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Mein Gott. Ich bin wohl keine sehr gute Schauspielerin. Wissen dann alle Bescheid?

Ein Schlüsselbund rasselte an der Tür.

»Ich muß Schluß machen, Mama.«

»Ich komme dich besuchen.«

»Nein.«

»Ben Priest war verheiratet, nicht wahr? Ich habe es in.«

»Mach’s gut, Mama.« Sie legte auf.

Mike Conlig stand im Raum und schaute sie an. Er trug eine Reisetasche mit Aufklebern von Fluggesellschaften, aus denen hervorging, daß er in Marshall gewesen war.

Es war das erstemal, daß sie ihn seit der Havarie gesehen hatte. Das war über einen Monat her.

»Du warst erstarrt«, sagte York spontan. »Du warst erstarrt. Was, zum Teufel, hast du dir dabei gedacht, Mike?«

Mike stellte die Tasche ab und ging mit seinem schweren Mantel im Apartment auf und ab. Er hatte einen ungepflegten Pferdeschwanz, und sein Bart überwucherte den Hals. »Ich war nicht erstarrt«, sagte Conlig.

»Wenn du wußtest, daß du kein Wort mehr rausbringen würdest, hättest du deinen Platz zur Verfügung stellen müssen«, sagte York. Sie spürte einen Kloß im Hals und einen Druck hinter den Augen; doch sie mußte das durchstehen, ohne die Fassung zu verlieren. »Du hattest eine Verantwortung! Diese Männer im Orbit hatten sich auf dich verlassen.«

Mit unwirschem Gesichtsausdruck schaute er auf sie herab. »Ich sehe dich seit einem Monat zum erstenmal wieder, und du gehst gleich zum Angriff über. Ich wünsche dir ein gutes beschissenes Neues Jahr, Natalie. Dann habe ich sie also getötet. Willst du das damit sagen?«

»Aber die verdammte NERVA war noch nicht einsatzbereit. Oder?«

»Natalie, du weißt doch gar nicht, wovon du sprichst.«

»Oder? Du hattest seit Jahren an den Kühlsystemen gearbeitet, und dann hat sich das verdammte Ding überhitzt und ist explodiert.«

»Ich wußte, was ich tat, Natalie.«

»Du wußtest, daß es bei der NERVA zu einer Kernschmelze kommen würde?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, verdammt. Natalie, ein Abbruch wäre die einfachste Sache von der Welt gewesen. Wenn ich abgebrochen hätte, wäre die Mission verloren gewesen.«

»Aber nicht die drei Menschen.«

».und vielleicht«, fuhr er verstockt fort, »hätten wir nie erfahren, was schiefgegangen ist. Und wir hätten das Leben von drei weiteren Leuten riskieren müssen, um es herauszufinden.« Er zupfte sich nervös am Bart. »Es ging so schnell, daß ich einfach nicht sicher war. Ich hoffte, die Lage würde sich wieder stabilisieren und wir würden die NERVA unter Kontrolle behalten. Es hätte auch anders kommen können, Natalie, und dann wäre es uns erspart geblieben, weitere Menschenleben zu riskieren. Doch genau das müssen wir nun tun. Es ist eine reine Kosten-Nutzen-Frage.«

Sie war entsetzt. »Mein Gott, bist du ein Arschloch. Du hast sie umgebracht.«

»Aber das stimmt doch nicht«, sagte er mit quengelnder Stimme. Er fühlte sich mißverstanden. »Schau: Die NASA ist einfach zu vorsichtig. Jede Sicherheitsmaßnahme erhöht die Komplexität und die Kosten einer Mission. Mit geringerem Sicherheitsaufwand wäre es uns gelungen, den Mond etwas früher zu erreichen und viel mehr Forschungsarbeiten durchzuführen, und.«, fuhr er trotzig fort, »ja, und wir hätten ein paar Märtyrer geschaffen.«

»Wie kannst du nur von Märtyrern sprechen? Wenn du es nicht verbockt hättest, wäre Ben jetzt noch am Leben. Und die anderen, verdammt.«

»Ach, sicher. Der wertvolle Ben. Darum geht es dir also, stimmt’s?« Er war nun richtig wütend.

»Was soll das jetzt heißen?«

Er schnaubte. »Ich weiß alles über dich und diesen abgefuckten Ben Priest, Natalie. Komm schon. Ich weiß es seit Jahren.«

Du auch? Sie wollte das schon dementieren und ihm sagen, daß er sich irrte. Doch Ben war tot. Das wäre unter ihrer Würde.

Er schüttelte den Kopf. »Ich will die Einzelheiten gar nicht wissen. Es interessiert mich einen Scheiß. Und weißt du was? Ich glaube, es hat mich nie interessiert.«

Sie beobachtete ihn, wie er im Raum umhertigerte. Er wirkte wie ein Fremder, ein Außerirdischer in ihrem Apartment. »Nein. Es hat dich nie interessiert, nicht? Ich kann nicht glauben.«

»Was?«

»Ich kann nicht glauben, daß ich dich jemals geliebt habe.«

Er stutzte und schaute sie an; doch dann wurde sein Gesicht wieder maskenhaft starr vor Zorn. »Ja, schön, glaub was du willst.«

»Wie kannst du das ausgerechnet jetzt sagen? Ben ist tot, um Gottes willen.«

»Ich weiß, daß er tot ist!« schrie er. »So tot wie meine abgefuckte Karriere!«

»Ist das alles, was dich interessiert?«

Nun verzehrte er sich fast vor Wut. »Ja. Ja, vielleicht ist das alles. Das und die Tatsache, daß es wahrscheinlich das Aus für das Nuklear-Programm bedeutet.«

»Raus hier!« sagte York.

»Omelett und Eier, Natalie! Man erreicht nichts, wenn man nicht ein paar Risiken eingeht. Und mit dem, was wir aus diesem Flug gelernt haben - falls wir wieder fliegen dürfen -, werden wir es beim nächstenmal richtig machen.« Unter der Wut in seiner Stimme glaubte sie noch immer Verletzlichkeit herauszuhören, das Flehen um Verständnis. »Mein Gott,

Natalie, wir könnten schon auf dem Mars sein. Aber die abgefuckte NASA.«

Sie wandte sich von ihm ab. »Hau ab! Hau ab, Mike!«

Sie sah ihm nicht einmal nach.

Mike hatte in gewisser Weise recht. Er hatte eine Wahrheit ausgesprochen, die von vielen in der NASA auch als solche empfunden wurde. Wenn wir nur keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung nehmen müßten und mit voller Kraft weitermachen dürften.

Geringere Zuverlässigkeit bedeutete nämlich geringere Entwicklungskosten und eine schnellere Umsetzung in die Praxis.

Das war ein ebenso heimtückisches wie verführerisches Argument.

Die Maschine ist alles! Ja, wir müssen Menschen in diese Maschinen stecken, und wir haben ein paar Probleme damit, und ein paar von ihnen zerbrechen an ihren Erfahrungen, und ein paar weitere sterben auf qualvolle und wenig heldenhafte Art - wie der liebe Ben, der in einem Krankenhausbett verrottet und einen Monat nach dem Flug gestorben war -, aber der Zweck heiligt nun einmal die Mittel.

Zumal wir keinen Mangel an Bewerbern haben.

Und am schlimmsten war, daß die NASA - ein Kind des Kalten Kriegs - nie die Wahrheit über eine Situation sagte, wenn sie nicht dazu gezwungen wurde. Und schon gar nicht, wenn diese Wahrheit ihr eine schlechte Presse bescherte. Das alles verbarg sich hinter dem Glanz: die Gefahren, das qualvolle Sterben, der fast psychotische Wunsch mancher Ingenieure und Besatzungsmitglieder, ins All zu fliegen.

Es ist nicht nur Mike. Es gibt nicht einmal >sie<, denen man die Schuld geben könnte.

Alle Astronauten steckten mit drin: all jene, die sich freiwillig selbst für die gefährlichste Mission meldeten und der Verschleierungstaktik Vorschub leisteten. Das galt sogar für Ben. Er hatte an NERVA mitgearbeitet; er mußte von ihrer mangelhaften Einsatzbereitschaft gewußt haben.

Auch ich, gestand sie sich schließlich ein. Sogar ich bin schuldig. Für die Arbeit bei der NASA kompromittiere ich meine wissenschaftlichen Grundsätze. Doch das ist noch nicht alles.

Indem ich an dem Programm teilgenommen habe, indem ich ihm meine stillschweigende Unterstützung gewahrt habe, bin ich genauso mitschuldig an Bens Tod wie die defekte NERVA.

Sie setzte sich auf einen Stuhl, schlang die Arme um den Körper und legte den Kopf auf die Knie.

Und nun muß ich mich entscheiden. Soll ich aussteigen? Vielleicht die Wahrheit in die Welt hinausschreien?