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Diese Zeitung ist entsetzt über den unglaublichen Pfusch der NASA-Ingenieure. Nicht einmal ein Schüler im Grundkurs Physik hätte bei einer Weltraum-Mission einen Reaktor mit eingebauter Instabilität eingesetzt.

Wahrscheinlich wird diese Nation ihre Bestrebungen fortführen, zum Mars und zu noch ferneren Planeten zu fliegen. Erfolge in der Raumfahrt sind nämlich unabdingbar, um das Image der Vereinigten Staaten als wissenschaftliche und technische Führungsmacht aufrechtzuerhalten: ein Image, das auf die Sowjetunion projiziert wurde, unsere Verbündeten auf der ganzen Welt, die blockfreien Staaten der Dritten Welt, und - was vielleicht am wichtigsten ist - auf die Bevölkerung dieses unseres Landes. Und wir dürfen nicht die ebenso kalte wie zynische politische Kalkulation vergessen, daß eine Einstellung des Raumfahrtprogramms mit einem Schlag drastische Überkapazitäten in der Luft- und Raumfahrtindustrie freisetzen sowie Arbeitsplatzabbau und Firmenschließungen zur Folge haben würde.

Wenn wir nun das Kapitel Apollo-N abschließen und zu neuen Ufern aufbrechen, dürfen wir trotzdem nicht vergessen, daß die trockene technische Prosa des Berichts der Präsidialen Kommission die NASA-Verantwortlichen gravierender Inkompetenz und grober Fahrlässigkeit bezichtigt.

Freitag, 27. Februar 1981 NASA-Hauptquartier, Washington

Joe Muldoon rief Fred Michaels in seinem Washingtoner Büro an. Dann flog er von Houston herüber. Kurz nach sieben war er da.

Michaels erhob sich nicht. Er bedeutete Muldoon, Platz zu nehmen. »Setzen Sie sich, Joe. Schön, Sie zu sehen. Möchten Sie einen Drink?«

Eine Karaffe und ein paar Gläser standen auf einer Ecke von Michaels’ Schreibtisch; Michaels schenkte Muldoon einen Dreifachen ein und reichte ihm das Glas. Es war ein guter Kentucky-Bourbon. Der nüchterne Büroraum war abgedunkelt, und die hellste Lichtquelle war das kleine Fernsehgerät in einer Ecke, das gerade die Nachrichten zeigte. Der Ton war leise gestellt.

Michaels schaukelte auf dem Stuhl und hatte die Füße auf die Ecke des repräsentativen Schreibtischs gelegt. Die mit einer Goldborte verzierte Weste stand offen, und im trüben Licht traten die tiefen Falten auf Michaels’ Gesicht um so deutlicher hervor, während er - auf die für ihn typische Art - darauf wartete, daß Muldoon sein Anliegen vorbrachte.

Nun berichtete Muldoon dem Leiter der NASA über die Fortschritte, die er in seiner neuen Rolle als Leiter des Programm-Büros machte. »Bei den NERVA-Zulieferern ist es zugegangen wie auf einem Rummelplatz, Fred. Und diese Bastarde in Marshall haben ihnen das noch durchgehen lassen.«

Michaels, der mit einem Auge aufs Fernsehgerät schaute, zuckte die Achseln. »Das ist vielleicht ein bißchen hart, Joe. Wir haben sie unter enormen Zeitdruck gesetzt. Vielleicht zu sehr.«

»Nein, daran liegt es nicht. In vielen Fällen handelt es sich schlicht um Schlamperei. Als ich zum Beispiel zum erstenmal die Testinstallation der S-NB bei Michoud inspizierte, stellte sich heraus, daß die Techniker zum Mittagessen ein paar Bierchen zischten. Das ist verflucht verantwortungslos, wenn man an Komponenten für die bemannte Raumfahrt arbeitet. Und dann habe ich gesehen, wie so ein Kerl Flüssigsauerstoff aus einem Bodentank in einen Versorgungsturm pumpte. Ich fragte ihn, wohin er das Zeug denn schickte. >Keinen Schimmer<, sagte er. Die Charge wußte nicht, was mit dem Flüssigsauerstoff geschah, nachdem er aus der Düse des Schlauchs ausgetreten war. Und dann habe ich ihnen gesagt, daß jeder Ingenieur sich mit dem jeweiligen System vertraut machen solle - woher das Zeug kommt, wohin es geht und alle potentiellen Schwachpunkte dazwischen. Jeder muß sein System wie seine Westentasche kennen.

Dann habe ich eine Liste von dreißig Punkten erstellt - ich habe Ihnen eine Kopie mitgebracht -, die mir schon in der ersten Stunde gestunken haben. Nachlässige Handhabung des Materials, ungenaue Abgrenzung der Arbeitsbereiche, ineffiziente Arbeitsabläufe.

Sicher, wir stehen unter Zeitdruck. Wenn die Lieferanten aber so schlampig arbeiten, wundert es mich gar nicht, daß sie es nicht schaffen, die Zeitpläne einzuhalten. Und dann reduzieren sie noch die Qualitätskontrolle, um die Fristen einzuhalten, was bedeutet, daß die Ware zu spät geliefert wird und von lausiger Qualität ist.«

Michaels nickte und rieb sich das Doppelkinn. »Ja. Ich verstehe. Sie leisten gute Arbeit, Joe. Ich habe mit Ihnen den richtigen Mann für diesen Job ausgesucht.«

»Fred, irgendwo haben wir einen Fehler gemacht. Bei Apollo hatten wir unter dem gleichen Druck gestanden. Nur daß die Sache damals reibungslos geflutscht hat. Doch nun ist Sand ins Getriebe geraten.«

Michaels grunzte und nippte an seinem Drink. »Schon möglich. Aber damals hatten wir auch unter günstigeren Vorzeichen gearbeitet. Ein klares Ziel, wohlwollende Politiker, auch wenn der Kongreß den Etat beschnitten hatte und - wie soll ich es ausdrücken? - eine Art von romantischer Aufbruchsstimmung. Es war noch ein großes Abenteuer, Joe, bei dem es jedes Jahr etwas zu entdecken gab. Und wir standen höllisch unter Zeitdruck, weil wir befürchteten, daß die Russen uns überholen würden.

Doch heute«, sinnierte er, »ist es anders. Die Lage hat sich geändert. Obwohl nach wie vor die Perspektive besteht, zum Mars zu fliegen, krebsen wir schon seit einem Jahrzehnt im Erdorbit ‘mm. Und was haben wir vorzuweisen, außer ein paar zu Raumlabors umgerüsteten Treibstofftanks, altes ApolloGerät, das zehn Jahre nach den Mondlandungen immer noch in Betrieb ist, einem modifizierten Saturn-Triebwerk, das noch kein einziges Mal geflogen ist und einer Höllenmaschine namens NERVA?«

»Schon, aber Sie müssen das positiv sehen, Fred. Skylab A ist noch immer funktionsfähig, obwohl es fast schon vor einem

Jahrzehnt gestartet wurde. Was, wenn wir es aufgeben und auf die Erde stürzen lassen würden? Das wäre nicht nur eine unglaubliche Verschwendung, sondern wir würden uns auch noch zum Gespött machen. Zumal Moonlab auch noch dort oben ist.«

»Ja, ja. Trotzdem handelt es sich nur um Apollo-Technik aus den Sechzigern. Nur daß die Entwicklung inzwischen aber nicht stehengeblieben ist, Joe. Der Vorsprung, den wir vor einem Jahrzehnt hatten, ist geschrumpft. Die Russen starten noch immer die Sojus und Saljut.«

»Aber unser Gerät ist besser als das ihre.«

»Vielleicht. Aber ihre Verweildauer im Weltraum stellt unsere diesbezüglichen Leistungen weit in den Schatten. Zumal die Sowjets nicht die einzigen sind. Sogar unsere Freunde füllen die Lücken aus, die wir hinterlassen haben. Die Europäer arbeiten schon seit ein paar Jahren mit ihrer Ariane, so daß wir auch bei kommerziellen Starts gegenüber unseren sogenannten Verbündeten ins Hintertreffen zu geraten drohen.«

Mit seinen Wurstfingern rieb er sich die Nasenwurzel und schloß die Augen. »Ach, zum Teufel. In acht oder neun Jahren werde ich das Raumfahrtprogramm wieder für einen neuen Präsidenten ummodeln. Und dann werde ich wieder herauszufinden versuchen, welche Zukunft vor uns liegt und welche Richtung das Weiße Haus voraussichtlich einschlägt. Vielleicht ist das für euch Jungs nicht so offensichtlich; ich weiß schließlich selbst, wie es ist, wenn man sich im Programm engagiert. Doch die Dinge liegen heute ganz anders als 1971 oder gar 1960, völlig anders.«

»Ich halte sehr wohl die Augen offen, Fred«, quetschte Muldoon hervor. »Ich sehe die Veränderungen durchaus. Trotz Afghanistan ist der Kalte Krieg Schnee von gestern. Oder zumindest wollen die Leute das so sehen. Und wenn das Weltall nur ein symbolischer Kriegsschauplatz war.«

»Welchen Sinn hat die Raumfahrt dann noch?« Michaels lächelte über das Glas hinweg. »Sie haben ganz recht. Wir hatten das Glück, diese Karte spielen zu dürfen, wenn immer es uns paßte, Joe; vielleicht wäre die Raumfahrt sonst gar nicht möglich gewesen. Doch nun haben die Leute genug und geben uns die Quittung. Doch auf der anderen Seite.«