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Gershon ließ sich auf den mittleren Sitz fallen und drückte sie an die Wand. Ihre Schienbeine hatten Kontakt, ohne daß eine Rückzugsmöglichkeit bestanden hätte. »Mein Gott, Ralph.«

Gershon hatte einen Kaugummi im Mund und wirkte recht aufgeräumt. »Komm schon, York. So schlimm isses nun auch wieder nicht. Wenigstens sind wir nun vor dem abgefuckten Wind geschützt.«

Wiktorenko langte über Gershons Kopf hinweg und drückte die innere Luke zu, die wie ein dicker Metallstopfen aussah. Abrupt brachen das Pfeifen des Windes und das Geplapper der Techniker ab, und York hatte nun das Gefühl, sich in einer Sardinenbüchse zu befinden. In einer Gruft.

Sie hörte, wie die Techniker die Außenluke zuknallten.

Das Geräusch des Hubschraubers reduzierte sich zu einem gedämpften Brummen. Sie spürte, wie der Herzschlag sich beschleunigte. Dann schlug etwas gegen die Hülle, und ein schabendes Geräusch ertönte. York vermutete, daß Kabel über die Wandung des Raumschiffs glitten.

Scheinbar ungerührt nahm Ralph Gershon den Kaugummi aus dem Mund und klebte ihn unter den Sitz.

Der Motor des Hubschraubers brüllte auf. Durchs Fenster sah sie eine kurze Serie von Lichtblitzen - die Rotorblätter, welche die Kommandokapsel bestrichen -, und dann wurde die Sojus nach oben gerissen, als ob sie sich in einen Aufzug verwandelt hätte.

York spürte, wie ihr die Luft aus der Lunge entwich, und die Druckpunkte der Liege bohrten sich ihr in Rücken und Hüfte.

Vor dem Fenster schaukelte die zurückweichende Steppe wie Form-Gips in einer Simulation hin und her. Sie sah einen kleinen Kreis aus Ingenieuren, die mit ihren Mützen winkten und deren Gesichter wie staubige Blumen gen Himmel gerichtet waren.

Von der Kapsel aufgewirbelter Staub stob in konzentrischen Kreisen über die Steppe, und die Techniker wichen zurück und beschirmten die Augen.

Dann sah sie den Boden nicht mehr: vor dem Fenster stand ein Ausschnitt des wolkigen Himmels.

York wurde es warm im Druckanzug. Sie spürte, wie der Schweiß sich am Steißbein sammelte. Die Füße indes waren kalt. Das Kühlsystem des sowjetischen Anzugs war wohl noch nicht ganz ausgereift. Sie versuchte, die Zehen zu krümmen, was bei dem mehrlagigen Gewebe nicht einfach war.

Der neben ihr liegende Gershon bestand nur aus Ellbogen.

Eine Fernsehkamera - ein vorsintflutliches Gerät, das noch aus den Fünfzigern zu stammen schien - hing über Gershons Kopf an der Kabinenwand. York wußte nicht, ob sie eingeschaltet war oder nicht. Eine Metallminiatur, ein Raumfahrer, baumelte an einer Kette vor der Linse; während die Kabine wie ein Pendel unter dem Hubschrauber schwang, schaukelte die Miniatur hin und her.

Wiktorenko sah, wie sie die Figur betrachtete. »Das ist mein Freund Boris.« Er sprach es Ba-riis aus. »Boris ist ein wichtiger Bestandteil der Sojus.« Er wies auf die Kamera. »Sie ist ständig auf Boris ausgerichtet. Durch die Beobachtung dieses Hampelmanns weiß die Bodenstation genau, wann Schwerelosigkeit eintritt. Genial, nicht?«

Nun schwang die Kapsel nach rechts. York wurde vom Gewicht der beiden Männer an die Wand gedrückt.

Wiktorenko brüllte vor Begeisterung. »Wie in Disney World! Ha ha! Ralph und Natalie. Ihr müßt euch vorstellen, daß wir in einer echten Sojus zur Erde zurückkehren, nachdem wir etwa hundert Tage an Bord unserer prächtigen Raumstation Saljut verbracht haben. Wir haben den leichten Stoß beim Wiedereintritt - gerade einmal drei oder vier Ge, dank der intelligenten aerodynamischen Konstruktion der Kommandokapsel - überstanden, und wegen der Reibungshitze der Atmosphäre ist das Fenster mit Ruß überzogen. Doch dann stoßen wir die Fensterblenden ab und sehen einen sonnigen Morgen über Kasachstan. Und nun kommen die Fallschirme: die drei Bremsfallschirme öffnen sich in schneller Folge, plopp plopp plopp, und dann entfaltet der Hauptfallschirm sich wie ein großes weißes Segel.« Wiktorenko imitierte den Fall einer Feder. »So sinken wir trotz des Gewichts von drei Tonnen wie eine Schneeflocke hinab.«

Sie schloß die Augen. Sie wußte, daß irgend etwas schiefgehen würde. Es war nur eine Frage der Zeit, der Schwere des Störfalls und ob sie die Situation meistern würde, wenn es soweit war. Es war wie in einer Simulation: es war ein sadistisches Spiel, und Wiktorenko bestimmte die Spielregeln. Und der Bastard wußte das auch.

»Und nun«, sagte Wiktorenko, »naht der Augenblick der Wiedervereinigung mit dem Mutterplaneten! Doch ihre Umarmung ist fest. Deshalb sind eure Sitzflächen mit Preßluft gefüllt, um die Wucht des Aufpralls zu mindern. Und weniger als zwei Meter über dem Boden werden Bremsraketen feuern, um den Aufprall zu dämpfen. Natürlich haben wir keine Bremsraketen, denn in diesem Fall handelt es sich nur um ein Trainingsmodell. Wenn wir Glück haben, weht nur ein schwacher Wind; andernfalls machen wir vielleicht ein paar Sätze.«

Es rauschte im Funkgerät, und dann wurde auf russisch eine kurze Nachricht durchgegeben. Wiktorenko bestätigte und schaute auf einen Chronometer. »Drei, zwei, eins.«

Schlaffe Kabel peitschten gegen die Hülle. Der Hubschrauber hatte die Kapsel abgeworfen.

Die Kommandokapsel fiel und riß sie mit in die Tiefe.

Mit lautem Poltern prallte die Sojus auf eine harte Oberfläche.

Der Aufprall war heftiger, als York erwartet hatte. Sämtliche Druckpunkte der Liege malträtierten ihren Körper.

»Fuck«, sagte Gershon atemlos.

Wenigstens bin ich wieder unten. Sie ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Bis auf das entfernte Geräusch des Hubschraubers war es still in der Kapsel. War es das schon? Ist es vorbei - sind wir unten?

Dann kippte die Kapsel langsam nach links, so daß ihr Gewicht nun auf Gershon lastete.

»Fuck«, wiederholte Gershon.

»Was, zum Teufel, ist los, Wladimir?« rief York.

Das Fenster hinter Wiktorenko verdunkelte sich kurz, obwohl York nicht sah, wodurch. Wiktorenko grinste. »Offensichtlich ist etwas schiefgelaufen.«

Nun neigte die Kapsel sich auf die andere Seite, von York aus gesehen nach rechts, und das Gewicht der beiden Männer drückte wieder auf York. Vor dem Fenster gluckerte lehmiges, silbergraues Wasser.

Das ist es also. Das ist die sorgfältig geplante Panne. Die Sojus sollte eigentlich auf festem Boden landen.

»Fuck«, sagte Gershon.

»Willkommen im Osero Tengis«, sagte Wiktorenko. »Der Tengiz-See ist ein Salzsee mit einer Breite von dreißig Kilometern und befindet sich hundertfünfzig Kilometer von.«

York stöhnte. »Müssen wir da wirklich durch? Ich meine, eine Notlandung im Wasser proben? Nachdem wir von einer Sojus aus dem Orbit geborgen wurden?«

»Würden Sie lieber unvorbereitet in eine solche Situation geraten? Unser Training ist kompromißlos praxisorientiert, müssen Sie wissen. Unsere Kosmonauten werden auf alle nur denkbaren Notfälle vorbereitet.«

»Aber nicht auf die undenkbaren«, wandte York ein.

»Die kann man vernachlässigen; in den meisten Lagen, die bei einer Mission auftreten, gibt es Optionen. Diese Übung deckt nur einen Eventualfall ab. Dafür dürfen Sie sich bei meinem alten Freund Joseph Muldoon bedanken.«

Gershon löste den Kaugummi von der Sitzfläche des Stuhls, knetete ihn, um ihn wieder weich zu machen und steckte ihn in den Mund. »Muldoon kann mich im Arsch lecken«, sagte Gershon. »Und Sie mich auch.«

Der Russe musterte ihn ebenso entsetzt wie fasziniert.

»In Ordnung, Wladimir«, sagte York, »wir werden das Spiel mitmachen. Welcher Drill?«

»Überlebensausrüstung«, sagte Wiktorenko und öffnete den Reißverschluß seines Druckanzugs.

York war der ganzen Sache überdrüssig. Doch sie hatte keine Wahl.