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Jeden Morgen zitierte Lee die Gruppenleiter in sein Büro. Dieser Vorgang, den er >durch den Wolf drehen< nannte, war ihm noch vom Strategischen Bomberkommando geläufig. Exakt um sieben Uhr fünfundvierzig wurden die Türen verschlossen; die Stühle wurden an die Wand geschoben, und Kaffee gab es auch keinen, damit die Leute die Sitzung nicht als gemütliches Beisammensein mißverstanden. Dann legte jeder Mitarbeiter das Hauptproblem des Tages dar und präsentierte Lösungsvorschläge.

Auf diesen Sitzungen verteilte Lee Aufstellungen mit dem Gewicht aller Komponenten, aus denen hervorging, in welchem Maß die aktuelle Konstruktion den Grenzwert überschritt. Er verzichtete aber darauf, Gewichtsvorgaben für die einzelnen Subsysteme zu machen - es ging ihm nämlich um den optimalen Synergieeffekt für das gesamte Raumschiff -, doch hielt er seine Leute jeden Tag dazu an, das Leergewicht des Schiffs zu verringern.

Dennoch wurde das Gewicht nicht schnell genug reduziert, und bald wurde das Gewichtsproblem zu seiner Hauptsorge.

Es kam nicht darauf an, ob sie am Tag der Angebotsabgabe etwas über dem Grenzwert lagen. Wenn sie den Zuschlag erhielten, würde sowieso noch jede Menge Detailarbeit anstehen. Doch im Moment hatte es den Anschein, als ob das Columbia-MEM nicht einmal die groben Vorgaben erfüllte.

Die NASA hatte die Gewichtsbeschränkung verlangt, weil das Schiff die neue, auf chemischer Technik basierende Gravitationsschleuder-Systemkonfiguration aufnehmen sollte. Deshalb waren die Vorgaben viel stringenter als bei den früheren Entwürfen auf Nuklearbasis.

Insgeheim befürchtete Lee, daß sie vielleicht zu streng seien, als daß sie zu realisieren wären.

Durch eine Intervention von Lees engstem Verbündeten wurde dieses Problem schließlich akut.

Jack Morgan nahm Lee beiseite. Morgan machte ein langes und für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernstes Gesicht. »JK, ich glaube, wir stecken in Schwierigkeiten.«

Morgan unterbreitete Lee die Zahlen, die er für die Umweltüberwachungs- und Lebenserhaltungssysteme des MEM erstellt hatte. Er präsentierte ihm Daten, die bereits als Arbeitsgrundlage für Apollo gedient hatten und welche die Voraussetzungen definierten, unter denen ein Mensch für einen Tag auf dem Mars zu überleben vermochte: Nahrung,

Bekleidung, Luftvorrat, Entsorgung, Privatsphäre, EVA-Gebrauchsgegenstände.

» Sehen Sie hier. Und hier.« Morgan präsentierte Lee eine Reihe von Optionen mit unterschiedlicher Gewichtsverteilung der ECLSS-Elemente. »Es ist ausgeschlossen, vier Leute für dreißig Tage auf der Oberfläche am Leben zu erhalten. Das wären hundertzwanzig Mann-Tage. Es haut einfach nicht hin. Das ist eine Nummer zu groß für uns.«

Lee verspürte einen Anflug von Panik. Es hatte wirklich den Anschein, daß sie mit der Konstruktion überfordert waren.

Schlagartig wurde er sich des Schlafmangels bewußt, der nicht eingehaltenen Mahlzeiten und des Adrenalins, das er verfeuert hatte; er fühlte sich krank und ausgebrannt.

Komm schon, JK. Reiß dich zusammen. Wenn es für dich ein Problem ist, dann ist es auch eins für Rockwell, McDonnell und all die anderen Arschlöcher. Du mußt einen Weg finden, das in einen Vorteil für uns umzumünzen.

Morgan schaute ihn besorgt an. »Alles in Ordnung, JK? Sie sehen irgendwie.«

»Spielen Sie jetzt nicht den Doktor, Jack.«

»Mein Freund, so, wie Sie sich verschleißen, werden Sie eines Tages einen Doktor brauchen. Das ist mein Ernst, JK.«

»Sie sind also nicht imstande«, fuhr Lee unbeirrt fort, »hundertzwanzig Mann-Tage auf dem Mars zu erbringen. Na schön. Wieviel würden Sie denn schaffen?«

»Vielleicht fünfundsiebzig Prozent«, sagte Morgan nach einer Bedenkpause. »Sagen wir neunzig Tage.«

Scheiße. Weniger, als ich mir erhofft hatte. »Dann würden unsere vier Leute also für wie lange auf dem Mars bleiben -für dreiundzwanzig Tage?«

»Damit würde die Verweildauer auf dem Mars um ein Viertel verkürzt werden, JK. Ich glaube nicht, daß die NASA das akzeptieren wird.«

Lee schüttelte den Kopf. »Nein, wird sie nicht. Aber es muß noch einen anderen Weg geben«, sagte er nachdenklich. »Neunzig Manntage, ojemine! Und was, wenn wir nur drei Leute nehmen würden? Dann wären die dreißig Tage kein Problem.«

Morgan schüttelte spontan den Kopf. »Das ist unmöglich. In der Aufforderung zur Angebotsabgabe ist ausdrücklich von vier Leuten die Rede. Nachdem die NASA schon so viel Geld investiert hat, um ihre Leute zum Mars zu schicken, will sie vierundzwanzig Vierstunden-EVA-Zyklen ablaufen lassen. Sie wollen, daß jeweils zwei Leute sich jeden Tag so lange wie möglich auf der Marsoberfläche aufhalten. Sie wollen ein Schichtsystem mit einem >roten< und >blauen< Team.«

»Das >rote< Team und das >blaue< Team können sich mal gegenseitig im Arsch lecken«, sagte Lee unwirsch. »Das ist nicht der einzige Schwachpunkt in dieser beschissenen Aufforderung zur Angebotsabgabe.«

Lees Gedanken jagten sich.

Drei Leute anstatt vier. Wenn das möglich wäre, sagte er sich, hätte das Einsparungen zur Folge, die nicht nur auf die Vorgaben für das MEM selbst durchschlugen, sondern auf das ganze Programm. So müßten zum Beispiel nur drei Viertel des Lebenserhaltungssystems zum Mars und zurück befördert werden. Und dabei würde die Effizienz der OberflächenAktivitäten gar nicht oder nur geringfügig verringert werden.

Genau das würde er der NASA beweisen müssen!

Wenn er das schaffte, sagte er sich mit zunehmender Erregung, würden ihre Erfolgsaussichten sich deutlich verbessern.

Der Anflug von Panik verschwand, und Lee fühlte sich wieder stark und vital. Er verspürte einen erneuten Adrenalinstoß. Er packte Morgan am Arm. »Dann müssen wir uns nur noch überlegen, wie wir drei Personen in ein

Vierundzwanzigstunden-EVA-Schichtmuster integrieren. Hören Sie, Jack. Dieses Problem müssen Sie für mich lösen.«

Als Simulator war das kaum zu bezeichnen: es handelte sich lediglich um einen Raum im Raum, der von einem der größeren Columbia-Labors abgeteilt worden war. Er verfügte zwar über ein rudimentäres Lebenserhaltungssystem - Nahrung und Wasser -, doch war der Raum nicht von der Außenwelt abgeschlossen.

Aus dem Erste-Hilfe-Kurs, den Morgan bei Caltech leitete, heuerte er drei Leute an, die gegen Bezahlung für einen Monat dort ausharren sollten.

Jeden Tag absolvierten die Probanden ein simuliertes EVA: sie legten Übungs-Raumanzüge und mit Bleigewichten gefüllte Tornister an und simulierten Experimente auf der Marsoberfläche. Dann erklommen die Probanden eine Leiter, um die Rückkehr ins MEM zu simulieren und sich gegenseitig den Marsstaub in Form von Talkumpuder abzusaugen.

Die Teilnehmer experimentierten mit Arbeits- und SchlafRhythmen und versuchten, die Schichten auf der Oberfläche zu optimieren.

Die Versuchsanordnung war primitiv, aber effektvoll. Nach einem Monat waren die Probanden zwar etwas gelangweilt und ziemlich erschöpft, befanden sich jedoch in einem guten Allgemeinzustand. Ihre Kondition war sogar besser als zu Beginn der Simulation. Die Erschöpfung war normal; die richtige Besatzung hätte den ganzen Rückflug - sieben Monate

- Zeit, um sich zu erholen.

Morgan notierte das für Lee, und dieser war hochzufrieden mit den Ergebnissen. Nicht genug damit, daß seine Drei-MannIdee wie eine Bombe im Prüfungsausschuß einschlagen würde

- er würde ihnen auch detaillierte Vorschläge zur

Ablauforganisation des Marsaufenthalts um die Ohren hauen: Schichtzyklen, die Notwendigkeit, Arbeits- und SchlafRhythmen schon vor der Ankunft auf dem Mars festzulegen, die Definition von Erholungsphasen und so weiter.