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Nun erhob Muldoon sich, stemmte die Hände in die Hüften und überflog das Astronauten-Korps. Mit den blauen Augen und dem Bürstenhaarschnitt wirkte er wie die Karikatur eines Schleifers bei der Armee, sagte York sich.

Die Gespräche verstummten, und Muldoons Blick schweifte über Reihen mit schweigenden Leuten.

Muldoon sprach ohne Mikrofon. Er verzichtete auf eine Einleitung und kam gleich zur Sache. Er sagte:

»Die Leute, die als erste zum Mars fliegen werden, befinden sich hier in diesem Raum.«

»Sie wissen inzwischen von den Einschnitten im AresMissionsprofil.«

Er schaltete den Overhead-Projektor ein, und ein Bild wurde auf eine Leinwand hinter ihm geworfen. Es handelte sich um eine maschinengeschriebene Liste, die auf Folie kopiert worden war. »Wir haben acht Flüge angesetzt, sowohl bemannte als auch unbemannte. Wir haben sechs vorläufige Missions-Klassen definiert: A bis F. Hauptsächlich handelt es sich um Missionen im Erdorbit, wo die Systemkomponenten erprobt werden. Mit dem letzten Flug - Missions-Klasse F -wird dann eine Landung auf dem Mars angestrebt.

Anhand der Folie sehen Sie, daß die beiden A-Klasse-Missionen der Erprobung des neuen Saturn VB-Triebwerks dienen, mit dem Apollo- und MEM-Modelle ins All geschossen werden. Die B-Mission ist der erste bemannte Flug in den Erdorbit - oder vielleicht auch Mondorbit -, um der Saturn VB die Zulassung für den bemannten Raumflug zu erteilen. Diesmal werden eine echte Apollo, aber immer noch ein MEM-Modell verwendet. Bei der C-Mission handelt es sich wieder um einen unbemannten Flug, und zwar um die Erprobung eines MEM-Prototypen unter annähernden Einsatzbedingungen. Die D-Mission ist der erste bemannte MEM-Flug in den Erdorbit - ein Dauertest, um die Raumtüchtigkeit zu testen.

Bei den beiden E-Klasse-Missionen handelt es sich wieder um bemannte MEM-Tests, wobei wir die neuen Landesysteme im Rahmen von Landungen auf dem Mond und/oder auf der Erde erproben wollen. Außerdem erwarten wir in dieser Periode die Bestätigung der orbitalen Montage-Prozeduren. Die F-Mission umfaßt dann den Flug zum Mars und ist für den 21. März 1985 angesetzt. Andernfalls müßten wir wieder zwei Jahre auf die nächste Opposition warten. Die exakte Abfolge der anderen Missionen und des jeweiligen Zeitpunkts muß noch bestimmt werden; die Entscheidung erfolgt in Abhängigkeit vom Erfolg der vorhergehenden Mission.«

York hörte kaum zu. Die anderen wahrscheinlich auch nicht, sagte sie sich. Es finden also nur fünf bemannte Flüge statt.

Nur fünf Flüge.

Muldoon zog die Folie unter dem Projektor hervor; sie zeichnete sich als graue Welle im Licht der Projektorlampe ab. Dann legte er die nächste Folie auf.

Es handelte sich um eine Namensliste.

»In dieser Phase wäre es verfrüht«, sagte Muldoon, »die Besatzungen für alle Flüge bis zur F-Mission festzulegen. Ich bin sicher, daß Sie hierfür Verständnis haben. Deshalb sehen Sie hier zunächst die Besatzungen für die Klassen B und D sowie für die erste E-Mission - also die ersten drei bemannten Flüge - und die Ersatzmannschaften...«:

York reckte den Hals und kniff die Augen zusammen, um die Namen auf der unsauber getippten und unscharf projizierten Liste zu erkennen. Mit den Lippen formte sie die jeweiligen Namen.

Die Flüge fanden mit drei- beziehungsweise vierköpfigen Besatzungen statt. Phil Stones Besatzung - mit Adam Bleeker und einem erfahrenen Astronauten namens Ted Durval - sollte die B-Mission durchführen: die erste und somit riskante Erprobung des modifizierten Zusatztriebwerks, der Saturn VB. Es handelte sich um eine reine Luftwaffen-Besatzung. York erkannte die zugrunde liegende Logik, Testpiloten mit einer Mission zu betrauen, die eigentlich einen Testflug darstellte -doch gleichzeitig wurden dadurch auch Akzente für das gesamte Programm gesetzt: ein falscher Akzent indes, denn die Betonung lag auf dem Militärischen. Noch mehr Kampfpiloten-Scheiß. Wie gehabt.

Doch die D-Mission, der Dauertest im Weltraum, hatte eine vierköpfige Besatzung, darunter zwei Missions-Spezialisten: Ralph Gershon, las sie. Und.

Natalie York.

Sie versuchte weiterzulesen. Phil Stones B-Missions-Besatzung stellte die Ersatzmannschaft.

Natalie York.

Immer wieder las sie den Namen; sie traute den Augen nicht und wähnte sich noch immer in der Zentrifuge, wo ihr die Augäpfel geplättet worden waren. Mein Gott. Das bin wirklich ich, in einer Erstbesatzung. Ich werde in den Orbit gehen.

Ich werde die erste Amerikanerin im Weltraum sein.

Sie war eine von nur drei weiblichen Astronauten im Korps und die einzige, die Muldoon auf die Liste gesetzt hatte.

Die Spannung im Raum entlud sich. Jubelrufe ertönten, die Leute schüttelten sich die Hände und hieben sich kumpelhaft auf den Buckel. Sogar York bekam ein paar Knüffe ab.

Auf vielen Gesichtern lag ein verkniffenes Grinsen. Sie wußte, was das zu bedeuten hatte; sie dachte nämlich das gleiche. Ich muß lächeln und so tun, als ob ich mich für dich freuen würde. Aber ich müßte auf der Liste stehen und nicht du, Bastard. Aber vielleicht werde ich doch noch draufkommen - ich bete nämlich zu Gott, daß du dir das Bein brichst oder während der Vorbereitungen Scheiße baust.

Nun brachte Muldoon die Leute mit einer Geste zum Schweigen. »Wie ich Ihnen schon sagte, halte ich es für verfrüht, über die erste E-Mission hinaus schon Besatzungen zusammenzustellen. Aber die Auswahl wird nach dem normalen Rotationsprinzip erfolgen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit; wenn Sie im Moment keine Fragen haben, dürfen Sie gern in mein Büro kommen...«

Das normale Rotationsprinzip, hatte er gesagt.

Das traf York wie ein Stromschlag, und die Euphorie zerstob.

Sie und alle anderen wußten, was das zu bedeuten hatte. Sie sah wieder auf die Leinwand und stellte Kalkulationen an. Das bedeutet, daß ich in den Erdorbit gehen werde. Aber nicht weiter. Phil Stone wird zum Mars fliegen. Ich nicht.

An diesem Tag arbeitete niemand mehr im Astronauten-Büro. York vermutete, daß Joe Muldoon die Ankündigung bewußt auf diesen Termin gelegt hatte.

Sie fuhr zum Singenden Rad hinaus. Auf dem Parkplatz standen lauter Sportwagen, und an der Bar fand sie Phil Stone, Adam Bleeker und ein paar Kumpels aus der Zeit beim Militär, die sich bereits systematisch vollaufen ließen. Stone zog einen Hocker heran und reichte ihr ein eiskaltes Bier.

»Glückwunsch«, sagte er aufrichtig. »Dann fliegst du nun doch in den Weltraum. Amerikas erste Frau im All. Auf dich, Natalie. Kommt, Leute.« Er brachte ein paar Toasts mit kühlem Bier aus, die sie geduldig über sich ergehen ließ. »Wie fühlst du dich?« fragte er.

»Durchwachsen«, sagte sie. »Immerhin fliege ich.«

»He, du kannst dich wirklich nicht beklagen. Wie lange bist du nun bei der NASA - drei Jahre? Teufel, wir haben Leute, die drei- oder viermal so lang auf einen Platz gewartet haben wie du. Ich freue mich darauf, auf der D-Mission mit dir zusammenzuarbeiten. Das meine ich ernst, Natalie.«

»Ja«. Sie rang sich ein Lächeln ab.

Stone musterte sie. »Ja, aber.«, versuchte er sie aus der Reserve zu locken.

»Aber, Phil, meine ehrliche Meinung ist, daß du das Arschloch bist, das zum Mars fliegt, und nicht ich.«

Er lachte nur und nahm einen Schluck Bier. »Komm schon, Natalie. Es steht doch noch gar nicht fest, wer zum Mars fliegt. Nicht in dieser Phase. Falls die Testflüge keinen Erfolg haben, wird vielleicht überhaupt niemand zum Mars fliegen.«

»Halt mal die Luft an. Du hast doch gehört, was Muldoon gesagt hat. >Das normale Rotationssystem<.«

Das >Rotationssystem< stammte noch aus den Anfangsgründen von Mercury und war bis einschließlich Apollo beibehalten worden. Die Aufstellung der Besatzungen erfolgte nach dem >Frosch-Prinzip<. Die Regel lautete >einmal in der Reserve-Besatzung, zweimal aussetzen, einmal fliegen<. Dann ging es wieder von vorne los. Deshalb stellten Phil Stone und seine Leute auch die Ersatzmannschaft für die D-Mission, Yorks Dauertest-Flug. Falls das Rotationsprinzip zum Tragen kam, würden sie die nächsten beiden Missionen - die EMissionen - aussetzen und an der F-Mission teilnehmen.