Ich bekam eine Einladung zur Hochzeit von Poppaeas eigener Hand und sandte im voraus als Hochzeitsgabe einen Satz silberner Trinkgefäße, die schönsten, die ich fand. Auf dem Fest selbst glich ich wohl einem Schatten aus der Unterwelt und trank mehr als gewöhnlich, und zuletzt sagte ich zu Poppaea, während mir die Tränen aus den Augen stürzten, ich selbst hätte vielleicht auch die Scheidung bewilligt bekommen.
»O Minutus, warum hast du das aber auch mit keinem Wort angedeutet!« rief Poppaea wehmütig aus. »Aber nein, das hätte ich Flavia Sabina nie antun können. Otho hat natürlich seine Fehler. Er ist ein wenig weibisch und zieht beim Gehen das eine Bein nach, während man dein Hinken kaum bemerkt. Er hat mir aber fest versprochen, daß er sich bessern und die schlechten Freunde verlassen will, die ihn zu gewissen Lastern verführt haben, über die ich mit dir nicht einmal sprechen kann. Der arme Otho ist so feinfühlig und läßt sich so leicht von anderen beeindrucken, aber ich hoffe, mein Einfluß wird einen neuen Menschen aus ihm machen.«
»Und außerdem ist er reicher als ich, aus uraltem Geschlecht und der engste Vertraute des Kaisers«, sagte ich ohne meine Bitterkeit zu verbergen.
Poppaea sah mich tadelnd an und flüsterte mit zitternden Lippen: »So schlecht denkst du von mir, Minutus? Ich dachte, du habest verstanden, daß mir Name und Reichtum nichts bedeuten, wenn ich mich für jemanden entscheide. Ich blicke ja auch nicht auf dich herab, obwohl du nur Tiergartenvorsteher bist.«
Sie war so gekränkt und so schön, daß ich ihr nicht länger böse sein konnte und sie um Vergebung bat. Otho war eine Zeitlang wie verwandelt. Er hielt sich Neros Gelagen fern, und wenn er wirklich erschien, weil Nero nach ihm geschickt hatte, verabschiedete er sich früh und sagte, er könne seine schöne Gattin nicht so lange warten lassen. Von Poppaeas Schönheit und Liebeskunst sprach er so offenherzig, daß Nero immer neugieriger wurde und Otho schließlich bat, seine junge Frau ins Palatium mitzubringen.
Otho erwiderte darauf, Poppaea sei zu scheu und zu stolz. Er fand noch andere Ausflüchte und sagte dann wieder, nicht einmal Venus selbst könne, als sie aus dem Meerschaum geboren wurde, schöner gewesen sein als Poppaea, wenn sie des Morgens ihr Bad in Eselsmilch nahm. Otho hatte einen ganzen Stall voll Eselinnen angeschafft, die für sie gemolken wurden. Sie pflegten beide mit gleicher Hingabe ihre zarte Haut, sofern ihnen die Liebe dafür Zeit ließ.
Ich litt solche Eifersuchtsqualen, daß ich alle Zusammenkünfte mied, bei denen ich Otho hätte antreffen können. Meine Freunde verspotteten mich wegen meiner finsteren Miene, aber allmählich tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich Poppaea, wenn ich sie wirklich liebte, nur das Beste wünschen durfte, und zumindest dem äußeren Anschein nach hatte sie die günstigste Partie gemacht, die in Rom überhaupt möglich war. Sabina aber war mir fremder geworden denn je zuvor. Wir konnten nicht mehr zusammen sein, ohne zu streiten, und ich begann ernstlich die Scheidung zu erwägen, obwohl ich wußte, daß ich mir dadurch den Haß des ganzen flavischen Geschlechts zuziehen mußte. Ich vermochte mir allerdings die herbe, schroffe Sabina nicht recht als Ehebrecherin vorzustellen, zumal sie mich deutlich genug merken ließ, daß ich ihr einen tiefen Abscheu gegen die Freuden des Bettes eingeflößt hatte.
Ihr machte es nichts aus, daß ich mich dann und wann zu einer liebeskundigen Sklavin legte, solange ich nur sie in Frieden ließ. Es gab somit keinen stichhaltigen Grund, eine nach der längeren Formel eingegangene Ehe zu lösen, und ich wagte nicht einmal mehr andeutungsweise von Scheidung zu sprechen, so außer sich vor Zorn war Sabina das eine Mal gewesen, da ich die Sache zur Sprache gebracht hatte – wohl weil sie fürchtete, ihre geliebten Tiere zu verlieren. So blieb mir nur die Hoffnung, daß die Löwen sie eines Tages zerrissen, wenn sie ihnen ihren starken Willen aufzwang und sie, von dem erfahrenen Löwenbändiger Epaphroditus unterstützt, unglaubliche, nie zuvor gesehene Kunststücke ausführen ließ.
Auf diese Weise vergingen für mich die ersten fünf Jahre der Regierung Neros. Wahrscheinlich war dies die glücklichste Zeit, die die Welt je erlebt hat und erleben wird. Ich selbst aber fühlte mich wie in einen Käfig eingesperrt. Ich begann allmählich mein Äußeres zu vernachlässigen, mochte nicht mehr reiten und setzte übermäßig viel Fett an.
Gleichwohl unterschied ich mich nicht sehr von den anderen jungen Männern Roms. Man sah damals viele ungepflegte, langhaarige Männer auf den Straßen, die schweißtriefend, singend und klimpernd den Einzug eines neuen Geschlechts verkündeten, das die strengen Sitten der Alten verachtete. Mir selbst war alles gleichgültig, da der beste Teil meines Lebens unbemerkt und ungenutzt an mir vorübergeglitten war, obwohl ich freilich noch keine dreißig war.
Dann entzweiten sich Nero und Otho. Nur um Nero zu reizen, nahm Otho eines Tages Poppaea ins Palatium mit. Nero verliebte sich blind in sie. Nach der Art verwöhnter Kinder war er gewohnt, alles zu bekommen, was er haben wollte. Poppaea wies ihn mit aller Entschiedenheit ab und sagte ihm, er könne ihr nicht mehr bieten als Otho. Nach dem Mahl ließ Nero eine Flasche seines teuersten Parfüms öffnen, und alle Gäste durften sich mit einigen Tropfen davon betupfen. Als Nero kurz darauf bei Otho zu Gast war, ließ dieser das gleiche Parfüm aus dünnen Silberröhrchen über alle Anwesenden regnen.
Es wurde behauptet, Nero habe sich einmal in seiner Liebeskrankheit mitten in der Nacht zu Othos Haus tragen lassen und vergeblich ans Tor geklopft. Otho ließ ihn nicht ein, weil Poppaea den Zeitpunkt für einen Besuch unpassend fand. Ein andermal soll Otho in Gegenwart von Zeugen zu Nero gesagt haben: »In mir siehst du den künftigen Kaiser.«
Ich weiß nicht, ob Otho dergleichen geweissagt worden war oder aus welchem Grunde sonst er sich diesen Wahn in den Kopf gesetzt hatte. Nero lachte nur laut auf und sagte höhnisch: »In dir sehe ich nicht einmal einen künftigen Konsul.«
Eines strahlenden Wochentags, als in den Gärten des Lukull auf dem Pincius die Kirschbäume blühten, ließ mich Poppaea zu sich rufen. Ich glaubte sie schon vergessen zu haben, aber sie war mir wohl doch nur scheinbar gleichgültig gewesen, denn ich kam ihrer Aufforderung sofort, vor Eifer zitternd, nach. Poppaea war schöner, als ich sie je gesehen hatte. Sie hatte ihren kleinen Sohn bei sich und trat auf, wie es einer Mutter geziemt. Sie trug ein seidenes Gewand, das die lockende Schönheit ihrer Gestalt mehr entblößte als verhüllte.
»O Minutus!« rief sie. »Wie habe ich dich vermißt! Du bist der einzige selbstlose Freund, den ich habe. Ich brauche dringend deinen Rat.«
Ich wurde mißtrauisch, denn ich erinnerte mich, wie es mir beim letztenmal als Ratgeber ergangen war. Poppaea lächelte mich aber so unschuldsvoll an, daß ich nichts Schlechtes von ihr denken konnte.
»Du wirst gehört haben, in was für eine peinliche Lage ich durch Nero geraten bin«, sagte sie. »Ich begreife nicht, wie es dazu kommen konnte, denn ich habe ihm nicht den geringsten Anlaß gegeben. Du kennst mich ja. Nero verfolgt mich mit seinen Anträgen, und Otho wird noch in Ungnade fallen, nur weil er meine Tugend beschützt.«
Sie betrachtete mich aufmerksam. Ihre rauchgrauen Augen wurden plötzlich veilchenblau. Sie hatte sich ihr goldblondes Haar so schön um den Kopf legen lassen, daß sie wie die Statue einer Göttin aussah: lauter Gold und Elfenbein.
Sie rang ihre schmalen Hände und gestand mir: »Das schrecklichste ist, daß ich Nero gegenüber nicht ganz gleichgültig bleiben kann. Er ist ein schöner Mann. Sein rötliches Haar und seine heftigen Gefühle entzücken mich. Er ist edelmütig und ein großer Künstler. Wenn ich ihn spielen und singen höre, bin ich so verzaubert, daß ich den Blick nicht von ihm wenden kann. Wäre er so selbstlos wie du, würde er versuchen, mich vor meinen eigenen Gefühlen zu schützen, anstatt sie anzufachen. Aber vielleicht weiß er gar nicht, was für Empfindungen seine Nähe in mir weckt. Ja, Minutus, ich zittere an allen Gliedern, wenn ich ihn nur sehe. Zum Glück konnte ich es bisher verbergen und ihm aus dem Weg gehen, soweit dies meine Stellung zuläßt.«