Josephson lächelte. Der Name paßte wie die Faust aufs Auge. Und die Presse würde ihn lieben.
Viertes Buch.
Annäherungen
Zeitdauer der Mission [Tag/Std:Min:Sek]
Plus 171/13:24:02
»Sechzig Minuten bis zum Perizentrum«, sagte Stone.
Alle drei Besatzungsmitglieder befanden sich auf der Wissenschaftlichen Plattform des Missionsmoduls. Sie hatten sich im Mittelpunkt der achteckigen, mit Schalterbänken und Monitoren angefüllten Kammer angegurtet und die Füße in steigbügelartige Halterungen gesteckt.
Über Yorks Kopf war ein kleines Sichtfenster in die Hülle eingelassen. Ihr Gesicht wurde von weißem Licht beschienen, das die fluoreszierenden Anzeigen überblendete.
Sie sah die obere Hälfte einer dicken fahlen Scheibe, die sich stetig rundete.
Mein Gott. Das ist die Venus.
Für das bloße Auge leuchtete die Tagseite des Planeten in einem grellen Weiß - viel heller als die Erde aus der gleichen Entfernung -, das die Sterne überblendete. Im schmalen Segment der Nachtseite erkannte sie überhaupt nichts.
Die Trajektorie von Ares hatte das Schiff in eine Bahn um die Venus befördert. Nachdem Ares an der Sonne vorbei in Richtung Venus katapultiert worden war, taumelte das Schiff nun auf einer Hyperbel der Gravitationsquelle der Venus entgegen. Ares flog inzwischen mit fast neunzig Kilometern pro Sekunde auf die Venus zu, und die Ränder der Scheibe wanderten bereits aus Yorks Blickfeld aus. Das reflektierte Sonnenlicht warf Schatten auf ihren Schoß.
An einer Arbeitsplatte war eine Kamera befestigt; sie riß den Klettverschluß auf, drückte die Nase gegen das Fenster und machte Aufnahmen.
Die Venus war ungefähr so groß wie die Erde, doch dieser Anblick war nicht mit der Perspektive aus dem Erdorbit zu vergleichen. Sie erkannte keine Details: die Oberfläche der Venus verbarg sich unter den dicken Schichten einer Hülle aus Kohlendioxid. Aus dieser geringen Entfernung wirkten die Wolken glatt und amorph und verliehen dem Planeten das Aussehen einer riesigen Perle.
Bei näherer Betrachtung erkannte sie auf der rechten Seite der Scheibe nun doch eine Struktur in den Wolken: eine gazeartige Hülle, die sich gegen die Dunkelheit des Weltalls abhob, umgab die massiven Wolkenschichten.
Sie drückte hektisch auf den Auslöser.
»Was machst du da, Natalie?« fragte Stone trocken.
»Ich glaube, ich sehe die Dunstschicht«, sagte sie. Eine Hülle aus schwefelsauren Wolken, welche die Venus umgab und die sich in der Dunkelheit des Weltraums abzeichnete.
»Ja. Aber dieses Bild steht nicht auf dem Plan«, sagte Stone.
Mein Gott. »Na schön, verdammt.« Sie legte die Kamera wieder an ihren Platz. »Ich habe nur etwas gesehen, das zuvor noch kein Mensch gesehen hat. Ich sagte mir, das sei wohl einen Schnappschuß wert.«
»Wenn wir bei diesem Rendezvous von der vorgeschriebenen Trajektorie abkommen«, murmelte Stone und schaute dabei auf die flimmernden Bildschirme, »wirst du keine Gelegenheit haben, den Film zu entwickeln, weil du nämlich nicht mehr nach Hause kommst. Wir müssen uns konzentrieren, Leute.«
Ja, ja. Wir sind im Einsatz. Halte dich an den verdammten Missionsplan.
York konzentrierte sich wieder auf die Anzeigen.
Grinsend blickte Gershon sie über die Schulter an.
Der Plan sah vor, daß Ares an der Nachtseite des Planeten vorbeiflog. Der Schleudereffekt würde die Trajektorie des Schiffs dann um dreißig Grad ändern und Ares eine enorme Beschleunigung verleihen. Bisher war Ares antriebslos um die Sonne gekrochen und hatte sich dabei kaum von der Erde entfernt; nun kreuzte Ares zwischen Venus und Erde. Auch wenn die Mehrstufenrakete gleich in den Schatten der Venus eintrat, würde die Sichtverbindung zur Erde nie abbrechen.
Jedes Besatzungsmitglied hatte während des Rendezvous mit der Venus bestimmte Aufgaben zu erledigen: Stone
überwachte die Bahndaten, Gershon verfolgte den Eintritt der Atmosphären-Sonde, die Ares abgesetzt hatte, und York bediente per Fernsteuerung den Instrumententräger des Missionsmoduls.
Einer der Monitore bildete die Wolken im ultravioletten Spektrum ab. Sie leuchteten in satten Blau- und Grautönen, die für das bloße Auge unsichtbar waren: Wolkenstrukturen waberten um den Planeten, komplexe Bögen und Zellen wurden entlang der Breitengrade des Planeten abwechselnd gestaucht und gestreckt. In der computergenerierten Falschfarbendarstellung wies der Planet eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Erde auf.
Die Sensorfläche auf dem Ausleger des Rückspiegels war ein Ensemble dicker, primitiv anmutender Röhren, Antennen und Linsen, die alle mit Folie umhüllt waren. Es gab eine Kamera für die Aufnahme der Wolken, ein Spektrometer für den Nachweis von Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff im UV-Bereich, ein Infrarot-Radiometer für die Bestimmung der Wolkentemperatur, ein Magnetometer und LadungsträgerTeleskope. Vier spindelförmige Radarantennen sollten die Wolkendecke durchdringen und den Streifen der Venus kartieren, den Ares gerade überflog. Die Sensoren waren bereits aktiviert und auf dem Rückspiegel justiert, dem Instrumententräger, der aus der Hülle des Missionsmoduls ragte.
»He«, sagte Gershon. »Dort ist die Sonde. Sie durchstößt gerade die Ionosphäre. Vierhundert Kilometer über dem
Boden. Sie nähert sich mit hyperbolischer Geschwindigkeit den Haupt-Wolkenschichten. Was sagt ihr dazu.«
York löste die Füße aus den Halterungen und schwebte zu Gershon hinüber. Gershons Station wurde von einem Monitor beherrscht, der im Moment jedoch nur Schnee zeigte.
Die Sonde war vor dreiundzwanzig Tagen aus einem Schacht an der Grundfläche des Missionsmoduls ausgestoßen und in einen variablen Orbit gebracht worden. Ares flog in einem Abstand von ein paar tausend Kilometern an der Venus vorbei. Die Sonde flog Ares voraus und sollte ein paar Minuten vor der dichtesten Annäherung des Mutterschiffs auf dem Planeten landen. Die Landezone befand sich im Zentrum der Tagseite, in einem Hochland mit der Bezeichnung Ishtar Terra.
Im Moment steckte die Sonde noch im Bremsmodul, einer Art fliegender Untertasse. Die Kameras vermochten die Hülle zwar nicht zu durchdringen, aber durch ein für Funkwellen durchlässiges Fenster an der Oberseite war die Sonde in der Lage, mit Ares zu kommunizieren.
»Ich bin nun in der Atmosphäre«, sagte Gershon, »aber noch immer oberhalb der Haupt-Wolkenbänke. In neunzig Kilometern Höhe. Die Temperatur ist hier niedrig; sie beträgt weniger als minus hundert Grad. Aber das ist auch schon das Minimum; die Werte müßten ansteigen, sobald ich in die Haupt-Wolkenbänke eindringe. Gleich wird die Hülle der Sonde abgesprengt. Drei, zwei, eins. Los geht’s! Achte auf den Monitor, Natalie.«
York wußte, daß in diesem Augenblick irgendwo in den Wolken die Untertasse zerfiel. Ein Pilotfallschirm würde den Deckel festhalten, und der Hauptfallschirm würde sich über der Sonde öffnen.
Im Schneegestöber auf dem Monitor war ein verschwommenes gelbes Flackern zu erkennen.
»Toll«, jubelte Gershon. »Nun sehen wir auch was.«
Die fahlen gelben Schlieren auf dem Monitor wurden periodisch heller und dunkler; die Sonde rotierte langsam am Fallschirm, und bei diesem stroboskopartigen Flackern mußte es sich um die Sonne handeln, deren Licht durch den Dunst aus schwefelsauren Teilchen gefiltert wurde.
»Die Sicht wird schlechter und beträgt noch ungefähr sechs Kilometer«, sagte Gershon. »Der Druck beträgt drei Viertel des irdischen Werts in Meereshöhe, und die Temperatur liegt bei fünfzig Grad. Mollig warm. Und dabei bin ich noch immer sechzig Kilometer hoch.«
Sechzig Kilometer. Zweihunderttausend Fuß. Auf der Erde würde das die Obergrenze der Stratosphäre markieren: der Druck betrug dort weniger als ein Prozent des Werts in Meereshöhe.