Der Dunst auf dem Monitor verzog sich. »Toll«, sagte Gershon. »Seht euch das an. Auf einmal habe ich eine grenzenlose Aussicht.«
Yorks Blick fiel auf eine dichte Wolkendecke mit einer blaßgelben Färbung. Die Wolken glichen den Schäfchenwolken auf der Erde. Es war ein fast idyllisches Bild. Darüber spannte sich ein amorpher gelber Himmel, an dem die Sonne nicht zu sehen war.
Die Sonde tauchte in die Wolken ein.
»Ich bin noch vierzig Kilometer hoch. Diese ScheißSchwefelsäure habe ich hinter mir. Aber die Außentemperatur liegt inzwischen bei vierhundert Grad. Und der Druck hat eine Atmosphäre überschritten. Drei, zwei, eins. Null. Trennung vom Fallschirm.«
Das Bild flackerte und stabilisierte sich wieder.
Der Druckkörper - das Herz der Sonde - war aus der Hülle geschlüpft und hatte sich vom Fallschirm gelöst. Die Sonde war zwar immer noch fünfunddreißig Kilometer hoch, hatte sich aber schon vom letzten Fallschirm gelöst. Die Luft der
Venus war so dicht, daß die Sonde imstande war, den Rest der Strecke im freien Fall zu bewältigen.
Der Druckkörper war eine dickwandige Metallkugel. Rotoren stabilisierten den Körper während des Falls, und die Hülle war von kleinen Fenstern durchbrochen, hinter denen die Instrumente der Sonde hervorlugten.
»He«, sagte Gershon. »Seht euch mal die Zahlen des Massenspektrometers an.« Er tippte gegen einen Bildschirm. »Ich habe da ein paar schwere Wasserstoffisotope in der Luft.«
»Na und?«
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Wasser, meine Liebe. Hier hat es einmal Ozeane gegeben. Aber sie sind längst durch den Treibhauseffekt verdampft, der durch das Ce-o-zwei verursacht wurde. Aber es hat hier einmal Ozeane gegeben.«
Vielleicht sogar Leben.
Die Sonde rotierte gemächlich in der dichten Luft. Das Licht war dunkelrot, doch die Sichtverhältnisse waren auch nicht schlechter als an einem trüben Tag auf der Erde. Die Sonne entzog sich ihrem Blick; sie sah nur ein diffuses, beinahe unheilvoll anmutendes Glühen, das die Hälfte der Wolkenbank durchdrang, die den Himmel bedeckte.
Und dann sah sie plötzlich die Oberfläche: die WeitwinkelKamera der Sonde zeigte ihr das Panorama einer Landschaft, die durch das trübe Licht weichgezeichnet wurde. York machte etwas aus, das wie eine Bodenspalte aussah, die sich vom einen Rand des Bilds bis zum andern zog - nein, das war keine Spalte, wie sie nun erkannte; es war ein Gebirgszug mit einer Länge von mehreren hundert Kilometern, der schließlich in einem Plateau auslief.
»Windgeschwindigkeit runter auf null«, sagte Gershon. »Druck und Temperatur weiter steigend. Die Venus hat keine Luft; dieses Zeug erinnert mich an die Hühnersuppe meiner Mama.« Er tippte gegen den Monitor. »Das ist Ishtar Terra«, sagte er. »Beziehungsweise die Randzone, in deren Richtung wir uns auch bewegen. Wir sind voll auf Kurs. Schau dir das an, Natalie. Elf Kilometer über Normalnull, und.«
».so groß wie die Vereinigten Staaten. Ich weiß.« Ishtar Terra war ein markantes Hochplateau, das bereits von erdgestütztem Radar kartiert worden war: so würde wohl auch ein Kontinent auf der Erde aussehen, wenn die Weltmeere verdampft wären.
Erregung überkam York. Dann bot sich ihr vielleicht doch noch die Gelegenheit, geologische Untersuchungen auf dieser Mission durchzuführen.
Venus und Erde waren Zwillinge. Also hatte die Venus vermutlich auch einen heißen, radioaktiven Kern wie die Erde, dessen Wärme in den Weltraum abgeführt werden mußte. Auf der Erde geschah das auf zwei Wegen: Plattentektonik und Vulkanismus. Doch aus den Radarkarten und den Daten der primitiven russischen Sonden ergaben sich keine Hinweise auf Plattentektonik auf der Venus: weder Aufwölbungen noch Verwerfungsspalten.
Deshalb folgte York der geologischen Lehrmeinung, daß der primäre geologische Prozeß für die Abfuhr der Kernwärme ein kontinuierlicher Vulkanismus sein mußte. Der Planet mußte mit aktiven Vulkanen übersät sein, welche die Wärme in die Atmosphäre und in die ultimate Wärmesenke, das Weltall, abführten. Deshalb rechnete sie auch damit, daß Ishtar eine Oberfläche hatte, deren Topographie durch aufsteigende Magma - flüssiges Gestein unter der festen Kruste - und Lavaströme geprägt wurde. Falls überhaupt Einschlagkrater existierten, wären sie kaum noch als solche zu erkennen und vielleicht schon unter jüngeren vulkanischen Schichten begraben.
Sie wies auf den rechten Ausschnitt des Bildschirms, wo die Konturen von Kegeln sich im dämmrigen Licht abzeichneten.
»Schau mal. Das müssen die Maxwell Montes sein.« Die größte Bergkette auf der Venus. Sie sah, daß die Sonde auf die Montes zutrieb, wobei sie sich wie ein Metallballon in einer trägen Strömung verhielt. Die Montes waren in manchen Abschnitten steiler als jedes irdische Gebirge. Die Berge stellten Auffaltungen der Oberfläche dar, beschienen vom diffusen rötlichen Licht und umströmt von dicker Luft; York hatte den Eindruck, über einen untermeerischen Bergrücken hinwegzutreiben.
Etwas erschien am Bildschirmrand: ein kreisförmiges
Gebilde an der Flanke der Bergkette.
»He. Was ist denn das?« Und dann wanderte das Gebilde aufgrund der Rotation der Sonde aus dem Erfassungsbereich der Kamera. »Verdammte Scheiße.«
Gershon schaute grinsend zu ihr auf. »Tut mir leid«, sagte er. »Hier gibt’s keinen Panoramaschwenk oder Vergrößerung. Das ist nicht die Sportschau.«
Ein Kreis? Handelte es sich vielleicht um einen Krater. Was, zum Teufel, hatte der hier verloren?
Etwas stimmte nicht; York roch es förmlich. Ungeduldig wartete sie, bis die Kamera wieder herumgeschwenkt war; das ging nicht nur quälend langsam vonstatten, sondern das Bild wackelte auch noch, als die Sonde in der sämigen Luft von Turbulenzen erfaßt wurde.
Das kreisförmige Merkmal wanderte von rechts ins Bild.
York drückte sich fast die Nase am Bildschirm platt.
Es war ein fast perfekter Kreis, der von einer Schicht aus dunklerem Material umgeben war: es mußte sich um einen Einschlagkrater handeln, der von einer Auswurfschicht umgeben war. Wie ein Einschußloch inmitten eines Flecks aus eingetrocknetem Blut. Und bei der Größe war der Krater mit größter Wahrscheinlichkeit ein paar hundert Millionen Jahre alt.
Und er war jungfräulich: er war weder von Lavaströmen bedeckt noch von Verschiebungen in der Landschaft verzerrt.
Was bedeutete, daß Ishtar Terra für mindestens denselben Zeitraum schon geologisch tot sein mußte.
Das ist unmöglich. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wenn das charakteristisch für die gesamte Oberfläche ist, wird alles auf den Kopf gestellt. Keine Plattentektonik und auch kein Vulkanismus?
Der rätselhafte Krater verschwand aus dem Blickfeld, als die Sonde zur Oberfläche hinabsank.
»Zehn Minuten bis zum Perizentrum«, sagte Stone. York sah, daß der Kommandant die Instrumente überwachte, anstatt die Bilder von der Sonde zu betrachten, die ersten Bilder von der Oberfläche der Venus.
Die Sonde näherte sich einer mit zerklüfteten Felsen übersäten Ebene. Sie sah Anzeichen für das Vorhandensein von Winden: Staubablagerungen und ein paar flache Dünen. Dann ist die Luft also nicht immer so ruhig.
»Wir kommen rein«, sagte Gershon. »Landegeschwindigkeit sechs Meter pro Sekunde. Noch dreißig Sekunden.«
Etwa fünfundzwanzig Kilometer pro Stunde. Wie bei einem Zusammenstoß zweier langsamer Fahrzeuge: hart, aber nicht unbedingt tödlich.
»Neun. Acht.«
Der Boden schoß nach oben und drehte sich auf die Kamera zu; York wurde leicht schwindlig beim Versuch, Details zu erkennen.
»Zwei. Eins.«
Das Bild verschwamm kurz und wurde wieder klar.
Sie sah die Abbildung einer steinigen Ebene. Die Ebene neigte sich ein wenig, als die Sonde umkippte.