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Oder soll ich bleiben, damit Bens Tod nicht umsonst war?

Etwas in ihrem Innern, kalt und hart und selbstsüchtig, sagte ihr, daß Ben es war, der gestorben sei, und nicht sie. Und der Mars war immer noch da und wartete auf sie.

Vielleicht rationalisierte sie nur; vielleicht versuchte sie nur, ihr Verbleiben im Programm zu rechtfertigen.

Und vielleicht hatte sie Mike mit seinem Gerede von den Märtyrern nur deshalb rausgeworfen, weil ein Teil ihrer Seele seiner brutalen Analyse zustimmte.

Am nächsten Tag ließ sie die Schlösser auswechseln, packte Mikes Kram und schickte ihn nach Huntsville. Und dann bot sie das Apartment in Portofino zum Verkauf an.

Dienstag, 20. Januar 1981 NASA-Hauptquartier, Washington

Nachdem das Manuskript des internen Berichts der NASA auf seinem Schreibtisch gelandet war, bestellte Michaels Seger, Muldoon und Udet zu einer Besprechung in sein Washingtoner Büro.

Die drei saßen in einer Reihe an der anderen Seite des Schreibtischs. Muldoon wirkte angespannt, ärgerlich und unbehaglich. Seger machte einen energischen und fast schon zu fröhlichen Eindruck. Und Udet gab sich reserviert und musterte Michaels und die anderen Anwesenden mit seinen himmelblauen Augen.

Michaels nahm das Manuskript in die Hand und legte es wieder auf den Tisch. »Ich habe versucht, das zu lesen. Ich weiß, daß ich jeden Punkt beantworten muß. Meine Herren, ich möchte, daß Sie diese verfluchte Explosion mit mir durchgehen. Schritt für Schritt, von vorne nach hinten und zurück - so lange, bis ich es begriffen habe. Haben Sie das verstanden? Hans, möchten Sie anfangen?«

Udet nickte energisch. »Natürlich, Fred. Der Defekt trat auf, als wir die S-NB auf die Wiederanlauf-Zündung vorbereiteten. Ich möchte Sie indes darauf hinweisen, daß die Rakete während der ersten Brennphase einwandfrei funktioniert hatte.«

»Ich erinnere mich.«

»Die Moderatoren wurden eingeregelt, um den Kern auf die Betriebstemperatur von dreitausend Grad zu bringen. Die Turbopumpen wurden gestartet, und dann floß Wasserstoff durch den Kühlmantel und den Kern. Wir registrierten einen Schubanstieg auf den Nominalwert; das Kabinen-Protokoll belegt, daß die Besatzung davon Kenntnis hatte. Dann.«

»Und dann«, sagte Joe Muldoon trocken, »ist ein Störfall eingetreten.«

Der Fluß des flüssigen Wasserstoffs in die Kühlmäntel geriet ins Stocken, sagte Udet. Später stellte sich, heraus, daß sich in den Rohrleitungen, die den Wasserstoff zum Triebwerk transportierten, ein Leck gebildet hatte.

»Hätte man den Kern nicht runterfahren müssen, als das eintrat?« fragte Michaels.

»Ja, das ist die Standard-Prozedur«, sagte Muldoon. »Ohne Kühlmittel überhitzt sich der Kern.«

»Wir hatten gerade einmal einen Sekundenbruchteil, um eine Entscheidung zu treffen«, sagte Udet. »Mehr nicht. Bei einem Abbruch hätten wir vielleicht das ganze Triebwerk verloren, und die Mission wäre ein Fehlschlag geworden. Und vielleicht grundlos, wenn die Flußprobleme sich selbst behoben hätten.«

»In Ordnung, Hans. Fahren Sie fort.«

»Wir regelten die Moderatoren ein, um die Kerntemperatur zu senken, bevor wir ihn abschalteten. Doch es gelang uns nicht, die Zieltemperatur zu erreichen.«

»Und hier haben wir auch schon den ersten grundlegenden Konstruktionsfehler, Fred«, sagte Muldoon.

Udet und Seger beugten sich nach vorn, um Widerspruch einzulegen, doch Michaels bedeutete ihnen, zu schweigen.

»Wir hatten nur einen Regelkreis - den Moderator des Reaktors - und folglich nur eine Option zum Herunterfahren. Als die wegfiel, war es uns nicht mehr möglich, den Temperaturanstieg umzukehren.«

Michaels nickte. »Hans?«

Udet machte eine ausladende Geste. »Wir müssen einen Kompromiß finden zwischen Zuverlässigkeit und Gewicht, Fred. Das ist seit jeher das Dilemma des Raumflugs: soll man lieber die Nutzlast erhöhen oder doch ein zusätzliches Redundanzsystem einbauen? Unserer Ansicht nach war das

Moderator-System in diesem Fall hinreichend zuverlässig, um den Flug zu vertreten - auch ohne die Installation eines weiteren Sicherheitssystems, das nur zu einer unnötigen Erhöhung des Gewichts geführt hätte.«

»Bert? Möchten Sie sich dazu äußern?«

Seger, dessen Augen funkelten, zuckte die schmalen Schultern. »Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand; wir haben alle Tests durchgeführt. Aber wir haben dennoch einen Fehler gemacht. Beim nächsten Flug einer NERVA werden wir das behoben haben.«

So etwas kommt eben vor. Diese Antwort war kaum geeignet, die Kommission des Weißen Hauses zufriedenzustellen, sagte Michaels sich düster.

»Weiter, Hans.«

»Inzwischen«, sagte Udet, »wußte die Besatzung, daß der Schub nach der ersten Brennphase ausgesetzt hatte. Seit der ersten Störung im Fluß waren erst ein paar Sekunden verstrichen. Nun stieg der Wasserstofffluß deutlich an«, sagte Udet. »Ein Strahl spritzte aus der lecken Leitung. Der Wasserstoff überschritt den nominalen Durchsatz und flutete den Kern förmlich. Wir haben den Moderator weiter heruntergeregelt.«

»Und an dieser Stelle hätte gemäß der Standardprozedur der Reaktor wieder heruntergefahren werden müssen«, sagte Muldoon barsch. »Der Regelbereich war zu schmal geworden; wir hatten den Kern nicht mehr unter Kontrolle. Dennoch haben wir die Automatik erneut übergangen.«

»Wir versuchten, die Mission zu retten«, sagte Udet.

»In Ordnung. Wir sollten uns an die Fakten halten; rechtfertigen können wir uns später. Was geschah dann?«

»Dann brach der Kühlmittelfluß in den Kern ab«, sagte Udet. »Vielleicht haben die Leitungen in diesem Augenblick ganz versagt.«

»Das ist der entscheidende Moment, Fred«, sagte Muldoon. »Wir haben einen Reaktor, der bereits instabil ist. Durch die Wasserstoffflut ist der Kern isotherm geworden - das heißt, überall herrscht dieselbe Temperatur -, so daß die Veränderungen simultan im ganzen Kern erfolgen. Und der Kühlmittelfluß ist unterbrochen - die wichtigste Wärmesenke des Kerns, der Wasserstoffluß durch den Mantel, ist verschwunden.«

»Also erhitzt er sich nun.«

»Also erhitzt er sich nun. Im gesamten Bereich des Kerns. Und viel schneller als zuvor.«

»Wir versuchten, ihn herunterzufahren«, sagte Udet. »Doch der Moderator war zu weit außerhalb des Kerns, um schnell genug zu reagieren. Der Wasserstoff im Kern und im Mantel erreichte den Siedepunkt und expandierte.«

»Und dann ist der Kern durchgegangen«, sagte Muldoon. »Weil der Reaktor für einen positiven Temperaturkoeffizienten ausgelegt war.«

Michaels seufzte und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Tun Sie einfach so, als wüßte ich nicht, wovon Sie sprechen.«

Muldoon grinste verkniffen. »Ich weiß. Ich habe auch eine Weile gebraucht, um die Zusammenhänge zu erkennen. Schauen Sie: angenommen, die Temperatur des Kerns steigt. Nehmen wir außerdem an, der Kern sei so ausgelegt, daß bei einem Temperaturanstieg die Reaktivität sinkt - das heißt, die Reaktionsgeschwindigkeit sinkt automatisch. Das wird als >negativer Temperaturkoeffizient< bezeichnet. In diesem Fall hat man eine negative Rückkopplungsschleife: die Reaktion fällt ab, und die Temperatur fällt ebenso.«

»Gut. Es handelt sich um eine Art Selbstkorrektur. Auf diesem Prinzip basieren die Reaktoren von Atomkraftwerken. Doch im Fall der NERVA war dieser Koeffizient positiv, zumindest in einem Teil des Temperaturbereichs. Als die Temperatur anstieg, erhöhte die Reaktivität sich auch.«

»Und die Geschwindigkeit der Kernspaltung erhöhte sich ebenfalls und führte somit zu einem weiteren Anstieg der Temperatur.«

»Und so weiter. Ja.«

Michaels sah Udet düster an. »Ich habe das abgefuckte Prinzip nun begriffen, Hans. Wieso, zum Teufel, sind wir mit einem instabilen Reaktor geflogen?«