Es lag ein schwacher Grasgeruch in der kalten Luft. Das Erdreich war mit einer gelblichen steinharten, glasierten Schicht überzogen, aus der vereinzelte Grasbüschel wuchsen. An manchen Stellen lag noch Schnee. Wladimir Wiktorenko hatte ihr gesagt, die Steppe würde sich zu Beginn des Frühjahrs in ein Blumenmeer verwandeln. York vermochte das kaum zu glauben.
Sie kannte nicht den Grund für die jüngste Verzögerung. Techniker standen tatenlos herum, wobei Zeitpläne und Ablauforganisation anscheinend Fremdworte für sie waren. So schien das in der Sowjetunion eben zu laufen, selbst beim Raumfahrtprogramm.
York bemühte sich um Toleranz, was ihr indes schwerfiel. Sie hatte nicht die Zeit, mit einem Haufen schlafmütziger
Techniker in der Steppe rumzuhängen. Weitermachen. Bringen wir’s hinter uns.
Nun stapfte der kompakte Wladimir Wiktorenko zielstrebig zu ihr herüber. Den Helm hatte er bereits aufgesetzt. »Also«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. Sie hatte schon mit so etwas gerechnet, weshalb es ihr gelang, das Gleichgewicht zu wahren. »Sind Sie bereit für den Flug? Und Sie, Ralph?«
Gershon hob den Kopf vom Kragen des Anzugs; wie eine Schildkröte, die den Kopf aus dem Panzer steckte.
York starrte auf die Wand der Kommandokapsel, und ihre Besorgnis stieg. »Wir sind nicht in die Sojus eingewiesen worden. Wo ist die Luke? Oben?«
»Ja, sie ist oben. Ich werde als erster einsteigen.« Er tippte zuerst ihr auf die Schulter, dann Gershon. »Dann Sie, und dann Sie. Sie werden sehen, daß es ganz einfach ist.«
Die Techniker kicherten. Yorks Ressentiments wuchsen.
»Wladimir, weshalb lachen Ihre Leute über mich?«
Er hob die Augenbrauen. »Wlad-im-ir«, sagte er und betonte dabei die zweite Silbe. »Ach, es ist nichts.«
»Und ob was ist.« Zorn wallte in ihr auf. Seit Apollo-N spürte sie diesen Zorn und ließ ihn an jedem aus, der ihr dumm kam. Sie vermutete, daß das auch ein Grund war, weshalb man sie trotz ihrer Beteiligung an der Untersuchung der Havarie hierher geschickt hatte.
Sie war ihnen im Weg. Sie sollte sich hier in der Steppe abkühlen.
Nur daß das nicht funktionierte.
Sie stakste zu einem der Techniker hinüber, einem bulligen Kerl in einem öl verschmierten Hemd, das sich über seinem Wanst spannte. »Was ist denn so lustig? Hä?«
Wiktorenko kam zu ihr und faßte sie am Ellbogen. »Sie müssen ruhig bleiben, meine Liebe.«
Sie schüttelte seine Hand ab. »Ja, sicher. Sobald diese rüpelhaften Arschlöcher.«
»Nein«, sagte er, und nun lag ein metallischer Klang in seiner Stimme.
»Wieso nicht, zum Teufel?«
»Soj-us.« Er sprach das Wort so aus, wie sie es als Amerikanerin getan hatte. Sogar für Yorks Ohren klang es nun schräg. »Darüber amüsieren sie sich. Ich vermute, Ihre englische Transliteration ist ungenau«, sagte er gelassen. »Es liegt vielleicht am >j<. Sehen Sie, in der Standard-Orthographie bezeichnet >ju< einen kyrillischen Buchstaben, weshalb das >j< und das >u< nicht getrennt werden dürfen. Die Silben lauten Sojus. Weil die Betonung auf der zweiten Silbe liegt, schwächen wir das unbetonte >o< von >So< zu einem >a< ab. Und dann hat >jus< ein langes >u<, wie >Schuh<. Sa-juhs. Und dann müssen Sie noch beachten, daß Schlußkonsonanten stimmlos sind. Sa-juhs. Sa-juhs.«
Sie versuchte es ein paarmal, was mit einem ironischen Klatschen des stämmigen Technikers quittiert wurde.
»Schon besser«, sagte Wiktorenko. »Sehen Sie, nun ist es Ihnen gelungen, eins der wenigen russischen Wörter korrekt auszusprechen, von denen man erwarten sollte, daß sie einem amerikanischen Astronauten geläufig sind.«
Sie registrierte den skeptischen Blick des Technikers und erwiderte ihn. Diese Russen waren noch größere Machos als ihre amerikanischen Kollegen.
Doch vielleicht hing das auch mit der internationalen Lage zusammen. Sie versuchte sich vorzustellen, was diese Männer beim Gedanken an ihre in Afghanistan kämpfenden und sterbenden Landsleute empfanden und was ihnen bei ihrem Anblick - einer verwundbaren, isolierten Amerikanerin - durch den Kopf ging. Sie erinnerte sich an die aggressive antisowjetische Rhetorik, die seit Reagans Amtsantritt im
Weißen Haus Einzug gehalten hatte. Sie hatten wohl das Recht, sie zu verachten, sagte sie sich.
Ihr Zorn verflog. Teufel. Vielleicht habe ich es auch verdient. Sie schauderte und versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Eine Strickleiter schlängelte sich aus der Sojus zum Boden herab.
Sie kniete auf dem Dach der Kommandokapsel, wobei ein kräftiger Techniker ihr Hilfestellung gab. Die Kapsel glich einem überdimensionierten Autoscheinwerfer, der auf der Streuscheibe stand. Der grüne Anstrich bildete einen markanten Kontrast zum ausgewaschenen Braun des Erdbodens. Von hier oben wirkte die Steppe deprimierend in ihrer unendlichen Weite. Sie war menschenleer bis auf die kleine Gruppe, die sich um die Kapsel versammelt hatte. Der metallisch graue Himmel glich einem Deckel, der über das Land gestülpt war.
In der Ferne erspähte sie ein silbernes Glitzern, bei dem es sich vielleicht um ein Gewässer handelte. Irgendein einsamer Salzsee.
Wiktorenko stieg zuerst in die Kapsel. Er sagte York, sie solle ein paar Minuten warten, bevor sie ihm folgte - er müsse erst noch die Bolzen überprüfen, mit denen die Sitze befestigt waren. Sie hatte den Eindruck, daß er das ernst meinte.
Schließlich steckte Wiktorenko den Kopf aus der Luke und bedeutete ihr mit einem Winken, einzusteigen. Der Techniker nahm ihr die Überschuhe und den Schutzüberzug ab, den sie über dem Helm getragen hatte.
Auf den ersten Blick glich die Kabine dem Interieur einer Apollo-Kommandokapsel, die schließlich dem technischen Stand der Sojus entsprach. Drei primitive, ausgeformte Liegen waren strahlenförmig angeordnet und berührten sich an den Fußenden. Zögerlich, mit den Füßen voran, ließ sie sich hinab.
Wladimir Wiktorenko hatte sich bereits auf dem Sitz des Kommandanten auf der linken Seite der Kabine plaziert. Er bedeutete ihr, auf der anderen Seite Platz zu nehmen. »Seien Sie mein Gast!«
Sie schraubte sich nach unten, bis sie die Konturen des rechten Sitzes unter sich spürte. Die Liege war zu kurz und stauchte Schultern und Waden. Die Liegen in einer richtigen Sojus waren der Größe der jeweiligen Kosmonauten angepaßt; in diesem Trainingsgerät hatten die Liegen jedoch ein einheitliches Format und waren zudem durch den häufigen Gebrauch verschrammt und abgenutzt.
Die Kapsel war eng, sogar im Vergleich zu den ApolloAttrappen, und sie war mit Ausrüstung für die Landung vollgepackt: Fallschirme, Notrationen, Luftkissen und
Überlebensausrüstung. Die wichtigsten Instrumente waren in einem Pult vor Wiktorenko zusammengefaßt: ein Monitor, Orientierungsregler zur Rechten und Steuerungsregler zur Linken. Vor einem Fenster in einer Seite der Konsole war ein optisches Orientierungssystem installiert. York identifizierte nur ein paar Instrumente. Doch das war auch egal, denn sie würde ohnehin nicht selbst fliegen. Zumal es sich bei den meisten Instrumenten dieses Modells ohnehin nur um Attrappen handelte.
Die Einrichtung der Kapsel war ausgesprochen rustikal. Überall waren scharfe Kanten, und manche Regler waren so weit von den Kosmonauten entfernt, daß sie die Konsolen nur mit Hilfe von eigens hierfür ausgegebenen Stäben zu bedienen vermochten. Die Kapsel war spartanisch primitiv und zweckmäßig.
An Yorks rechtem Ellbogen befand sich ein kleines rundes Fenster. Sie schaute hinaus und versuchte, sich in den Anblick des grauen Himmels und der flachen Steppe zu versenken.
Nun zwängte Ralph Gershon sich durch die Luke. Er schlug mit Stiefeln und Knien gegen die Konsolen und gegen York und Wiktorenko. Der Russe lachte herzhaft, packte seine Beine und verhinderte so, daß Gershon größeren Schaden anrichtete.