Meine Berater entwickeln zur Zeit eine nationale WeltraumPolitik, die ich im Laufe dieses Jahres in aller Ausführlichkeit vorstellen werde. Diese Politik wird grundlegende Zielsetzungen für das Raumfahrtprogramm der USA enthalten und folgende Aspekte umfassen: die Stärkung der Sicherheit der Vereinigten Staaten, die Aufrechterhaltung der Führung der Vereinigten Staaten in der Raumfahrt, die Stärkung von Investitionen im privaten Sektor der Vereinigten Staaten und der zivilen Weltraum- und weltraumbezogenen Aktivitäten und die Förderung internationaler Gemeinschaftsprojekte im nationalen Interesse. Mit Blick in die Zukunft müssen wir die Führungsrolle in der Raumfahrt bis zum Ende dieses
Jahrhunderts und darüber hinaus gewährleisten. Um das zu erreichen, muß das Raumfahrtprogramm eine neue, erfolgversprechende Richtung einschlagen, in der unsere derzeitigen Fähigkeiten im Bereich der chemischen Raketentechnik sowie die Fähigkeit, für längere Zeit im Weltraum zu leben und zu arbeiten, voll ausgeschöpft werden. Und wir müssen es jetzt tun.
Noch heute werde ich die NASA vor dem Hintergrund der neuen Weltraum-Politik anweisen, mit den Vorbereitungen für eine bemannte Mission zum Mars fortzufahren und dieses Ziel innerhalb von fünf Jahren zu erreichen. Eine solche Mission wird einen Quantensprung in Forschung und Entwicklung und in bezug auf das Verständnis der Natur des Universums bedeuten.
Wie die Ozeane früher eine neue Welt für Seeleute und Yankee-Händler eröffnet hatten, eröffnet heute das All ein riesiges Potential für die Wirtschaft.
Veröffentlichte Dokumente der Präsidenten der Vereinigten Staaten: Ronald Reagan, 1981 (Washington, DO: Presseamt der Regierung, 1981), S. 362.
Donnerstag, 16. April 1981 NASA-Hauptquartier, Washington
Michaels bestellte Tim Josephson in sein Büro. Er hatte die Krawatte gelockert und eine neue Flasche seines bevorzugten Kentucky-Bourbons aufgemacht. Doch den beiden war nicht gerade zum Feiern zumute, während sie im Zwielicht an den Drinks nippten. So erschöpft hatte Josephson Michaels noch nie gesehen.
Josephson hob das Glas. »Auf Sie, Fred. Sie haben in den letzten Wochen Unglaubliches geleistet.«
Michaels nahm einen Schluck. »Ja. Ja, das habe ich wohl. Wir haben Reagan die Zusage abgeluchst. Und wenn ich gehe, ziehe ich die NASA wegen Apollo-N aus der Schußlinie.«
»Fred.«
»So sieht’s aus, Tim«, sagte Michaels mit harter Stimme. »Das ist meine letzte Aufgabe. So läuft’s eben. Der dickste Brocken liegt aber noch vor euch. Ihr müßt dieses Projekt verwirklichen.« Er musterte Josephson. »Und das ist eine Aufgabe, die Sie bewältigen müssen, Tim. Ich habe Sie bereits im Weißen Haus empfohlen.«
Das traf Josephson zwar nicht unvorbereitet, aber dennoch fühlte er einen Anflug von Panik. »Ich. freue mich, daß Sie ein solches Vertrauen in mich setzen, Fred. Aber bin ich wirklich der richtige Mann? Teufel, ich bin ein Bürohengst. Ein Funktionär, der geborene Befehlsempfänger.«
»Mein Gott, als ob ich das nicht wüßte!« sagte Michaels barsch. »Aber ich habe keinen besseren Kandidaten. Sie müssen einfach über Ihren Schatten springen, Tim. Sie werden es schaffen, wenn Sie nur an sich arbeiten.«
Josephson lächelte hinter dem Glas. »Danke, Fred. Sie werden mir fehlen.«
»Und ich möchte, daß Sie sich an Muldoon halten. Nutzen Sie seine Fähigkeiten. Ihr beide werdet ein erstklassiges Team abgeben.«
»Ich werde das beherzigen.«
Michaels starrte in sein Glas. »Wissen Sie, manchmal glaube ich, daß uns irgendwann etwas abhanden gekommen ist. Ich meine, von den Leuten, die am wenigsten an der Entscheidungsfindung beteiligt waren, stammen die besten Ideen. Es waren die Ingenieure in Langley und Marshall -Leute, die ihr Leben der Raumfahrt gewidmet haben. Leute wie
Gregory Dana. Wir bedienen uns ihrer Studien und Berichte und nutzen sie als Munition in der politischen Auseinandersetzung. Doch der visionäre Überbau, die Beschwörung des Entdeckergeists und des Schicksals, die Appelle ans Gefühl und die Bemühungen, den geistigen Horizont der Menschheit zu erweitern - all das geht leider unter.«
Josephson nippte am Drink. »Vielleicht ist das auch eine zwangsläufige Folge, Fred. Bei Apollo war es das gleiche. Wird die Raumfahrt erst einmal in den Rang einer Religion erhoben, erlangt sie eine enorme Macht. Doch sie weckt in uns nicht mehr die alten Träume. Und alle Beteiligten - die NASA, das Weiße Haus, der Verteidigungsminister - wollen das Raumfahrtprogramm nur für ihre Interessen nutzen. So ist das eben.«
»Schon möglich. Und ich weiß, daß die Jungs in Langley über diesen >Einweg<-Flug verdammt unglücklich sein werden. Wer, zum Teufel, weiß, wann wir die nächste Gelegenheit bekommen werden? Ich erinnere mich, daß LBJ einmal zu mir sagte, die Amerikaner seien viel besser im Erobern von neuem Terrain als im Halten des alten Geländes. Damit hatte er sicher recht. Egal, zum Teufel damit! Vergessen wir den ganzen politischen Kram, Tim, und träumen wir vom Mars.« Wieder musterte er Josephson. »Ich will Ihnen mal was sagen«, sagte er. »Wo wir nun ein neues Ziel haben, eine neue Apollo, diese Spritztour zum Mars, brauchen wir auch einen neuen Namen. Einen, der das alles zum Ausdruck bringt.«
»Sie haben recht«, sagte Josephson. »Wir hätten das aber schon erledigen sollen, bevor wir die Pressemitteilungen rausschickten.«
»Sie sitzen jetzt auf dem heißen Stuhl«, sagte Michaels. »Wofür werden Sie sich entscheiden, Tim?«
Josephson schürzte die Lippen. »Hmmm. Wie ist man denn auf den Namen >Apollo< gekommen? Das war noch vor meiner Zeit.«
»Abe Silverstein wählte ihn im Jahre 1960 aus«, sagte Michaels. »Abe war damals Leiter des Büros für Bemannte Raumfahrt - oder vielmehr der Vorläuferorganisation. Silverstein hatte ein Faible für klassische Mythen. Ein Jahr zuvor hatte er schon den Namen >Mercury< ausgewählt, weil er das Bild vom Himmelsboten passend fand. Und weil von Brauns Leute ihr neues Trägersystem dann auf den Namen >Saturn< tauften, konnte Silverstein nicht umhin, wieder einen klassischen Gott zu bemühen.«
»Na gut«, sagte Josephson mit einem sparsamen Lächeln, »aber das kommt mir doch spanisch vor. Stimmt es wirklich, daß von Braun seine Raketen nach Planeten benannte? Da gab es die >Jupiter< und dann die >Saturn<.«
»Lassen Sie’s mal gut sein«, sagte Michaels launig. »Silverstein war Entwicklungsingenieur; manch einer mag solche Leute für Fachidioten halten, doch Silverstein verfügte durchaus über Allgemeinbildung. Er erinnerte sich nämlich aus der Schulzeit an die Geschichte vom Gott, der in einem von vier geflügelten Rössern gezogenen Sonnenwagen fuhr: Apollo, Sohn des Zeus. Also recherchierte Silverstein ein wenig, um sich zu vergewissern, daß Apollo nichts auf dem Kerbholz hatte, das ihn in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit kompromittiert hätte - zum Beispiel ein Verhältnis mit seiner Mutter. Doch Apollo hatte eine weiße Weste - und der Name war gebongt.«
Josephson starrte ins Glas und ließ sich das durch den Kopf gehen. »Vielleicht sollten wir dieser Tradition folgen. Ich bin nämlich auch ganz firm in der Mythologie. Apollo hatte einen Halbbruder, der ebenfalls eine große Nummer auf dem Olymp war. Er hatte seine eigene Mythologie und wurde später von den Römern als Kriegsgott übernommen. Kampf und Blutvergießen waren sein Pläsier, und seine beiden Kinder, Phobos und Deimos - Panik und Furcht - folgten ihm aufs Schlachtfeld.«
Michaels grunzte. »Panik und Furcht. Solche Kerle wären im Kapitol gut aufgehoben.«