Gesamtrechnung mit nur vier Prozent der Wertschöpfung bei den Rohstoffen zu Buche stand.
Doch Michaels konterte mit Belegen, wonach zwei Drittel des Wirtschaftswachstums seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis zum Start des Sputnik durch neue Techniken bedingt waren und daß die Investitionsrentabilität für die NASA im Jahre 1980 ungefähr dreiundvierzig Prozent betrug.
Wie Michaels erwartet hatte, diskreditierte Agronski das neue Programm auch als wissenschaftliche Scharlatanerie. Michaels erwiderte, daß die NASA die Erbringung mehrerer Astronauten-Monate auf dem Mars plante, und zwar für einen Bruchteil der Kosten von Apollo, wo gerade einmal ein paar Mann-Wochen auf dem Mond erbracht worden waren.
Gleichzeitig eröffnete Michaels eine neue Front und trat in Verhandlungen mit dem Verteidigungsminister ein, der - zu Recht - argwöhnte, daß Michaels ein paar der Milliarden, die Reagan der Rüstungsindustrie zugesagt hatte, für sich
abzweigen wollte. Deshalb brauchte Michaels die
Genehmigung des Verteidigungsministers für dieses zivile Weltraumprojekt.
Allerdings stellte sich zunächst einmal die Frage, wieso ein solches Entgegenkommen überhaupt gewährt werden sollte. Nachdem die Sowjets eine ganze Serie von militärischen Saljut-Flügen im niedrigen Orbit durchgeführt hatten, machten der Verteidigungsminister und vor allem die Luftwaffe sich für ein neues Programm stark, das Flüge im niedrigen Erdorbit für Aufklärungs- und sonstige Zwecke zurückschraubte und
Experimente mit weltraumgestützten Waffensystemen - wie Laser- und konventionelle Waffen zur Abwehr von
Interkontinentalraketen - förderte, was eher mit Reagans strategischer Denkweise konform ging.
Michaels hatte jedoch ein Trostpflaster für die Militärs. Er setzte ihnen auseinander, daß die Technik der Mars-Mission -zum Beispiel orbitale Betankungstechniken - auch einen militärischen Nutzen hätte. Und er sagte ihnen zu, Militärpersonal auf die Testflüge für die Mars-Mission mitzunehmen und militärisch relevante Experimente durchzuführen.
Außerdem verwies Michaels auf die größeren Zusammenhänge, nämlich auf den Nutzen für die Luft- und Raumfahrtindustrie als solche. Eine neue Initiative in diesem Bereich würde der Wirtschaft einen solchen Schub verleihen, daß es wegen der drohenden Inflationsgefahr schon wieder ungesund war. Und um es den Politikern recht zu machen, nährte er den schon Anfang der Fünfziger aufgekommenen Verdacht, daß von allen Teilstreitkräften die Luftwaffe sich am meisten der politischen Kontrolle entzog, je mehr sie in die Raumfahrt involviert war. Die Luftwaffe hatte nämlich von Anfang an auf ein eigenes Weltraumprogramm gedrungen, das unabhängig von den Aktivitäten der NASA verlaufen sollte. Und in den letzten Jahren hatten etliche Leute den Eindruck gewonnen, daß die Forderungen der Luftwaffe den Zielen des Skylab-Projekts abträglich gewesen seien. Zumal eine bemannte Mars-Mission in Verbindung mit der neuen Militärdoktrin sich vielleicht auch öffentlichkeitswirksam ausschlachten ließe: die Vereinigten Staaten lassen nicht nach in ihren Verteidigungsanstrengungen - und sie sind noch immer reich und mächtig genug, um nach den Sternen zu greifen.
Also war es durchaus möglich, ein rein ziviles RaumfahrtProgramm - das mit HighTech gespickt, jedoch dem Zugriff des Verteidigungsministers und insbesondere der Luftwaffe entzogen war - den Politikern schmackhaft zu machen.
Und so ging die von Michaels und Josephson dominierte Diskussion weiter. Die beiden scharten die Kräfte der nationalen Politik um sich, um das Programm nach ihren
Vorstellungen zu gestalten. Schließlich verlagerte die Debatte sich auf die Ebene der Wirtschaftstheorie und des politischen Diskurses, und Joe Muldoon, ein schlichter MondSpaziergänger, hatte nichts mehr zu melden.
Später wurden Michaels und sein Stab, einschließlich Muldoon, zu einer Besprechung ins Weiße Haus geladen, um zusammen mit dem Verteidigungsminister und Vertretern des Haushaltsausschusses die Vorschläge der NASA zu erörtern. Und dann beraumte Reagan selbst eine Kabinettssitzung an, an der auch Vertreter der NASA, des Haushaltsausschusses, des Verteidigungsministeriums und des MIT teilnahmen.
Michaels war sichtlich erschöpft, doch Muldoon sah, daß er auf der Kabinettssitzung seine Position unter Aufbietung aller Kräfte vertrat. Er wußte, daß er kurz vor dem Ziel stand, doch diese letzte Hürde mußte er noch nehmen.
Reagan stellte überraschend pointierte Fragen zu den größeren Zusammenhängen des Vorschlags. Muldoon hatte den Eindruck, daß er sich dabei auf Elemente beschränkte, von denen er selbst profitieren würde - wie Kennedy es vor zwei Jahrzehnten auch getan hatte. Und Michaels bemühte sich, Reagans Erwartungen gerecht zu werden; er deutete an, daß, wie seinerzeit bei Kennedy, eine kühne Weltraum-Initiative ihm größeren Rückhalt im Kongreß verschaffen und den Weg für weitere Pläne ebnen würde.
Doch Reagan waren die Kosten noch immer zu hoch, und er und sein Stab durchforsteten das Programm und setzten den Rotstift an.
Muldoon mußte hilflos mit ansehen, wie sein minutiöses Test- und Entwicklungsprogramm zusammengestrichen wurde, wie die orbitalen Venus-Missionen und Mars-Basen Makulatur wurden und wie von den drei Mars-Flügen am Schluß nur noch einer übrigblieb. Das war unglaublich.
Und im Verlauf der Sitzung nahm Muldoon unterschwellig noch etwas wahr. Die NASA hatte die Sache mit Apollo-N nach allen Regeln der Kunst verbockt, und trotzdem war Reagan bereit, ein neues und umfangreiches Programm zu genehmigen. Aber die NASA mußte einen Preis dafür zahlen. Mit dem Abschuß von Bert Seger und einer Neuorganisation der NASA war es nicht getan.
Muldoon wußte, daß die NASA Buße tun mußte, wenn sie rehabilitiert werden wollte.
Michaels verfaßte einen Abschlußbericht für Reagan, in dem er den Ablauf der neuen Mission beschrieb und ein Programm vorlegte, um die Zustimmung des Kongresses und des Senats zu erhalten.
Er lehnte es ab, das Dokument durch Mitarbeiter des Präsidenten zustellen zu lassen. Statt dessen brachte er den Bericht selbst ins Oval Office und übergab ihn, vor Müdigkeit zitternd, Reagan persönlich.
Ans Deckblatt war ein Rücktrittsgesuch geheftet.
Donnerstag, 16. April 1981 Weißes Haus, Washington, DC
. Unser großes Ziel ist es, den amerikanischen Pioniergeist wiederzubeleben und die Überwindung neuer Grenzen ins Auge zu fassen. Eine dynamische Wirtschaft bietet Anreiz für Initiativen, schafft neue Industrien und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit alter Industrien. Nirgends sonst ist das von größerer Bedeutung als bei unserer neuen Grenze, dem
Weltall. Nirgends sonst werden unsere technische Führung und unsere Fähigkeit, die Wohlfahrt der Erde zu steigern, eindrucksvoller demonstriert. Das Weltraumzeitalter ist erst ein Vierteljahrhundert alt. Dennoch haben wir die Zivilisation mit unseren Fortschritten in Wissenschaft und Technik bereits vorangebracht. In dem Maße, wie wir neue Schwellen des Wissens überschreiten und tiefer ins Unbekannte vorstoßen, wird auch die Zahl der Arbeitsplätze sprunghaft ansteigen. Unsere Vorstöße in den Raum - wo wir große Fortschritte für die Menschheit machen - sind ein Tribut an den Teamgeist und die Leistungsfähigkeit der Amerikaner. Unsere klügsten Köpfe in Politik, Wirtschaft und an den Hochschulen haben sich zusammengeschlossen. Und wir dürfen mit Stolz behaupten: wir sind die Ersten, wir sind die Besten; und wir verkörpern diese Tugenden, weil wir frei sind.
Amerika hat seit jeher die größten Leistungen vollbracht, wenn wir Mut zur Größe besaßen. Und zu dieser Größe werden wir zurückfinden. Wir sind imstande, unsere Träume von den Sternen zu verwirklichen und im Weltraum zu leben und zu arbeiten, zum Wohle des Friedens, der Wirtschaft und der Wissenschaft.