Freitag, 30. Januar 1981 Soldatenfriedhof von Arlington
Michaels fröstelte trotz des Überziehers. Der Himmel war verhangen, und die Wolken schienen direkt über den Wipfeln der Bäume zu hängen. Gott sei Dank ist das die letzte.
Die Trauergäste standen in mehreren Reihen gestaffelt: dort war Jim Danas Familie - der arme, alte Gregory Dana, der Träumer aus Langley, stand in der ersten Reihe und hielt seine Frau und seine verwitwete Schwiegertochter umarmt. Dort waren die obligatorischen NASA-Manager und Ingenieure, Kongreßabgeordneten und Senatoren; und dort war der Vizepräsident der Vereinigten Staaten höchstpersönlich. Ganz vorne war eine Reihe von Astronauten angetreten und salutierte ihrem gefallenen Kameraden: Muldoon, York, Gershon, Stone, Bleeker und andere - Männer, welche die erste Mercury geflogen hatten, Männer, die auf dem Mond gelandet waren, Männer - und Frauen -, die vielleicht auf dem Mars landen würden. Und dort war Wladimir Wiktorenko, der mit Joe Muldoon in den Mondorbit gegangen war und auf dessen Erscheinen Muldoon bestanden hatte - Afghanistan hin oder her -, um das Astronautenkorps von der anderen Seite der Welt zu repräsentieren.
Es wurden drei Gewehrsalven abgefeuert, und ein Hornist blies eine getragene Weise. Die präzise choreographierte Beisetzung mit militärischen Ehren wollte kein Ende nehmen und wurde dadurch um so schmerzlicher.
Plötzlich ertönte ein Donnern, daß der Boden erbebte. Erschrocken blickte Michaels gen Himmel.
Vier Düsenjets flogen aus südwestlicher Richtung in rautenförmiger Formation an, nicht mehr als hundertfünfzig Meter über dem Boden. Die weißen Maschinen hoben sich gegen den bleiernen Himmel ab. Als die Staffel mit kreischenden Triebwerken über die Trauergemeinde hinwegjagte, scherte der Flügelmann aus der Formation aus und stieg senkrecht in den Himmel. Binnen weniger Sekunden war er in den Wolken verschwunden.
Die anderen drei Jets flogen mit glühenden Nachbrennern nach Norden.
Michaels wußte um die Symbolik der Formation. Der fehlende Mann. Er sah, daß die am Grab angetretenen Astronauten, Anfänger und Veteranen gleichermaßen, zu den Flugzeugen hinaufschauten.
Nachdem die Zeremonie beendet war, kämpfte Michaels sich durch die mit schwarzen Mänteln bekleidete Menge zu Joe Muldoon durch.
»Joe, ich muß Sie sprechen. Ich habe einen Auftrag für Sie.«
Muldoon sah ihn nur finster an. Er ragte wie ein Turm über Michaels auf, unbeugsam und einschüchternd. Die Muskeln zeichneten sich unter der Uniform ab, und das Gesicht war maskenhaft starr. Michaels sah, daß ein heiliger Zorn in dem Mann loderte.
Michaels holte tief Luft. Diesen Zorn mußte er sich nun zunutze machen. »Ich möchte, daß Sie das folgende für sich behalten: Ich werde Bert Seger versetzen. Ich lobe ihn ins Programm-Büro hoch. Ich habe ihm eine Stelle in Washington besorgt.«
»Das wird er nicht akzeptieren.«
»Er wird es akzeptieren müssen. Zum Teufel, Sie haben ihn doch in dieser Besprechung mit Udet erlebt. Ich mußte ihn aus der Schußlinie nehmen.«
Muldoon schüttelte den Kopf. »Bert hat verdammt hart gearbeitet. Und nichts davon war seine Schuld.«
»Ich will hier auch keine Schuldzuweisungen machen«, sagte Michaels dezidiert. »Das überlasse ich dem Kapitol. Mir geht es nur darum, das Programm voranzubringen, von der derzeitigen Phase bis zum Abschluß. Und in meinen Augen ist Bert Seger nicht mehr der richtige Mann für diese Aufgabe.«
»Wer sonst?«
»Sie.«
Muldoon schaute ihn mit offenem Mund an. Seine Augen waren runde blaue Scheiben, eine Karikatur der Verblüffung. »Ich? Sie machen wohl Witze. Ich bin kein Manager. Ich bin das Arschloch mit dem großen Maul, das Sie beinahe geschaßt hätten, wenn Sie sich erinnern.«
»Ja, Sie sind manchmal ein Arschloch«, antwortete Michaels patzig. »Aber ich vertraue Ihrem Urteilsvermögen bei den Dingen, auf die es ankommt. Sie sind schließlich ein MondSpaziergänger. Und Sie haben die Moonlab-Mission gut ausgeführt. Diese Übertragung.«
»Das war eine Provokation.«
»Moment. Hier unten hatte diese Übertragung die Wirkung einer Katharsis. Ich glaube, sie hat vielen Leuten, in der NASA und darüber hinaus, bei der Bewältigung des Unfalls geholfen. Und Sie haben sich bei der Untersuchung der Havarie bewährt.« Er seufzte. »Sehen Sie, Joe, ich brauche Sie, weil wir verdammt in der Klemme stecken. Ich weiß noch immer nicht, welche Richtung Reagan einschlagen wird. Aber ich weiß, daß wir durch den Unfall sehr schlechte Karten im Kapitol haben. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß wir das nukleare Raketenprogramm werden einstellen müssen. Und vom MEM existiert noch nicht einmal die Hülle; auch vor diesem Desaster hingen wir schon Monate zurück. Was ich brauche, ist eine energische, harte, charismatische Person - Sie, Joe -, welche das Programm in den Griff bekommt und Marshall, der Luft- und Raumfahrtindustrie und den anderen Beteiligten Dampf macht.«
Muldoon ließ den Blick über den Friedhof schweifen. »Ich möchte eines klarstellen«, sagte er leise. »Wenn ich diesen Auftrag annehme, muß ich aber aus dem aktiven Dienst ausscheiden.«
Michaels atmete durch. »Ja. Beide Aufgaben können Sie nicht übernehmen.«
»Wenn ich also diesen Job annehme, um Ihren Arsch zu retten, verspiele ich die Chance, zum Mars zu fliegen.«
»Ich möchte Ihnen da nicht widersprechen, Joe. Aber wenn Sie den Auftrag nicht annehmen, wird niemand die Chance haben, zum Mars zu fliegen - weder zu meinen Lebzeiten noch zu Ihren.«
Muldoons Lippen zuckten. »Das ist ein höllischer Preis, den ich zahlen soll.«
»Das weiß ich.«
»Und es ist auch nicht in Ordnung, Fred«, sagte Muldoon. »Was werden all diese Ingenieure, Manager und RaumKadetten wohl dazu sagen, wenn Sie einen Kommißkopp wie mich an die Spitze der Organisationspyramide setzen?«
Michaels lächelte. »Nun, in den Tagen von Apollo hüpften die Manager ständig um das Organigramm herum, ohne ihm allzu viel Beachtung zu schenken. Vielleicht brauchen wir diesen Geist wieder. Sie sollten sich wirklich keine Sorgen wegen der Farbe des Teppichs machen, Joe. Und falls jemand Ihren Rang und Status in Frage stellt - nun, dann kommen Sie einfach zu mir.«
»Nein, zum Teufel«, sagte Muldoon. »Wenn irgendein Sesselfurzer mich anzuscheißen versucht.«
»Heißt das, Sie übernehmen den Job?«
»Das heißt, daß ich darüber nachdenken werde. Sie sind ein Bastard, Michaels.«
Sie gingen zu den wartenden Fahrzeugen.
Dienstag, 3. Februar 1981 Osero Tengis, Kasachstan
Der über die Steppe fegende Wind drang durch die Lagen von Yorks Druckanzug. Sie versuchte herumzulaufen, um sich warmzuhalten. Doch der mit Drähten verstärkte Anzug sowjetischer Machart erwies sich für die Fortbewegung als hinderlich, und sie ermüdete rasch. Obendrein drückte ihr der >Anhang<, die aufgestülpte Öffnung an der Vorderseite des Anzugs, auf die Brust.
Neben ihr hatte Ralph Gershon sich in sich selbst zurückgezogen. Er hatte den Kopf auf den Kragen des Anzugs gelegt und den Helm unter den Arm geklemmt. Gershons Augen waren glasig. Er hatte, wie York nicht zum erstenmal auffiel, die Macke, sich gleichsam in einen privaten Kosmos zurückzuziehen, wenn die Außenwelt gar zu beschissen war. Um diese Macke beneidete sie ihn nun.
Das Modell der Sojus-Kommandokapsel im Maßstab eins zu eins stand in der kasachischen Ebene. Ein paar verbeulte Lastkraftwagen ohne Anstrich waren um die Kapsel geparkt. Neben der Sojus stand der Tieflader, der die Kapsel hierher gebracht hatte. In fünfzig Metern Entfernung befand sich ein sowjetischer Militärhubschrauber, dessen Rotoren sich langsam drehten. Kabel gingen von der Kommandokapsel aus, schlängelten sich über die staubige Steppe und führten zu Winden, die im Hubschrauber montiert waren.