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Sie nahm den Helm ab und zwängte ihn hinter den Sitz.

Die äußere Lage des Anzugs war ein Einteiler aus grober Kunstfaser mit Taschen, Schlaufen und Platten. Er wurde vorn geöffnet und enthüllte die als >Blinddarm< bezeichneten Gewebelagen, die mit Gummibändern fixiert waren. Als York die Bänder abstreifte, entfaltete das Material sich.

Während der Außenanzug wie ein Ballon, aus dem man die Luft herausgelassen hatte, in sich zusammenfiel, widmete York sich nun der inneren Schicht aus einem luftdichten, elastischen Material.

In dem engen Raum, die Kabinendecke ein paar Zentimeter vor der Nase, war sie kaum imstande, sich zu bewegen, und stieß laufend gegen Regler und Schalter. In der Kabine herrschte nun Chaos, wo die drei Körper sich wanden und abgelegte Ausrüstungsgegenstände herumflogen.

»Es geht leichter, wenn ihr euch gegenseitig helft«, rief Wiktorenko fröhlich.

»Verpiß dich«, sagte Gershon.

Nachdem sie sich des Druckanzugs entledigt hatte, stand sie nun in der Thermo-Unterwäsche da und schickte sich an, die Überlebensausrüstung anzulegen: einen roten Pullover, eine Springerkombi, eine Jacke, eine dick gefütterte Hose, noch eine Jacke.

»Das ist erbärmlich«, knurrte Wiktorenko. »Erbärmlich! Ihr müßt als Team arbeiten. Auf dem Mars, fünfundsechzig Millionen Kilometer von der Erde entfernt, gibt es nur eure Besatzung. Ihr müßt um Hilfe bitten, wie ein Kind seine Mutter um Hilfe bittet - instinktiv und selbstverständlich. Habt ihr verstanden? Und diese Hilfe muß selbstlos und unverzüglich gewährt werden. Sonst werdet ihr keinen Erfolg haben. Morgen muß das besser werden.«

»Sie belieben zu scherzen«, sagte York barsch. »Wir sollen da noch mal durch?«

Wiktorenko setzte den Vortrag fort, während er seine Ausrüstung anlegte. »Hören Sie zu. Die Ausbildung der Sowjets ist härter als Ihre, und ein paar Leute bei der NASA haben das bereits erkannt. Bei manchen unserer Übungen besteht keine Möglichkeit, Hilfe anzufordern. Es gibt keine Rettungsmannschaft. Weil es auf dem Mars auch keine gibt! Es hat schon alles seinen Sinn. Wenn man nämlich erkennt, daß eine Situation vielleicht gesundheitsschädlich oder gar lebensgefährlich ist, ändert die Lage sich. Mit einemmal muß man sich konzentrieren.

Im Weltraum muß man den Mut und den Einfallsreichtum aufbringen, auch dann noch an der Lösung eines Problems zu arbeiten, wenn ein Durchschnittsmensch, der auf Rettung hofft, schon längst aufgegeben hätte. Und dieses Bewußtsein will ich bei euch wecken.«

York war müde. Sie litt Schmerzen und war gereizt. Es gab wirklich eine Fraktion in der NASA, die den harten Ansatz der Sowjets befürwortete und hauptsächlich aus LuftwaffenVeteranen bestand, die ohnehin der Ansicht waren, die NASA-Astronauten würden verhätschelt. Joe Muldoon zum Beispiel, Wiktorenkos alter Mondorbit-Kumpel. Genau, verhätschelt. Vor allem diese gottverdammten Bindestrich-Astronauten, die zum Mars fliegen wollen.

»Aber dieses ganze Macho-Training hat Ben Priest und den anderen nichts genützt, stimmt’s?« sagte sie.

Wiktorenko musterte sie. »Nein«, sagte er mit sanfterer Stimme. »Es hat Ben Priest nichts genützt.« Er zupfte an den Ärmeln des dicken Pullovers. »Hören Sie, Natalie. Es gibt ein altes russisches Märchen. Eine junge Frau namens Maruschka war berühmt für ihre wundervollen Stickereien. Die Kunde von ihr drang bis zu Kaschei dem Unsterblichen, einem bösen Zauberer. Er verliebte sich in sie und hielt um ihre Hand an. Doch sie wies ihn trotz seiner Zauberkräfte ab; sie war nämlich ein bescheidenes Mädchen und wollte in dem Dorf bleiben, wo sie geboren war.

Der erzürnte Kaschei verzauberte sie in einen Feuervogel mit leuchtendem Gefieder und sich selbst in einen großen schwarzen Raubvogel. Der Raubvogel schlug die Klauen in den Feuervogel und flog mit ihm davon.

Als Maruschka erkannte, daß sie sterben würde, stieß sie ihr Gefieder ab. Die Federn fielen auf das Land, das sie so liebte.

Maruschka starb, aber ihre Federn hatten magische Kräfte. Sie blieben lebendig, aber nur für diejenigen, welche ihre Schönheit zu würdigen wußten und sie mit anderen teilten.

So ist es auch mit dem Tod der Menschen. Der Tod eines Kosmonauten ist nie vergebens, Natalie York.«

Die Kommandokapsel ruckte nun heftiger und pendelte um dreißig bis vierzig Grad durch. Wasser klatschte gurgelnd gegen die Hülle. York hatte einen Alptraum, daß die Kapsel sank und sie mitsamt der schweren Ausrüstung auf den Grund dieses lausigen kleinen Salzsees hinunterzog.

Es ist so heiß hier drin. Das Blut schien sich im Kopf zu stauen; sie spürte das Pulsieren der Halsschlagader und sah einen gelben Schleier am Rand des Blickfelds.

Mein Gott. Ich werde gleich ohnmächtig.

Doch dann kippte die Kabine wieder nach rechts, und der Magen verkrampfte sich. Speichel sammelte sich am Gaumen. Nein. Nein, ich werde nicht ohnmächtig.

Sie wandte sich von den anderen ab und richtete den Blick auf die Wand; als es schließlich soweit war, spritzte das Erbrochene gegen das Fenster und die Wand und rann unter den Sitz.

Sie spürte eine Hand auf der Schulter. »York. Bist du in Ordnung?«

Es war Gershon. Sie verscheuchte ihn mit einer Geste. Sie wollte etwas sagen, doch sie brachte noch immer kein Wort heraus.

Und dann stieg der Gestank Gershon in die Nase. »O Gott.« Er wirbelte herum, hängte den Kopf über die Lehne der Liege und übergab sich ebenfalls, mit lautem Würgen und heftigen Krämpfen.

Wiktorenko lachte. »Also, Ba-riis, dann sind nur du und ich richtige Seeleute, eh?«

»Fuck«, stöhnte Gershon.

Das Wasser schlug gegen die Hülle der Sojus, und Boris der Kosmonaut baumelte an seiner silbernen Kette über Yorks Kopf.

Sie fragte sich, was wohl mit Gershons Kaugummi passiert war.

Washington Post,

Montag, 23. Februar 1981

.Wir haben beschlossen, diesen Leitartikel exklusiv dem Bericht der Präsidialen Kommission über die Apollo-N-Katastrophe zu widmen, die nach wochenlangen gezielten Indiskretionen, Gerüchten und Dementis endlich ans Licht gekommen ist. Der Bericht hat einen Umfang von 3 300 Seiten, ein Gewicht von neun Kilogramm, und die Verfasser nehmen kein Blatt vor den Mund. Aus dem Werk geht eindeutig hervor, daß es sich bei dem Unfall mitnichten um das Resultat eines zufälligen Defekts im statistischen Sinne handelte, sondern vielmehr um die Folge einer fatalen Häufung von Fehlern, verbunden mit einer fehlerhaften Konstruktion.

Die Apollo-N-Katastrophe hat eine neue nationale Debatte entfacht, die von einem skeptischen Kongreß angeführt wird und bei der es um die Frage geht, ob das Land weiterhin viele Milliarden Dollar in ein bemanntes Raumfahrtprogramm ohne konkreten Nutzen investieren solle, wo die Nation doch vor so vielen anderen Problemen steht. Aus Meinungsumfragen geht hervor, daß viele Bürger sich die Frage stellen, ob das Programm nicht zu teuer sei. Sie sind der Ansicht, daß ein Flug zum Mars rein politisch motiviert sei, genauso wie das ApolloRennen zum Mond.

Inzwischen vertreten viele renommierte Wissenschaftler, wie zum Beispiel Professor Leon Agronski, ein ehemaliger wissenschaftlicher Berater von Präsident Nixon, in der Öffentlichkeit die Ansicht, daß billigere unbemannte Sonden uns mehr über die Beschaffenheit des Mars und der anderen Planeten sagen könnten als Astronauten.

Befürworter des Raumfahrtprogramms weisen hingegen darauf hin, daß der Durchschnittsamerikaner pro Jahr viel mehr für Zigaretten und Alkohol ausgebe als für die Erforschung fremder Planeten und daß das gegenwärtige Programm einen enormen wissenschaftlichen und technischen Nutzen habe.

Was das betrifft, so ist diese Zeitung jedoch skeptisch.

Der heikelste Teil des Kommissionsberichts indes ist eine Anklage der NASA und der wichtigsten Auftragnehmer. Die Untersuchung der Kommission hat viele Schwachpunkte bei der Konstruktion und Entwicklung, bei der Produktion und Qualitätskontrolle ergeben. Es wurden zahlreiche Beispiele genannt, neben dem banalen und vermeidbaren Defekt, der zu der Tragödie geführt hat.