Nach Lees erstem Entwurf sollte das MEM auf fünf teleskopartigen Beinen landen. Fünf aus dem Grund, damit das MEM auch beim Bruch eines Beins noch stabil blieb. Das Triebwerk der Landestufe, die Rakete, mit der das MEM die letzten paar Kilometer des Abstiegs zur Marsoberfläche bewältigen sollte, ragte aus der Grundfläche des MEM. Die Treibstofftanks waren um das Triebwerk herum gruppiert. Dann gab es noch Schächte für Oberflächenoperationen, die Platz für Luftschleusen und Ausrüstung boten. Ein Mars-Rover war auch noch an Bord.
Auf der Spitze der Landestufe saß ein kleinerer Kegel; die Kabine der Aufstiegsstufe. Hierbei handelte es sich um eine Glaskuppel, die eine Rundumsicht ermöglichen sollte. Während des Abstiegs zur Oberfläche und des Wiederaufstiegs in den Orbit würde die Besatzung sich in dieser Kabine aufhalten. Sie bot gerade Platz für vier Personen nebeneinander auf Beschleunigungsliegen. Allerdings waren die Liegen zusammenklappbar, damit die Piloten in der Lage waren, den Landeanflug im Stehen auszuführen.
Der Rest der Aufstiegsstufe bestand aus einem Zylinder, der auf der gedachten Hochachse der MEM-Landestufe aufgespießt war. Wenn die Aufstiegsstufe vom Mars abhob, würde sie wie ein Kojak-Lolli aussehen, sagte Lee sich, ein gläserner Lolli auf einem Stiel aus Treibstofftanks und einem Raketentriebwerk, der einen Kegelstumpf zurückließ: die versengte und geköpfte Landestufe.
Das war jedenfalls das Skelett der Marsfähre, und die Arbeitsgruppen formten es nun zu einem Körper, indem sie die Subsysteme entwickelten.
Das ECLSS12 war Jack Morgans Schöpfung. Es verfügte über Molekularsiebe für die Rückhaltung von Kohlendioxid und ein Filtersystem für die Wasser-Wiederaufbereitung. Die Energieversorgung wurde durch Brennstoffzellen für die Landestufe und separate, kleinere Zellen für die Aufstiegsstufe gewährleistet. Im Bereich Lenkung und Steuerung waren Trägheitsrichtgeräte vorgesehen sowie Radarsysteme für Rendezvous und Landung, weiterhin Steuertriebwerke und kardanisch aufgehängte Haupttriebwerke, um Schubvektorsteuerung zu ermöglichen. Was die Kommunikation betraf, so ragten Antennen aus den Konstruktionsmodellen der Aufstiegsstufe: S-Band für eine Bildübertragung zum Orbiter und eine Sprechverbindung zur Erde, VHF für Sprechverbindung zum Orbiter sowie Verbindungen von EVA zum MEM.
Lee hielt seine Leute an, überall Anleihen zu nehmen. Zum Beispiel bei den Details für die Subsysteme: sie bauten Brennstoffzellen ein, die schon bei der Apollo-Mondfähre verwendet worden waren, und von Gemini übernahmen sie ein L-Band-Rendezvous-Radar. Und was den Treibstoff betraf, sollte man da Stickstofftetroxid/Aerojet 50 nutzen, mit dem Grumman die Mondfähre befeuert hatte? Dieser Treibstoff war hypergolisch - das heißt, er zündete beim Kontakt mit dem Oxidator von selbst, wodurch ein separates Zündsystem überflüssig wurde -, doch hatte er auch einen geringen
Wirkungsgrad und war korrosionsfördernd, ganz zu schweigen von der toxischen Wirkung. Schließlich war das MEM kein Gefahrguttransporter. Es hatten auch Versuche mit Gemischen auf Fluor-Basis stattgefunden, waren jedoch nicht sehr weit gediehen, weil Fluor ein schwierig zu handhabender Stoff war. Was sollte man sonst verwenden?
Die Konstruktion wich immer mehr von Lees ursprünglichen Vorgaben ab.
Zum Beispiel diese Glaskuppel auf der Aufstiegsstufe. Sie hätte der Besatzung zwar ein horizontales Blickfeld von dreihundertsechzig Grad und ein vertikales von hundertfünfunddreißig Grad ermöglicht - als ob sie mit dem Hubschrauber zur Marsoberfläche hinabgeflogen wären. Wenn die Kuppel jedoch aus Verbundglas bestand, wäre sie zu schwer, und leichtere Alternativen wie Plexiglas würden sich im Sonnenlicht, dessen Einstrahlung auf den Mars besonders intensiv war und das zudem einen hohen UV-Anteil hatte, verfärben und spröde werden. Zumal, wie Jack Morgan sagte, zuviel Glas das Umweltüberwachungssystem überlasten würde. Also wurde die schöne Kuppel zugunsten kleiner, schießschartenartiger Sichtfenster gestrichen, wie sie schon von der Mondfähre bekannt waren.
Und die fünf Teleskopbeine wurden auf sechs erhöht, um dem Raumschiff mit der großen Grundfläche eine bessere Landedynamik zu verleihen. Um die Beine gegen übermäßige Belastungen bei der Landung zu schützen, wurde das Innere mit einem Wabenkern aus Aluminium ausgefüllt, der bei einem harten Aufsetzen gestaucht wurde und so die Kräfte neutralisierte.
Es war eine aufregende Zeit, geprägt von Pioniergeist.
Lee schenkte sich selbst auch nichts; er war ständig im Einsatz, kontrollierte den Fortgang des Projekts, bündelte Kräfte, verglich den Soll- mit dem Ist-Zustand und strich vieles, das er für unbrauchbar erachtete. Manchmal erinnerte er sich nicht mehr, wann er zuletzt geschlafen oder etwas gegessen hatte. Und manchmal war es nur der Druck in der Blase oder im Darm, durch den er sich seiner Daseinsform als Mensch überhaupt noch bewußt wurde.
Es war noch dunkel, wenn er morgens aus dem Haus ging, und schon dunkel, wenn er abends zurückkehrte.
Es war unglaublich. Er sah nicht einmal die blühenden Apfelbäume im Garten. Und seine Kinder - Bert und Gerry, beide im schulpflichtigen Alter - sah er kaum länger als für ein paar Minuten am Tag.
Jennine widmete er etwas mehr Zeit, doch den größten Teil der Freizeit verbrachte er mit Essen oder - falls er in der glücklichen Lage war, sich zu entspannen - mit Schlafen.
Wo er nun darüber nachdachte, machte er sich doch ein wenig Sorgen wegen Jennine. Sie hatte sich im Lauf der Jahre an sein gewaltiges Arbeitspensum gewöhnt. Obwohl sie nichts von Flugzeugen verstand und sich auch nicht dafür interessierte, schien Jennine doch zu begreifen, daß diese Hyperaktivität wie ein Strohfeuer war; sie würde nicht ewig anhalten, und dann hätte sie ihn wieder für sich allein. Für eine Weile zumindest.
Diesmal wirkte sie jedoch nicht so gelassen, obwohl er nicht genau wußte, was ihr zu schaffen machte.
Sie beide wurden eben älter, sagte er sich. Das war das eine. Und mit den Jungs hatte sie sicher auch alle Hände voll zu tun.
Der Druck, der durch das MEM erzeugt wurde, würde auch wieder verschwinden. Sie würde ihn zurückbekommen. Aber was, wenn wir gewinnen?
Dann wird der Druck eben nicht verschwinden. Nicht wahr, JK? Nicht vor 1986. Nicht bevor die Aufstiegsstufe vom Mars abhob und alles gelaufen war.
Doch wie immer mußte er wieder an die Arbeit denken und vergaß darüber alles andere.
Er verfolgte zwei Hauptziele. Das eine betraf die Einhaltung des Termins für die Angebotsabgabe, und das andere bestand darin, das Gesamtgewicht des MEM in dem Rahmen zu halten, der in der Aufforderung zur Angebotsabgabe spezifiziert worden war.
Zunächst beauftragte er Bella, eine Art Kalender zu erstellen, den er überall im Werk aushängte und ständig aktualisieren ließ. NOCH SECHSUNDVIERZIG TAGE BIS ZUR ANGEBOTSABGABE! UND ROCKWELL LIEGT NOCH IMMER VOR UNS! Lee war mächtig stolz darauf. »So einen Kalender hatten sie auch in When Worlds Collide. Erinnern Sie sich, Bella? Wo sie ein Raumschiff bauten, um damit die Erde zu verlassen?«
»Ja, Sir, JK.«
Das Gewicht stellte sie tatsächlich vor die größten Probleme.
Lee wußte aus Erfahrung, daß die Vorgaben der Lastenhefte in der Praxis kaum einzuhalten waren. Je intensiver die Ingenieure sich mit den Subsystemen beschäftigten, desto umfangreicher und komplexer wurden sie. Das ließ sich anscheinend nicht vermeiden. Also führte Lee fortan eine Liste mit Prognosen für das Gewicht aller Komponenten und Subsysteme.