Dann geschah es wieder: ein annähernd elliptischer Blitz, der eine Fläche von vielen Quadratkilometern umfaßt haben mußte. Für einen Augenblick erkannte sie eine detaillierte Struktur in den grauen Wolkenschichten und -bänken. Sie waren in Drehrichtung geschichtet und wurden von unten angestrahlt.
»Streitet euch nicht«, sagte Stone ruhig. »Wenn es hier Gewitter gibt, wird die Kamera sie erfassen. Teufel, Ralph, deine kleine Sonde hat sie vielleicht auch gehört.«
Gershon hatte natürlich recht, sagte York sich. Es gab auf der Venus keinerlei unmittelbare Anzeichen für die Mechanismen, die auf der Erde die Entstehung von Gewittern bewirkten. Aber was dann? Vulkanismus?
Betrübt kehrte sie auf ihre Station zurück. Ein flüchtiger Blick ist nicht genug. Schließlich haben wir es hier mit einem Planeten zu tun. Man müßte schon ein ganzes Jahr im Orbit verbringen, mit einer größeren Palette von Instrumenten und hundert Sonden. Durch diesen Vorbeiflug werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.
»Da kommt man schon ins Grübeln«, sagte Gershon. »Dieses Manöver verhilft uns zu einer Delta-Vau von fast vier Kilometern pro Sekunde. Noch dazu gratis. Das ist mehr, als wir beim Verlassen des Erdorbits aus den Tanks rausgeholt hatten! Und nun fliegen wir mit ungefähr vierzig Kilometern pro Sekunde. Die höchste Geschwindigkeit, die wir bisher erreicht haben.«
»Was sagst du dazu, Natalie«, sagte Stone. »Du fliegst im schnellsten von Menschenhand gefertigten Fluggerät aller Zeiten. Welch ein Flug für jemanden, der eigentlich gar kein Pilot werden wollte.«
Doch York hörte gar nicht zu.
Wir sind nur hier, um dich zu bestehlen, sagte sie sich. Ares hatte überhaupt kein Interesse an der Venus selbst. Wir brauchen nur deine Energie.
Licht durchflutete die Wissenschaftliche Station. Sie schaute nach oben. Eine neue Sichel formte sich, als Ares auf die Tagseite des Planeten zuflog.
Dieser erstaunliche Anblick ging ihr nicht aus dem Kopf: der einsame jungfräuliche Krater, der in eine Bergkette geschlagen worden war.
Mittwoch, 3. Juni 1981
Firmensitz von Columbia Aviation, Newport Beach
JK Lee sagte sich, daß er schon lange keinen solchen Mist mehr zu Gesicht bekommen hätte wie die Aufforderung zur Angebotsabgabe für das neue Mars-Exkursionsmodul.
Eine Aufforderung zur Angebotsabgabe war Teil der Standardprozedur, welche die Regierung bei der Vergabe von
Großaufträgen befolgte. Diese spezifische Aufforderung zur Angebotsabgabe war an vierzehn Firmen ergangen, darunter McDonnell, Boeing, Rockwell, Lockheed und Martin. Die Antwort sollte innerhalb von zehn Wochen erfolgen. Dann würde die NASA die Angebote mittels einer eigens hierfür entwickelten Punktmatrix auswerten. Damit sollten der technische Ansatz, das vom Bewerber eingesetzte Personal, die Expertise des Anbieters in den relevanten Bereichen und so weiter gewichtet werden. Bei der Ausschreibung eines Großauftrags war die Aufforderung zur Angebotsabgabe an sich schon ein Teil des Projekts.
Das Dokument, das JK Lee nun in Händen hielt - nicht sehr aussagefähig, schlecht fotokopiert, teilweise mit handschriftlichen Einträgen nachgebessert - war miserabel.
Er bestellte Jack Morgan zu sich.
Lee knallte Morgan die Aufforderung zur Angebotsabgabe auf den Tisch. »Sehen Sie sich das an.«
Jack Morgan war ein stämmiger Mann mit grauem Haar und Händen wie Klodeckeln. Er nahm auf der anderen Seite von Lees wuchtigem Stahlschreibtisch Platz.
Nachdem er die Aufforderung zur Angebotsabgabe flüchtig durchgesehen hatte, warf Morgan die Unterlagen wieder auf Lees Schreibtisch.
»Und was halten Sie davon?« fragte Lee.
»Ich würde mir nicht mal den Arsch damit abwischen. So eine schludrige und stümperhafte Arbeit ist mir noch nicht untergekommen.«
»Klarer Fall.« Morgan hatte natürlich recht. Die Vorgaben für das Gewicht des MEM waren außerordentlich strikt, und der mit Blick auf den für 1985 vorgesehenen Start gesteckte Kosten- und Zeitrahmen war so eng, daß er kaum einzuhalten war. Die NASA hatte bei der Aufforderung zur Angebotsabgabe offensichtlich unter enormem Druck gestanden und versucht, ein Programm für die Mars-Mission zusammenzuschustern, während sie noch mitten in der Untersuchung der Apollo-N-Havarie steckte.
»Ich stimme Ihnen zu«, sagte Lee. »Diese Aufforderung zur Angebotsabgabe ist eine Zumutung. Ich wundere mich nur, daß sie das überhaupt so rausgegeben haben. Trotzdem.«
»Trotzdem was? JK - Sie spielen doch nicht etwa mit dem Gedanken, mitzubieten?«
Lee lehnte sich zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. »Wieso nicht?«
»Weil wir den Auftrag eh nicht bekommen würden. Weil es rausgeschmissenes Geld wäre. Ich weiß nicht mal, weshalb man uns dieses Elaborat überhaupt zugeschickt hat.«
Lee glaubte es aber zu wissen.
Zufällig wußte er nämlich, daß Ralph Gershon in dem NASA-Gremium saß, das die Angebote auswertete. Seit sie sich damals bei der Zusammenkunft der Technischen Kontaktgruppe in Rockwells >Ziegelei< kennengelernt hatten, wo Lee einen Astronauten-Novizen zusammengeschissen hatte, weil das MEM wie eine Apollo-Kapsel aussah und seit sie den Ausflug in die Mojave-Wüste unternommen hatten, waren er und Gershon in Verbindung geblieben.
Er sagte sich, daß er Gershon für diese Aufforderung zur Angebotsabgabe wohl noch dankbar sein mußte.
»Wie dem auch sei«, sagte Morgan, »Rockwell wird den Zuschlag für das MEM erhalten; das weiß doch jeder.«
»Ja, aber angenommen.«
»Was?«
»Ich weiß nicht. Nur einmal angenommen.«
»Noch ein kleines Detail«, sagte Morgan. »Wir wären nicht imstande, das Ding zu bauen, selbst wenn wir den Auftrag bekämen.«
»Wieso nicht?«
»Weil wir auf Flugzeugzellen und Avionik spezialisiert sind. Das würde uns als Zulieferer qualifizieren. Wenn man sich aber um den Auftrag für den Bau eines Raumschiffs bewirbt, um Himmels willen, muß man sich überall auskennen: Tanks, Triebwerke, Navigations- und Flugführungssysteme, Lenkungscomputer, Hitzeschilde, Lebenserhaltungssysteme.«
Darauf hatte Lee nur gewartet. »Lebenserhaltungssysteme sind kein Problem.«
»Quatsch, JK«, sagte Morgan. »Wenn Sie glauben, ich würde wegen einer solch hanebüchenen Aktion bei Art Cane meine Haut zu Markte tragen, sind Sie schief gewickelt.« Er stand auf, nahm die Aufforderung zur Angebotsabgabe und warf sie in Lees Papierkorb. »Wenn Sie noch halbwegs bei Verstand sind, lassen Sie es dort liegen.«
»Ja. Werde ich. Danke, Jack.«
Nachdem Morgan gegangen war, lehnte Lee sich im Drehstuhl zurück, brachte die Füße auf dem Schreibtisch in eine noch bequemere Position und zündete sich eine Zigarette an. Der wuchtige, schlachtschiffgraue Stahlschreibtisch war JKs Markenzeichen; er war ein Geschenk von dem Team, mit dem er damals am B-70-Projekt gearbeitet hatte. Das Möbel hatte ihn seitdem überallhin begleitet.
Er dachte über Jack Morgan nach.
Morgan war im Korea-Krieg Flugarzt bei der Luftwaffe gewesen und war dann sozusagen in die Raumfahrtmedizin hineingeschlittert. Nach dem Krieg hatte er für Rockwell -damals noch North American - gearbeitet und einen Piloten behandelt, der aus einer F-100, einem experimentellen Überschallflugzeug, aussteigen mußte. Die Luft war bei dieser Geschwindigkeit hart wie Stein. Morgan hatte dem Ärzteteam angehört, das dem Piloten das Leben gerettet hatte. Es war erst das dritte Mal in der Geschichte der Luftfahrt gewesen, daß ein Pilot aus einem Flugzeug ausgestiegen war, das schneller als der Schall flog. Also wurde Morgan de facto Pionier in der neuen Disziplin der Raumfahrtmedizin.