust in meine Armbeuge drückte. Ihre Haut war so strahlend weiß, daß ich dergleichen nie zuvor gesehen hatte. Ich wußte nicht, womit ich sie vergleichen sollte, denn ich bin kein Dichter. Ich murmelte etwas von Gold und Elfenbein, aber ich glaube, daß mein Blick deutlicher als alles andere ausdrückte, wie sehr mich ihre junge Schönheit bezauberte.
Wir konnten nicht so lange miteinander plaudern, wie ich gern gewollt hätte, da ich meinen Pflichten als Schwiegersohn nachkommen mußte. Ich tat es jedoch zerstreut und vermochte an nichts anderes zu denken als an Poppaeas rauchgraue Augen und schimmernde Haut, und als ich die Schutzgeister des Hauses anrief und die uralten Beschwörungen hersagte, geriet ich ins Stottern.
Zuletzt zog mich meine Gattin Sabina beiseite und sagte spitz: »Du hast ganz glasige Augen und ein rotes Gesicht, dabei ist doch fast noch gar kein Wein getrunken worden. Laß dich nicht von Poppaea umgarnen. Sie ist eine berechnende kleine Hündin. Sie hat freilich ihren Preis, aber ich fürchte, der ist zu hoch für einen Dummkopf wie dich.«
Ich nahm ihr diese Worte sehr übel, denn Poppaea war so bescheiden, und ihr Benehmen war so unschuldsvoll, daß man sich unmöglich täuschen konnte. Zugleich aber erregte mich Sabinas gehässige Behauptung und weckte in mir den Gedanken, daß ich vielleicht gewisse Möglichkeiten hätte, wenn es mir nur gelänge, mich Poppaea behutsam und taktvoll genug zu nähern.
Als ich mich für eine Weile meiner Pflichten entledigt hatte, knüpfte ich daher ein neues Gespräch mit ihr an, was nicht schwer war, da die anderen Frauen ihre Gesellschaft offenbar mieden. Die Männer ihrerseits hatten sich um den Ehrengast versammelt, der, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von seinen Kriegserlebnissen in Britannien berichtete.
Meinen verblendeten Augen erschien Poppaea wie ein kleines verlassenes Mädchen, so stolz sie auch ihren blonden Kopf in die Höhe reckte. Eine große Zärtlichkeit ergriff mich. Als ich aber wie unbeabsichtigt ihren nackten Arm berührte, fuhr sie auf, rückte ein Stück von mir ab und sah mich an mit einem Blick, in dem sich die tiefste Enttäuschung spiegelte.
»Willst du nur das, Minutus?« flüsterte sie. »Bist du gleich wie alle anderen Männer, obwohl ich hoffte, in dir einen Freund zu finden? Verstehst du nun, warum ich lieber mein Gesicht hinter einem Schleier verberge, als daß ich es allen lüsternen Blicken aussetze? Denk daran, daß ich verheiratet bin. Nur wenn ich die Scheidung bekäme, könnte ich mich frei fühlen.«
Ich verwahrte mich gegen ihre Verwürfe und versicherte, ich würde mir lieber die Pulsadern öffnen, als sie kränken. Sie bekam feuchte Augen und lehnte sich gegen mich, so daß ich ihre Wärme spürte. Ihren weiteren Worten entnahm ich, daß sie kein Geld für einen Scheidungsprozeß hatte und daß ihre Ehe eigentlich nur durch den Kaiser selbst aufgelöst werden konnte, da sie Patrizierin war. Sie kannte jedoch nicht genug einflußreiche Personen im Palast, um ihre Angelegenheit Nero vortragen zu lassen.
»Ich habe die ganze Gemeinheit der Männer erfahren müssen«, sagte sie. »Wenn ich mich an einen Fremden wende und um Hilfe bitte, versucht er nur, meine Wehrlosigkeit auszunützen. Hätte ich nur einen einzigen wahren Freund, der sich mit meiner ewigen Dankbarkeit begnügte, ohne Dinge von mir zu verlangen, die zu gewähren meine Schamhaftigkeit mir verbietet!«