Gegen fünf Uhr hatte er gefunden, wonach er suchte. Gregory Dana. Mein Gott. Er war Jim Danas Vater.
Um sieben Uhr setzte er sich ans Telefon und versuchte Dana ausfindig zu machen.
Vorsichtig steckte Muldoon die Zehen ins Haifischbecken der NASA-Politik.
Er zog ein paar Fäden und richtete eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der NASA und der Luft- und Raumfahrtindustrie ein, welche der Idee, die ihm im Kopf herumspukte, Substanz verleihen sollte. Gleichzeitig verfaßte er einen Bericht an Michaels, in dem er die bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfaßte. Er ließ Tim Josephson eine Endfassung erstellen, wodurch er ihr unausgesprochenes und fragiles Bündnis festigte. Und als Muldoon den Bericht dann an Michaels schickte, ließ er Josephson auch ein Exemplar zukommen, damit der Inhalt ins Weiße Haus durchsickerte.
Natalie York war die Repräsentantin des Astronauten-Büros in Joe Muldoons Arbeitsgruppe. Sie wurde zu einer ersten Besprechung ins NASA-Hauptquartier geschickt.
Vor der Ankunft dort hatte sie sich kaum Gedanken über diesen Auftrag gemacht. Sie freute sich lediglich auf den Kurzurlaub in Washington - so entkam sie nämlich der Tretmühle des Trainings, das vor dem Hintergrund eines aus dem Ruder gelaufenen Programms sinnlos geworden war. Außerdem floh sie aus ihrem leeren, noch nicht verkauften Apartment und vor all den Löchern, die Ben in ihrem Leben hinterlassen hatte.
Daß sie nun an einer solchen Konferenz teilnahm, hätte sie sich noch vor ein paar Monaten nicht träumen lassen - zumal sie nicht damit gerechnet hatte, daß sie nach dem Desaster überhaupt Zustandekommen würde.
Muldoon hatte Mitarbeiter aus allen wichtigen NASA-Zentren einbestellt, darunter Udet und sein Team aus Marshall sowie hochrangige Ingenieure und Manager der größten Auftragsnehmer der NASA: Boeing, Rockwell, Grumman, McDonnell, IBM und andere. Der Abzug so vieler leitender Angestellter bedeutete allerdings eine Beeinträchtigung vieler anderer Projekte, einschließlich der Untersuchungen der Apollo-N-Havarie und des Umstrukturierungsprogramms. Und wirklich überschritt Muldoon damit seine Kompetenzen.
Doch offensichtlich hatte er seine neue Position genutzt, um Fäden zu ziehen.
Muldoon stellte sich auf ein Podium in einem überfüllten Konferenzsaal und eröffnete die Sitzung.
»Die Konferenz ist für die nächsten vierzehn Tage anberaumt«, sagte Muldoon. »Das Ziel ist, in dieser Zeit die Grundzüge eines neuen Raumfahrtprogramms zu entwickeln. Nichts weniger. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie sich voll engagieren, auch an den Wochenenden. Ich werde diese
Gruppe von allen anderen Verpflichtungen freistellen; Sie werden hier in Washington arbeiten. Für Büroräume, EDV-Ausrüstung und Telefonverbindungen habe ich bereits gesorgt.«
Trotz Muldoons kraftvoller Präsentation vernahm York ein unzufriedenes Murmeln. Wovon, zum Teufel, redet er? Worum geht es bei diesem Plan überhaupt? Ohne die beschissene Atomrakete werden wir bis zur Jahrtausendwende nicht mehr aus dem Erdorbit herauskommen.
York hatte Muldoon noch nie so erlebt.
Sie kannte ihn bisher als einen komplizierten Menschen: ein Mond-Spaziergänger, der besessen war von der Idee, wieder ins All zu fliegen - ein ungestümer Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm und vielleicht zu heftig über die Inkompetenz von Leuten wetterte, die ihm in die Quere kamen. Nun sah sie, wie er einen Saal mit den besten Leuten der NASA im Griff hatte, mit Leidenschaft und Verve und dem sichtlichen Willen zum Erfolg. Er hatte sich erstaunlich entwickelt; nun wurde ihr zum erstenmal bewußt, wie weise Fred Michaels’ Entscheidung gewesen war, diesen Mann als Nachfolger von Bert Seger mit der Leitung des Raumfahrt-Programms zu betrauen.
Muldoon skizzierte die Leitlinien für die Konferenz.
»Ich möchte, daß Sie sich auf ein Missions-Profil für eine vierköpfige Besatzung und mit einem dreißigtägigen Zwischenstop konzentrieren. Der Start soll 1985 erfolgen. Diese Mission wird sich grundlegend von den bisherigen Planungen unterscheiden: uns steht nur noch die chemische Technik zur Verfügung, und nun sind Ihre Trajektorie-Experten gefordert.
Selbstdisziplin ist das Gebot der Stunde. Das kann ich nicht oft genug betonen. Das Ziel ist die Entwicklung eines Programms auf der Grundlage dessen, was getan werden muß
und was auf der Grundlage der uns zur Verfügung stehenden erprobten Technik möglich ist. Es geht nicht darum, wie das Programm Ihrer Meinung nach aussehen sollte. Das Programm und der Zeitplan müssen realistisch sein: keine
Versprechungen, die wir nicht einzuhalten imstande sind, keine Utopien.«
Nun dämmerte York, wovon Muldoon sprach, welches Ziel diese Arbeitsgruppe wirklich verfolgte.
Der Marsflug. Vielleicht ist er doch noch möglich.
Zum erstenmal seit Bens Tod fühlte York sich wieder motiviert.
Nach einer Woche hatte Muldoon - inmitten des Chaos aus Computerausdrucken, Fachzeitschriften, Folien, FlipchartSeiten, halbaufgegessenen Sandwiches und Pappbechern - den Eindruck, daß etwas Machbares sich herauskristallisierte.
Er hatte aus dem Bauch heraus gehandelt und war bestätigt worden. Wir haben hier wirklich etwas.
Allmählich begriff er auch, weshalb Michaels ihn mit dieser Aufgabe betraut hatte.
Das Mars-Programm hatte die Entwicklung der NASA seit 1972 geprägt. Nein, sagte Muldoon sich, mehr noch: es hatte die Entwicklung der NASA nach Apollo und aller anderen Programme verzerrt. Die NASA war von einem unausgesprochenen Ziel besessen: Menschen auf dem Mars. Diesem Ziel wurde alles andere untergeordnet: die ErdorbitProgramme dienten der Vorbereitung für die zukünftigen Langstreckenflüge, und die unbemannten Programme wurden entweder eingestellt oder auf operative Zwecke reduziert.
Muldoon wußte nun, weshalb Michaels ein solches Vertrauen ihn in gesetzt hatte. Weil auch er ein Monomane war. Seine eigene Besessenheit war quasi eine verkleinerte Abbildung der Besessenheit der NASA.
Er war die ideale Besetzung.
Nach diesen zwei Wochen hatte Muldoon genug Material für den Leiter der NASA gesammelt.
Muldoon ließ sich von Josephson einen Termin bei Michaels geben. Bei der Besprechung anwesend waren Udet, Gregory Dana, Vertreter der Luft- und Raumfahrtindustrie und sogar zwei Senatoren: sie alle waren glühende Verfechter des neuen, embryonischen Programms.
Muldoon skizzierte den Missions-Modus. »Wir brauchen noch immer ein Orbitaltransfer-Triebwerk, um das Schiff von der Erde zum Mars und zurück zu befördern. Hierfür hatten wir ursprünglich die S-NB vorgesehen.« Er warf einen Blick auf Michaels. »Doch auch ohne die S-NB haben wir noch eine Option, Fred. Eine Option aus dem Bereich der chemischen Technik. Es bestünde die Möglichkeit, die S-II, die zweite Saturn-Stufe, zu modernisieren. Uns liegen bis 1972 zurückreichende Konstruktionsunterlagen von Rockwell vor, in denen die entsprechenden Verbesserungen für die S-II beschrieben werden - indem man sie mit WiederanlaufTriebwerken, Verniertriebwerken, Andockvorrichtungen etc. ausrüstet.«
»Ja«, grunzte Michaels. »Und diese Studien sind seit Anbeginn von diesen Bastarden aus Marshall zerpflückt worden.«
Udet starrte reglos auf Muldoons Folie.
»Ich brauchte eine Bestätigung«, sagte Dana, »daß die Entwicklung der S-II innerhalb des gesteckten Zeitrahmens möglich ist.«
Michaels nickte. »Die bekommen Sie, Doktor.« Er machte sich eine Notiz.
Muldoon legte eine andere Folie auf. »Treibstoff. Unter der Annahme, daß Wasserstoff/Sauerstoff verwendet wird, haben wir den folgenden Treibstoffbedarf errechnet: tausend Tonnen für den Start von der Erde, dreihundert Tonnen für die Landung und den Wiederaufstieg vom Mars sowie siebzig Tonnen, um wieder in den Erdorbit zu gehen. Das sind beim Start der Mission insgesamt eintausenddreihundertundsiebzig Tonnen im Erdorbit. Und es wäre noch viel mehr, wenn wir nicht in der Lage wären, mit Doktor Danas SchwerkraftHilfsmanöver Brennstoff zu sparen. Die maximale Masse, die wir mit der Saturn VB in den Orbit bringen, beträgt etwa vierhunderttausend Pfund - ungefähr einhundertachtzig Tonnen.«