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Im Lauf der Zeit war Morgan einer von Lees engsten Vertrauten - sprich Saufbrüdern - geworden und in seine Firma eingetreten, nachdem der durch die Entlassung von Stormy Storms desillusionierte Lee Rockwell im Jahre 1967 den Rücken gekehrt hatte.

Lee legte Wert auf Morgans Rat. Was aber nicht bedeutete, daß er ihn oft befolgte.

Nach einer Viertelstunde beugte er sich nach vorn und drückte auf die Taste der Sprechanlage. »Bella, ich möchte, daß Sie ein paar Besprechungstermine für mich anberaumen.«

»Jawohl, JK.«

Er erhob sich vom Stuhl und fischte die Aufforderung zur Angebotsabgabe aus dem Abfalleimer.

Drei Tage später platzte JK Lee ins Büro seines Chefs, Arthur Cane, gefolgt von vier seiner besten Mitarbeiter. Einschließlich Jack Morgan. Sie waren mit Tabellen und Grafiken bepackt und improvisierten eine Präsentation mit dem Motto: >Weshalb wir uns um den Auftrag für das MEM bewerben solltenc.

Cane saß hinter einem großen Schreibtisch aus massivem Walnußholz. Der vor ihm liegende Stapel Papiere wurde von einem massiven englischen Füllfederhalter aus Marmor gekrönt.

Arthur Cane war inzwischen über siebzig. Ein klobiges Hörgerät aus Bakelit war an einem Ohr befestigt. Er hatte kein einziges Haar mehr auf dem Kopf. Doch nach all diesen Jahren erkannte Lee noch immer das Leuchten in den Augen des alten Mannes, wenn er über den Firmenparkplatz ging, vorbei an dem großen, glänzenden Windkanal. Seht her. Ich habe einen eigenen Windkanal.

Cane war ein Veteran der Luft- und Raumfahrtindustrie. Vor dem Krieg hatte er bei Hughes gearbeitet und dann ein paar

Jahre bei den Eierköpfen in Langley verbracht. Die Entwicklung von Flugzeugen war Canes Steckenpferd - ihn reizte der Innovationsschub, der auch auf andere Bereiche ausstrahlte, die Herausforderung, mit Material und Systemen die Grenzen des scheinbar Möglichen zu überschreiten. Langley mit dem beschränkten Budget und den internen Querelen war jedoch eine Enttäuschung für ihn gewesen.

Nachdem Langley schließlich der NASA eingegliedert wurde, war Cane ausgeschieden und hatte eine eigene Firma -Columbia Avionics - gegründet. Nun war er imstande, selbst zu forschen, seinem Riecher zu folgen und die Ergebnisse dann an die NASA und die großen Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie zu verkaufen.

Was er auch mit Erfolg getan hatte. Allerdings hatte Cane darauf geachtet, daß Columbia nicht zu schnell expandierte, und er hatte die Firma geschickt vor den Übernahmeversuchen geschützt, zu denen die großen Jungs regelmäßig ansetzten.

Und nun wollte Lee Cane um ein paar Millionen aus dem Firmenvermögen bitten, um bei einem Auftrag mitzubieten, der so groß war, daß er Columbia bis zur Unkenntlichkeit verändern würde. Deshalb muß ich verdammt genau wissen, wie Art dazu steht.

Lee machte den Eröffnungszug. Die Einleitung war durch eine neutrale und prägnante Diktion gekennzeichnet. Auf den Putz hauen konnte er immer noch.

Nach Lee sprach Julie Lye, eine intelligente junge Absolventin vom MIT. Lee hatte sie von ihrer eigentlichen Arbeit abgezogen, um dem Vorschlag akademisches Gewicht zu verleihen. Lye legte kurz und bündig die Erkenntnisse dar, die man von den verschiedenen Mars-Sonden gewonnen hatte: die Zusammensetzung der Atmosphäre, die Beschaffenheit des Bodens. Es handelte sich um eine Erläuterung der generellen Problematik, mit der jeder konfrontiert wurde, der Menschen zum Mars schicken, sie dort am Leben erhalten und wieder nach Hause holen wollte. Lyes Vortrag war präzise und überzeugend.

Cane betrachtete sie mit ausdruckslosem Gesicht und gefalteten Händen.

Als nächster sprach Chaushui Xu, auch ein kluges Kind. Der Amerikaner chinesischer Abstammung verfaßte gerade eine Dissertation über seine Arbeit bei Columbia. Xu stellte die Optionen für die Durchdringung der Marsatmosphäre vor und wartete mit Vorschlägen auf, Columbias Expertise in die Problemlösung einfließen zu lassen.

Canes Augen verengten sich zu Schlitzen, als ob er gleich einnicken würde.

Xu wurde nervös und geriet ins Stottern. Doch Lee war unbesorgt; er wußte nämlich, daß für Cane Intelligenz an erster Stelle rangierte und daß er es hier mit den besten Nachwuchskräften der Firma zu tun hatte. Cane hörte sehr wohl zu.

Xu beendete den Vortrag und setzte sich. Er war noch immer nervös.

Nun war Bob Rowen an der Reihe. Rowen, der deutlich älter war als die anderen, hatte damals schon mit Lee am B-70-Projekt gearbeitet. Anschließend war er mit Lee und Storms an der Entwicklung der X-15 beteiligt gewesen. Rowen legte dar, wie Columbia die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Avionik des Raumschiffs bewältigen konnte. Bald stand fest, daß ein MEM von Columbia das beste Raumschiff werden würde, das jemals geflogen war.

Rowen war gerade so richtig in Fahrt, als Cane ostentativ das Hörgerät abschaltete und sich seinen Unterlagen widmete.

Jack Morgan beugte sich zu Lee hinüber. »Mein Gott«, flüsterte er. »Und was machen wir nun?«

Lee grinste nur. »Wir machen einfach weiter. Er verfolgt die Präsentation ganz genau, glauben Sie mir. Wenn er nichts von unseren Vorschlägen hielte, wären wir längst draußen.«

Der letzte Referent war Jack Morgan, und er führte aus, wie ein Columbia-MEM vier Menschen für einen Monat das Überleben auf dem Mars sichern würde. Morgan, wegen Canes Verhalten sichtlich irritiert, leierte den Vortrag herunter und nahm dann geräuschvoll wieder Platz.

Nun trat Lee noch einmal vor. Er faßte die bisherigen Ausführungen zusammen und formulierte ein paar Perspektiven für die zukünftige Entwicklung der Firma. Dann wartete er auf eine Reaktion des Chefs.

Er wußte, daß seine Leute unruhig wurden, doch Lee war nicht zum erstenmal hier. Er harrte vor Canes Schreibtisch aus.

Nach zwei Minuten legte Cane den Marmorfüllfederhalter aus der Hand und lehnte sich im Sessel zurück. Er schaltete das Hörgerät wieder ein. »JK, Sie sind verrückt. Ich weiß nicht, weshalb ich Sie überhaupt noch beschäftige.«

Lee beugte sich vor und legte die zu Fäusten geballten Hände auf den Schreibtisch. »Verdammt, Art, wir sind im Luft- und Raumfahrtgeschäft. Und seit Apollo ist das für uns die erste Gelegenheit für Innovationen.«

Cane rieb sich die Augen. »Wir sind eine ExperimentierWerkstatt. Ein ewiger Zulieferer. Wir gehören nicht zu den Großen.«

»Wer sagt denn, daß es so bleiben muß?« sagte Lee.

»Zumal wir den Zuschlag ohnehin nicht bekommen würden.« Cane zog ein Blatt Papier aus dem scheinbar ungeordneten Haufen auf dem Schreibtisch. »Sehen Sie sich das an. Sehen Sie, gegen wen wir alles antreten. McDonnell, Martin, Gonvair, General Electric, Boeing. Ganz zu schweigen von Rockwell, die sowieso gewinnen werden. Ein paar von diesen Firmen beteiligen sich schon seit 1972 an der

Grundlagenforschung für das MEM. Sie sind uns um Jahre voraus, verdammt. Jahre. Und sehen Sie sich das an. Martin hat schon drei Millionen aus eigener Tasche investiert und eine detaillierte Analyse erstellt, die viertausend Seiten umfaßt. Und wir fangen bei Null an.«

»Mir ist schon klar«, sagte Lee gestikulierend, »daß wir nicht imstande sind, in einen Konstruktionswettlauf mit diesen Firmen einzutreten. Bedenken Sie aber, daß zum Beispiel Bell mit der X-15 nicht zum Zuge gekommen ist, obwohl die Firma zuvor schon die X-1 gebaut hatte - das Flugzeug, mit dem Chuck Yeager die Schallmauer durchbrach.«

»Ich weiß bestens Bescheid in der Geschichte der Luftfahrt, JK.«

»Entschuldigung. Wie dem auch sei, Bell hätte den Auftrag für die X-15 bekommen müssen. Aber was sie vorlegten, war ein futuristisches Raumflugzeug, das seiner Zeit um Jahre voraus war. Rockwell hat schließlich den Auftrag erhalten, indem es der NASA gab, was sie wollte: eine simple, kraftstrotzende Maschine. Und als später die Ausschreibung für Apollo erfolgte, waren es Firmen wie Martin und Douglas, die Millionen in utopischen Kram investierten, fliegende Untertassen, Lifting Bodies und was nicht alles. Und Rockwell hat wieder gewonnen, weil es der NASA das gab, was sie wollte und brauchte: eine Mercury-Kapsel für eine dreiköpfige Besatzung.«