Sie sprach zurückhaltend und zugleich träumerisch, und ich glaube, sie wußte nicht, wie sehr ich litt. »Du bist in großer Gefahr, Poppaea«, sagte ich erschrocken. »Du mußt fliehen. Bitte Otho, daß er versucht, sich zum Prokonsul in irgendeiner Provinz ernennen zu lassen. Bleib nicht in Rom!«
Poppaea sah mich an, als wäre ich nicht ganz bei Sinnen. »Wie sollte ich anderswo leben können als in Rom? Ich würde vor Sehnsucht sterben. Es gibt aber etwas noch Schlimmeres und Merkwürdigeres, und ich würde nicht wagen, mit dir darüber zu sprechen, wenn ich nicht wüßte, daß ich mich auf deine Verschwiegenheit verlassen darf. Denk dir, ein jüdischer Wahrsager – du weiß ja, daß die Juden sich auf derlei Dinge verstehen – hat mir gesagt, daß ich eines Tages – du darfst mich aber nicht auslachen –, daß ich eines Tages die Gemahlin eines Kaisers sein werde!«
»Liebe Poppaea«, sagte ich begütigend. »Hast du nicht gelesen, was Cicero über die Weissagungen schreibt? Zerbrich dir über solchen Unfug nicht deinen hübschen Kopf.«
Sie warf mir einen bösen Blick zu und fragte beleidigt: »Warum nennst du das einen Unfug? Othos Geschlecht ist uralt, und er hat viele Freunde unter den Senatoren. Nero könnte diese Weissagung nur dadurch zunichte machen, daß er unsere Ehe auflöste. Er selbst hat ja seine Octavia. Er schwört freilich, er habe es noch nie über sich gebracht, sich zu ihr zu legen – so groß ist seine Abneigung gegen dieses einfältige Mädchen. Aber andrerseits kann ich nicht begreifen, daß ein junger Herrscher wie er eine freigelassene Sklavin zur Bettgenossin hat und haben will. Das ist in meinen Augen etwas so Niedriges und Verachtenswertes, daß mein Blut kocht, wenn ich nur daran denke!«
Ich schwieg und dachte nach, und schließlich fragte ich mißtrauisch: »Was willst du eigentlich von mir?«
Poppaea tätschelte meine Wange, seufzte und blickte mir zärtlich in die Augen. »Ach Minutus, du bist wirklich nicht sehr durchtrieben«, klagte sie. »Aber vielleicht mag ich dich deshalb so gern. Eine Frau braucht ja einen Freund, mit dem sie über alles ganz aufrichtig sprechen kann. Wenn du wirklich mein Freund bist, dann gehst du zu Nero und sagst ihm alles. Er wird dich bestimmt anhören, wenn er erfährt, daß du von mir kommst. Er ist schon so verliebt, daß ich ihn gleichsam in der Zange habe.«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte ich. »Gerade eben erst hast du auf meine Verschwiegenheit angespielt!«
Poppaea ergriff verlegen meine willenlose Hand, drückte sie gegen ihre Hüfte und sagte: »Er soll mich in Ruhe lassen, weil ich schwach werde, wenn ich ihn sehe. Ich bin nur eine Frau, und er ist unwiderstehlich. Das sollst du ihm sagen. Wenn ich aber in meiner Schwachheit seinen Verführungskünsten erliege, muß ich mir das Leben nehmen, um mir meine Selbstachtung zu bewahren. Ehrlos kann ich nicht leben. Sag ihm das. Erzähl ihm auch von der Weissagung. Ich ertrage den Gedanken nicht, daß Otho ihm Schaden zufügen könnte. Ich habe Otho in meiner Dummheit von der Weissagung berichtet und bereue es tief. Ich ahnte ja nicht, wie machtlüstern er in seinem Innersten ist.«
Es widerstrebte mir, noch einmal für Poppaea den Boten zuspielen, aber ihre Nähe lähmte meinen Willen, und daß sie sich so auf mich verließ, sprach mein männliches Bedürfnis an, die Schwachen zu beschützen. Zwar begann ich dunkel zu ahnen, daß Poppaea vielleicht gar nicht so schutzbedürftig sei, aber wie sollte ich ihr scheues unschuldiges Wesen anders auslegen als zu ihren Gunsten? Sie würde sich gewiß nicht so vertrauensvoll auf mich gestützt und mir erlaubt haben, sie zu umarmen, wenn sie gewußt hätte, was für Gefühle das in meinem schamlosen Leib weckte.
Nach langem Suchen fand ich Nero endlich im Zirkus des Gajus. Er übte sich mit seinem Viergespann und fuhr mit dem aus der Verbannung zurückgekehrten Gajus Sophonius Tigellinus um die Wette, den er zu seinem Stallmeister gemacht hatte. Der Form halber standen zwar Wachen an den Toren, aber es hatte sich trotzdem eine ganze Menge Volks auf den Zuschauerbänken versammelt, um Nero anzufeuern und ihm Beifall zu rufen.
Ich mußte lange warten, bis Nero endlich, staubig und verschwitzt, den Schutzhelm abnahm und sich die Leinenbinden abwickeln ließ, die seine Beine schützten. Tigellinus lobte seine raschen Fortschritte, tadelte ihn dann aber scharf wegen eines Fehlers, den er beim Wenden begangen hatte. Nero nahm den Tadel demütig entgegen. Er wußte, daß er gut daran tat, Tigellinus in allem, was Pferde und Gespanne betraf, ohne Einwände zu gehorchen.
Tigellinus fürchtete niemanden. Er war gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, und behandelte seine Sklaven grausam. Groß und kräftig, mit schmalem Gesicht, so stand er da und blickte sich hochmütig um wie einer, der sagen will, daß sich mit Gewalt alles im Leben erzwingen läßt. Er hatte einmal alles verloren, was er besaß, und hatte sich in der Verbannung durch Fischfang und Pferdezucht ein neues Vermögen geschaffen. Es hieß, daß keine Frau und kein Knabe vor ihm sicher seien.
Ich gab Nero durch Mienen und Gesten zu verstehen, daß ich ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, und er erlaubte mir, ihm zum Badehaus im Garten zu folgen. Als ich ihm Poppaea Sabinas Namen ins Ohr flüsterte, schickte er alle anderen fort und ließ mich gnädig seinen untersetzten Körper mit; Bimsstein abreiben, während er mich eifrig ausfragte und nach und nach alles erfuhr, was Poppaea mir gesagt hatte. Zuletzt bat ich ihn ernsthaft: »Laß sie also in Ruhe. Das ist alles, was sie sich wünscht, um nicht ständig zwischen ihren eigenen, einander widersprechenden Gefühlen hin und her gerissen zu werden. Sie will nur eine ehrbare Gattin sein. Du kennst ihre Unschuld und ihre Zurückhaltung.«
Nero lachte laut auf, wurde aber gleich wieder ernst, nickte mehrere Male und sagte: »Lieber hätte ich es freilich gesehen, wenn du mit dem Lorbeerkranz auf der Speerspitze zu mir gekommen wärst, Bote. Ich kann mich nur wundern, wie gut du die Frauen kennst. Ich aber habe genug von ihren Launen. Es gibt noch andere Frauen außer Lollia Poppaea, und ich will sie in Ruhe lassen. Sie soll nur selbst aufpassen, daß sie mir nicht mehr so oft vor die Augen kommt wie bisher. Grüße sie und sage ihr, ihre Bedingungen sind mir zu hoch.«
»Sie hat doch gar keine Bedingungen gestellt«, wandte ich verwirrt ein.
Nero betrachtete mich mitleidig und sagte: »Es ist das beste, du kümmerst dich um deine wilden Tiere und deine eigene Gattin. Schick mir Tigellinus, damit er mir das Haar wäscht.«
So ungnädig entließ er mich. Doch ich verstand ihn gut. Er liebte Poppaea und war nun enttäuscht, weil sie ihn abwies. Ich eilte mit meiner guten Nachricht froh zu Poppaea zurück, aber zu meiner Verwunderung war Poppaea nicht zufrieden, ja sie zerschlug sogar eine kleine Glasbüchse, so daß die kostbare Salbe auf den Boden tropfte und mir von dem betäubenden Duft ganz wirr im Kopf wurde. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer häßlichen Fratze, und sie schrie: »Wir werden sehen, wer zuletzt gewinnt, er oder ich!«
Ich erinnere mich noch gut an den Tag im darauffolgenden Herbst, an dem ich beim Aufseher über die Aquädukte saß und starrsinnig durchzusetzen versuchte, daß neue und größere Bleileitungen zum Tiergarten gelegt würden. Wir hatten schon tagelang jenen heißen Wind gehabt, der roten Staub mit sich führt und Kopfschmerzen verursacht.
Wegen der Wasserverteilung gab es ständig Streit, weil die Reichen und Vornehmen ihre eigenen Leitungen von den Aquädukten zu ihren Thermen, Gärten und Teichen legen ließen. Durch den raschen Bevölkerungszuwachs herrschte in Rom Wassermangel. Der Aufseher über die Aquädukte befand sich daher in einer schwierigen Lage. Er war nicht um sein Amt zu beneiden, obwohl einer, der bedenkenlos genug war, sich während seiner Amtszeit bereichern konnte. Ich war jedoch der Ansicht, daß der Tiergarten eine Sonderstellung einnahm und daß ich keine Ursache hatte, ihm Geld zu geben, um meine berechtigten Forderungen durchzusetzen.