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»Hören Sie zu«, sagte er unwirsch. »Niemand weiß, was geschehen wird. Sie erfüllen einfach Ihre Pflicht. Tun Sie, was diese Arschlöcher dort draußen auch tun, aber tun Sie es doppelt so oft und doppelt so gut. Und verschaffen Sie sich einen Wettbewerbsvorteil - zum Beispiel durch Ihre GeologenAusbildung. Machen Sie sich unentbehrlich. Und wer weiß, wo wir 1986 stehen?«

Für einen kurzen Moment verspürte sie ein eigenartiges Gefühl der Freude - sogar der Zuversicht. Er hat recht. Ich bin nun schon so weit gekommen, und vielleicht werde ich auch noch die letzten Hürden überwinden. Ich kann es schaffen.

Doch Muldoon widmete sich schon wieder den Unterlagen auf dem Schreibtisch.

York war wieder auf sich allein gestellt: sie stand draußen in der Dunkelheit, und die Aussichten für die Mission - ihre Karriere, ihr ganzes Leben - waren wieder einmal auf bloße Spekulationen und das >Prinzip Hoffnung< reduziert. Ihre Zuversicht verflog so schnell, wie sie gekommen war.

Sie verließ Muldoons Büro.

Juni 1981

Firmensitz von Columbia Aviation, Newport Beach

Nach dem Aufstehen kam Lee gleich in die Gänge. Jennine servierte ihm zwei Tassen stark gesüßten Kaffees. Bis er die erste geleert hatte, war die zweite so weit abgekühlt, daß er sie in einem Zug leerte, während er zum schwarzen Thunderbird im Hof ging.

Seine erste Aufgabe bestand darin, jemanden zu finden, der sich mit der Aufforderung zur Angebotsabgabe befaßte. Er verbrachte den ganzen Tag damit, durch das Werk zu streifen.

Auf dem Firmengelände von Columbia standen ein paar alte, abbruchreife Fabrikgebäude. Der große Windkanal zwängte sich durch den Komplex. Die Anlagen waren noch ausreichend für die kleinmaßstäblichen Versuche, mit denen Columbia sich hauptsächlich befaßte. Dennoch platzte das Werk schon aus allen Nähten.

Was Lee brauchte, war ein geräumiges Büro.

Schließlich fiel sein Blick auf die Kantine; sie war die einzige Räumlichkeit, die hundert und mehr Menschen faßte.

»Das ist es. Bella, ich möchte, daß Sie die Essensausgabe schließen und die verdammten Servierwägelchen wegschaffen. Ich will Reißbretter und Schreibtische dort unterbringen.« Mit zusammengekniffenen Augen sah er nach oben. »Zuwenig Licht. Sorgen Sie dafür, daß ein paar Oberlichter in die Decke gebrochen werden. Und lassen Sie die Stromversorgung überprüfen; wir brauchen genug Saft für die Computer.«

»Ja, Sir, JK. Aber.«

»Was haben Sie denn immer mit Ihrem >aber<?«

»Wo sollen wir dann essen?«

Lee fuchtelte mit der Hand. »Die ganzen gottverdammten USA sind mit McDonalds übersät. Es wird schon niemand verhungern.«

»Ja, Sir, JK.«

Er ließ den Blick durch die Kantine schweifen, mit dem verbeulten Tresen, dem verschrammten Boden und dem Geruch nach Tomatensauce. Hier würde er das Entwicklungszentrum einrichten. Und er würde ein strenges Regiment führen. Er hatte bereits verfügt, daß die Arbeitszeit während der Formulierung des Angebots von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends gehen würde. Und die Arbeit hier würde nur den Kern einer gewaltigen Anstrengung des ganzen Unternehmens darstellen. Gruppen von Ingenieuren würden in Labors und Windkanälen Daten erstellen, um die Behauptung zu stützen, daß Columbia in der Lage sei, dies zu tun, diese noch nie dagewesene Maschine zu bauen.

Doch hier war der Brennpunkt: es war in diesem großen schmutzigen Raum, wie ihm mit zunehmender Erregung bewußt wurde, wo das Mars-Exkursionsmodul entwickelt werden würde.

Er durchforstete die Organisation und zog jeden von seiner eigentlichen Arbeit ab, von dem er annahm, daß er ihm bei der Formulierung des Angebots von Nutzen sein könnte. Und wenn jemand protestierte, genügte in der Regel schon die Nennung von Canes Namen, um den Renegaten zur Raison zu bringen. Das war Art Canes Unternehmenskultur, sagte Lee sich. Er hatte vielleicht Zweifel am Sinn der Angebotsabgabe gehegt, doch wo sie sich nun dafür entschieden hatten, spannte er das ganze Unternehmen für diese Aufgabe ein. Das Motto lautete >alles oder nichts<, und Cane erwartete von der Belegschaft, daß sie Lee nach besten Kräften unterstützte.

Während der ersten Woche versuchte Art Cane, Partner zu gewinnen: potentielle Zulieferer, die Columbias Bewerbung unterstützten. Ein Angebot für einen Kontrakt dieser

Größenordnung galt erfahrungsgemäß nur dann als seriös, wenn der Bewerber eine Koalition von Zulieferern um sich geschart hatte.

Auf Canes Empfehlung flogen Lee und Bob Rowen nach Culver City, dem Firmensitz von Hughes Aircraft. Hier hatte Cane sich die Hörner abgestoßen und verfügte noch immer über ein paar Kontakte zu dieser Firma. Cane arrangierte für sie ein Treffen mit einem Vizepräsidenten namens Gene Tyson. Der Zufall wollte es, daß noch keiner der anderen Bewerber um den MEM-Auftrag an Hughes herangetreten war. Hughes als Experte für Steuerungs- und Stabilisierungssysteme wäre der ideale Partner für Columbia.

Doch nachdem Lee und Rowen in Culver eingetroffen waren, ließ Tyson sie drei Stunden lang warten, und nachdem sie ihr Anliegen schließlich vorgetragen hatten, wurden sie von Tyson und seinen Assistenten unter Gelächter aus dem Büro hinauskomplimentiert.

Gene Tyson war ein dicker Mann mit weichen Gesichtszügen, der von einer penetranten Duftwolke umgeben war. Er brachte Lee förmlich auf die Palme. Väterlich legte er Lee den Arm um die Schulter, als er ihn zur Tür brachte. »Hören Sie auf meinen Rat«, sagte Tyson. »Art Cane ist ein toller Hecht. Aber, JK, ich glaube, ihr vergeudet nur eure Zeit. Ganz zu schweigen von meiner. Ihr habt keine Chance, den Zuschlag zu erhalten - nicht den Hauch einer Chance. Ihr seid doch nur ein paar Laborfritzen.«

Also flog Lee nach Newport zurück. Er kochte vor Wut - und war zutiefst besorgt. Wenn nicht einmal Hughes ihr Angebot ernst nahm, wer, zum Teufel, dann? Und ohne Partner befanden sie sich vom Start weg im Nachteil.

Doch je intensiver er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß diese scheinbare Schwäche sich durchaus in eine Stärke verkehren ließ.

»Sehen Sie es mal so«, sagte er zu Art Cane. »Zum Teufel mit ihnen. Zum Teufel mit Hughes. Zum Teufel mit dem Rest. Wir schaffen es auch allein. Wir präsentieren uns der NASA sozusagen als Trainer und nicht als Mannschaft. Das ist es doch, was sie brauchen. Wenn Columbia sich erst einmal als Trainer etabliert hat, können wir uns die verdammten Spieler Sogar aussuchen. Soll der Kunde die Entscheidung treffen, wenn er dazu bereit ist; wir dürfen ihn nicht drängen.«

Art Cane schüttelte den Kopf. »Sie sind verrückt, JK. Verschwinden Sie aus meinem Büro.«

Nachdem die Kantine ihrer neuen Bestimmung zugeführt worden war, nahm Lee an einem Tisch auf einem Podest Platz. Er ernannte seine leitenden Angestellten und intelligente Mitarbeiter wie Bob Rowen und Julie Lye zu Gruppenleitern. Doch er behielt immer den Überblick und versuchte Probleme schon im Ansatz zu erkennen.

Das Konzept für das Columbia-MEM nahm schnell Gestalt an.

Lee wollte etwas, das in den Augen des NASA-Prüfungsgremiums ohne großen Aufwand zu bauen war. Also basierte das MEM im wesentlichen auf der Konzeption, die Lee skizziert hatte, als er seinerzeit mit Ralph Gershon in die Mojave-Wüste hinausgefahren war. Das Gerät sah aus wie die Apollo-Kommandokapsel, ein neun Meter hoher Kegel mit einem neun Meter breiten Hitzeschild an der Basis. Die Ingenieure konzentrierten sich nun auf dieses Konzept. Das MEM mit der kegelförmigen, hitzebeständigen Hülle bestand in Anlehnung an die Mondfähre aus zwei Teilen: einer Landestufe für die Landung auf dem Mars, welche als Plattform für eine obere Aufstiegsstufe dienen sollte, die nach Abschluß der Mission in den Orbit zurückkehrte.

Lee schärfte seinen Leuten ein, sich mit Innovationen zurückzuhalten. »Ihr dürft euch austoben, wenn wir den gottverdammten Auftrag gewonnen haben, aber nicht vorher.« So ließ er zum Beispiel keine Änderungen an der äußeren Form der Kommandokapsel zu. Die Steigung des Kegels war schon vor Jahren in Windkanalversuchen des NASA-eigenen Arnes Laboratory ermittelt worden. Das Ergebnis hatte sich bei allen darauffolgenden Apollo-Missionen bewährt, und er würde nicht zulassen, daß einer von seinen Leuten es nun in Frage stellte.