Der NASA gebrach es gewiß nicht an Visionären, Ideen und Vorschlägen aller Art. Allerdings existierte keine klare Linie. Aufgrund ihrer noch kurzen Geschichte wies die NASA als Organisation Defizite in langfristiger Planung auf; von der Basis und den Zentren wurden fragmentarische Ideen und Pläne an die Oberfläche gespült und meistens in internen Querelen zerrieben.
Stone machte eine Geste. »Das sind alles tolle Ideen, Joe. Trotzdem halte ich sie für undurchführbar.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Sowjets haben einen Vorsprung vor uns, was die Montage großer Strukturen im Orbit betrifft, und sie haben auch mehr Erfahrung mit Langfrist-Aufenthalten im Weltraum. Wir liegen also schon zurück, ehe wir auch nur gestartet sind. Was auch immer wir in diesem Bereich in Angriff nehmen wollten, die Russen würden uns mit Leichtigkeit ausstechen. Zumal der ganze Kram, Fabriken und Kraftwerke im Weltall, irgendwie.«
»Was?«
»Phantasielos ist. Das ist öde. Joe, dieser Kram bringt uns nicht weiter; und seit Apollo sind wir keinen Schritt weitergekommen.«
»Was sollen wir dann tun? Wieder irgendeine spektakuläre Aktion durchführen?«
»Zum Mars fliegen. Darum geht es doch schon seit zehn Jahren, nicht wahr?«
»Aber wir hatten nie ein Mars-Programm als Pendant zum Mond-Programm der Sechziger. Wir müssen die Technik Schritt für Schritt entwickeln - die Atomrakete, neue Hitzeschilde, neue Navigationstechniken, LangstreckenErfahrung und so weiter. Eines Tages sind wir bestimmt in der
Lage, all das zu einer Mars-Mission zu integrieren - allerdings mit einer modularen Struktur, wobei die Module flexibel und für unterschiedliche Missions-Anforderungen frei zu kombinieren sind.«
Stone lachte. »Sie müssen mal wieder hinter dem Schreibtisch hervorkommen, Joe. Sie hören sich schon so an, als seien Sie dort festgewachsen.«
Muldoon grunzte und rieb sich die Augen. »Wie dem auch sei, wir werden auf keinen Fall zum Mars fliegen. Weder Sie noch ich werden das erleben, Phil.«
»Sind Sie sich da so sicher? Die meisten Elemente haben wir doch schon.«
»Aber klar bin ich mir da sicher. Die beschissene Atomrakete ist im Orbit explodiert, wenn Sie sich erinnern. Die Russen schicken noch immer Bilder von dem verdammten Ding, das in der Dunkelheit blau glüht, zur Erde. Nach dem, was ich gehört habe, werden wir keine Genehmigung für den Start einer NERVA mehr bekommen. Und ohne NERVA.«
»Hat Ihre Mars-Mission sich erledigt. Es sei denn, Sie fliegen mit Chemie.«
»Ja«, knurrte Muldoon. »Aber wie? Hier - sehen Sie sich das an.« Er wühlte auf dem Schreibtisch herum, bis er eine Hochglanzbroschüre mit spektakulären Farbfotos gefunden hatte. »Das ist von Udet und seinen Jungs in Marshall. Sie haben ein paar alte Unterlagen überarbeitet, die zum Teil noch aus den frühen Sechzigern stammen. Haben Sie schon einmal von den EMPIRE-Studien gehört?«
»Nee.«
»Marshall und ein paar Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie haben sie 1962/63 erstellt. Damals existierte Saturn-Apollo gerade auf dem Reißbrett, und die Ingenieure fragten sich, was sie so alles damit anfangen könnten. Die Antwort lautete EMPIRE, ein Programm für bemannte interplanetare >Rundflüge< von einem Planeten zum andern. Sehen Sie sich das an. Ein paar der Optionen basierten zwar auf nuklearen Raketenstufen, doch bei den meisten hätte ein chemischer Antrieb genügt. In dieser Zeit wurden viele solcher Studien erstellt. Doch bald darauf war jeder Luft- und Raumfahrtingenieur des Landes Apollo in den Arsch gekrochen, und die Sache hatte sich erledigt.«
Stone blätterte den Bericht durch. »Und was hat Udet nun damit vor?«
»Er will die chemische Mars-Vorbeiflug-Option aus der Mottenkiste holen. Ein paar dritte Stufen der S-IVB sollen in den Orbit gebracht, aneinandergekoppelt und auf eine minimal energetische, schleifenförmige Trajektorie um den Mars gebracht werden. Man brauchte dazu zwei, höchstens drei Saturn-Starts.«
»Ein Vorbeiflug am Mars? Was, zum Teufel, soll das für eine Mission sein?«
Muldoon rieb sich das Gesicht. »Wir reden hier von einem vielleicht siebenhundert Tage dauernden Rundflug und einem Arbeitstag auf dem Mars.«
»Ein Vorbeiflug mit interplanetarer Geschwindigkeit.«
»Ach, noch etwas. Der Vorbeiflug würde an der Nachtseite erfolgen.«
Stone lachte. »Das soll wohl ein Witz sein.«
»Eine solche Mission wurde jedenfalls im Jahre 1963 vorgeschlagen. Es ging dabei um den Flug an sich - im Grunde wie bei Apollo -, ohne daß jemand sich dafür interessiert hätte, welches Ziel damit verfolgt wurde.«
Stone warf den Bericht auf Muldoons Schreibtisch. »Sie werden dem doch nicht zustimmen, Joe? Aus solchen Aktionen sind wir inzwischen herausgewachsen. Nicht? Auf lange Sicht schlagen sie nämlich auf den Urheber zurück. Verdammt, Udet und seine Jungs sollten es besser wissen. Zumal der Kongreß uns wahrscheinlich eh auslachen würde.«
Muldoon zuckte die Achseln. »Teufel, Reagan würde es vielleicht genehmigen, Phil.«
»Betrachten wir es mal von dieser Warte«, sagte Stone nachdenklich. »Was würde Natalie York wohl dazu sagen?«
Muldoon lachte; doch dann brach das Lachen ab, und er musterte Stone. »Wissen Sie was, Sie haben recht. York hat ein Gespür für solche Dinge.« Auch wenn sie so lästig wie Hämorrhoiden ist, sagte er sich, würde sie keine Mission gutheißen, die den Aufwand vielleicht nicht wert ist. »In Ordnung. Dann müssen wir also eine chemische Mission planen, die in einer vertretbaren Zeitspanne eine Besatzung in den Mars-Orbit bringt - Landung inklusive. Doch das führt uns wieder an den Ausgangspunkt zurück - es sieht nämlich nicht so aus, als ob wir das auf chemischem Wege schaffen würden.«
Stone zuckte die Achseln. »Dann lassen Sie sich eine intelligentere Lösung einfallen.«
»Und die wäre?«
»Woher soll ich das denn wissen? Joe, Sie sind doch der Programmdirektor, meine Güte. Es laufen hier genug schlaue Leute ‘rum. Sie sollen in die Puschen kommen.« Er machte einen nachdenklichen Eindruck. »Natalie York, hä?«
»Genau. Gibt Ihnen zu denken, nicht wahr?«
Muldoon widmete sich wieder der Untersuchung.
Als er in jener Nacht in einer besseren Abstellkammer am JSC einzuschlafen versuchte, war sein Kopf angefüllt mit den widersprüchlichen Anforderungen der neuen Stelle. Muldoon dachte an eine Konferenz zurück, an der er vor langer Zeit teilgenommen hatte. Sie hatte im von Braun Hilton in Marshall stattgefunden, wie er sich erinnerte: ein Seminar über MarsModi. Und dann hatte ein kleiner Mann sich erhoben und den eigenartigen Vorschlag unterbreitet - Muldoon hatte den größten Teil der Konferenz verschlafen und erinnerte sich nicht an die Details -, die geringe ? v, die durch die chemische Technik nur möglich war, durch die Nutzung von Gravitationsschleudern zu erhöhen. Auf dem Flug zum Mars sollte man sich quasi an der Venus abstoßen. Und der kleine Mann hatte dann unter dem Hohngelächter von Udet und den anderen Arschlöchern aus Marshall den Rückzug vom Podium angetreten.
Doch weshalb kam er gerade jetzt darauf?
Um drei Uhr morgens stieg er aus dem Bett und schlurfte zu seinem alten Schreibtisch im Astronauten-Büro. Dann wühlte er sich durch die alten Unterlagen und Tagebücher und versuchte, die flüchtigen Erinnerungen festzuhalten.