»Ja?« fragte Muldoon.
»Auf der anderen Seite haben wir vielleicht doch noch ein paar Ansatzpunkte. Wie Sie wissen, erhöht Reagan die Rüstungsausgaben.«
»Sicher«, knurrte Muldoon. »Genauso wie er die Steuern senkt und den Rest des Haushalts beschneidet.«
»Und ich glaube auch, daß dieser Trend während Reagans Amtszeit andauern wird«, sagte Michaels nachdenklich. »Haig sagt, Carters ganzer Menschenrechtskram sei ein Irrweg gewesen, und wir müßten nun den Sowjets Kontra geben, die noch immer die größte Bedrohung darstellen.«
»Und was bedeutet das für uns, Fred?«
Michaels lächelte müde. »Sie müssen die Ansatzpunkte erkennen. Wir müssen uns so positionieren, daß wir zu dem Teil des Budgets gehören, der erhöht wird und nicht umgekehrt. Wenn das ganze Geld in die Landesverteidigung fließt, dann müssen wir in diesem Strom mitschwimmen und ein wenig für uns umleiten.« Er nippte an seinem Drink. »Dann hätten wir noch Reagan selbst. Diesen alten HollywoodCowboy. Sie wissen, daß ich seit Reagans Nominierung mit ihm und seinen Leuten zusammengearbeitet habe. Und ich halte es für möglich, daß er Kennedy nacheifern möchte. Oder ihn sich wenigstens geneigt machen will. Wie Sie wissen, hatte Reagan im letzten Jahr auf der Wahlkampfplattform der Republikaner das Gespann Carter/Kennedy angegriffen, weil sie die NASA mit unzureichenden Finanzmitteln ausgestattet hätten. Nun muß er zu seinem Wort stehen.
Und vielleicht betrachtet Reagan die uneinheitliche Lage, in der wir uns nach dem NERVA-Unfall befinden, auch als Gelegenheit. Als die Gelegenheit, den Gang der Ereignisse zu gestalten. Das Raumfahrtprogramm ist eine Art Lackmus-Test für jede neue Regierung, eine Bewährungsprobe. Wir hatten Kennedy und den Mond, Nixon und das langfristige MarsProgramm. Joe, ich glaube, wenn wir mit einem Programm und einem klar umrissenen Ziel aufwarten, das geeignet ist, unser Image aufzupolieren und uns in ein paar Jahren wieder an die Spitze der Raumfahrt zu setzen - sagen wir, in fünf bis sechs Jahren, also noch innerhalb seiner voraussichtlichen Amtszeit -, wird Reagan es vielleicht kaufen.« Seine wässrigen Augen glänzten. »Und wir müssen jetzt handeln, während seine Administration sich etabliert. Aber.«
»Aber was?«
»Aber Reagan ist nicht Kennedy. Und Bush ist bestimmt nicht LBJ. Eine bloße Ankündigung ist nicht genug. Ich weiß nicht, ob es uns gelingen würde, hinter einem solchen Programm eine Interessenkoalition zu bilden und vor allem zusammenzuhalten. Und falls NERVA ein Schuß in den Ofen wird, was hätten wir Reagan dann überhaupt anzubieten, Joe?« Er schenkte sich noch einen Drink ein. »Meine Güte. Ich sage Ihnen, ich weiß nicht, ob mir das noch einmal gelingen würde. Über die Jahre habe ich im Kapitol viel Kredit verspielt, mit den ständigen Programmverzögerungen und Mehrkosten. Und nun noch diese Katastrophe mit der NERVA. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, noch einmal dort hinzugehen und zu kämpfen. Ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt versuchen sollte.«
Er spielt mit dem Gedanken, aufzugeben, erkannte Muldoon. Die plötzliche Erkenntnis schmerzte ihn, traf ihn fast wie einen körperlichen Schock. Verdammt! Wieso habe ich das nicht schon früher erkannt?
Weil, so sagte er sich, er das nicht hatte erkennen wollen.
Eine NASA ohne Fred Michaels an der Spitze war völlig undenkbar für Muldoon und sicherlich auch für die meisten Amerikaner.
Muldoon war hinreichend mit den Abläufen in der NASA vertraut, um zu wissen, aus welchem Holz man als Leiter dieser Organisation geschnitzt sein mußte. Wissenschaftler oder Ingenieure kamen hierfür nicht in Frage. Es mußte jemand sein, der die komplizierte politische Szene ebenso kannte wie die öffentliche Meinung. Es mußte ein Manager sein, jemand, der imstande war, die rivalisierenden Gruppen zu effektiver und effizienter Arbeit zu motivieren. Es mußte ein Mann sein, der einen guten Draht sowohl zum Kongreß, als auch zum Pentagon sowie zum Haushaltsausschuß hatte.
Fred Michaels war ein solcher Mann.
Michaels hatte, wie bereits sein Vorgänger James Webb, die Fähigkeit bewiesen, eine politische Lobby hinter einem Raumfahrtprogramm zu formieren und sie - was letztlich der entscheidende Punkt war - mittelfristig aufrechtzuerhalten. Michaels Beständigkeit sowie seine schier unerschöpfliche Energie und sein Engagement hatten wahrscheinlich genauso viel wie Kennedys Fürsprache dazu beigetragen, die NASA während dieser langen und scheinbar fruchtlosen Jahre über die Runden zu bringen.
Mit weniger kompetenten Männern im Büro des NASALeiters, wurde Muldoon sich bewußt, wäre die NASA schon vor Jahren in echte Schwierigkeiten geraten.
Und nun, auf der Talsohle, will er aufgeben und sich ins beschissene Dallas verkrümeln.
Muldoon saß im schummrigen Büro, hörte Michaels zu und schaute auf den flackernden Bildschirm.
Das erinnerte ihn an jenen Tag, als sein Vater ihm eröffnet hatte, daß er unheilbar krank sei; damals hatte er sich genauso entwurzelt und unsicher gefühlt.
Ich muß endlich erwachsen werden, sagte er sich.
Aber was, zum Teufel, soll ich denn tun?
März-April 1981
Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston
Aus Joe Muldoons Sicht erlangten die Diskussionen und die Entscheidungsfindung bezüglich der künftigen Gestalt des Raumfahrtprogramms während der nächsten Wochen eine dramatische Dynamik.
Reagan beauftragte seinen Berater im Weißen Haus, die Optionen zu prüfen. In einem Raum des Weißen Hauses mit Blick auf den südlichen Rasen wurde eine Besprechung im kleinen Kreis anberaumt. Anschließend unterrichtete Tim Josephson Muldoon über den Verlauf der Sitzung. Eine Handvoll Leute hatten dort stundenlang kontrovers diskutiert: der Berater des Präsidenten, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Fred Michaels, Josephson, ein paar Assistenten sowie Michaels’ alter Widersacher Leon Agronski.
»Das war wichtig für uns, Joe. Es handelt sich vielleicht um die wichtigste Besprechung seit der Entscheidung für den Flug zum Mond. Doch hauptsächlich haben wir uns wegen der lausigen Entscheidungen gestritten, die uns überhaupt in diese Lage gebracht haben. Und dann hatte Agronski wieder betont, welche Zeitverschwendung die bemannte Raumfahrt doch sei. Ich habe aber noch immer den Eindruck, daß Reagan nach etwas Positivem sucht, einer realistischen und reellen Option, mit der wir alle einverstanden sind. Doch bisher haben wir ihm keinen Kompromiß vorgelegt. Wir laufen Gefahr, uns ins Abseits zu manövrieren. Reagan wird sich etwas anderes suchen, um die Moral der Nation zu heben, und wir dürfen uns dann damit begnügen, im niedrigen Orbit gottverdammte Spionageflüge durchzuführen.«
Muldoon fragte sich, weshalb Josephson in letzter Zeit verstärkt dazu neigte, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Muldoon vermutete, daß Josephson viel Zeit damit verbrachte, telefonischen Kontakt zu Leuten inner- und außerhalb der NASA aufzunehmen, um auf seine Art Fred Michaels bei der Bewältigung dieser Durststrecke zu helfen.
Wir haben nicht das Geringste erreicht, hatte Josephson gesagt. Muldoon wußte, daß das stimmte.
Also nutzte Muldoon - der mit den Apollo-N-Untersuchungen und organisatorischen Veränderungen schon voll ausgelastet war - die paar Stunden, die er eigentlich hätte schlafen sollen, für eigene Recherchen.
»Für welches Programm sollen wir uns nun entscheiden?« fragte er Phil Stone und wies mit ausladender Geste auf die Stapel aus Fotokopien, Journalen und Büchern auf dem Schreibtisch. »Wenn die Vorschläge alle eßbar wären, hätte ich schon fünfzig Kilo zugelegt. An Ideen fehlt es uns wahrlich nicht. Sollen wir uns wieder dem Mond zuwenden und seine Bodenschätze ausbeuten? Oder sollen wir einen Asteroiden einfangen, in der Nähe der Erde stationieren und dessen Bodenschätze ausbeuten? Oder wie wäre es mit der Gründung von Kolonien an den Librationspunkten des Erde-MondSystems? Wir könnten aber auch Fabriken im Weltraum errichten und Kristalle, Medikamente oder Metallkugeln aus einem Guß herstellen. Eine andere Möglichkeit wäre der Bau großer hydroponi scher Farmen im All, wo die Sonne immer scheint. Oder wir spannen Sonnensegel mit einer Fläche von vielen Quadratkilometern auf, um saubere Energie zu gewinnen. Oder wir zapfen flüssigen Sauerstoff aus der oberen Atmosphäre.«