Wie Phönix aus der Asche. Der Triumph schien zum Greifen nahe.
Während der Termin unaufhaltsam nahte, nahm Lee die ProbePräsentationen der jeweiligen Gruppen ab.
Allmählich entstand vor dem geistigen Auge ein Bild vom Ablauf der Ereignisse. Er, Xu, Rowen, Lye, Morgan und ein paar andere würden auf einem Podium in irgendeinem Hotel oder Konferenzzentrum einem Auftrieb von NASA-Ingenieuren gegenüb ersitzen. Sie würden sechzig Minuten haben, um ihr Konzept zu präsentieren.
Je länger er indes den Präsentationen lauschte, desto klarer wurde ihm auch, daß es keinen Sinn hatte, in einer Stunde fünf bis sieben Referenten vorzuschicken. Eine einzige Person mußte die gesamte Präsentation übernehmen und jeden Aspekt des Angebots abhandeln, jedes verdammte Subsystem. Die anderen würden sich in Bereitschaft halten, um Fragen zu den jeweiligen Fachgebieten zu beantworten.
Nun nahm er Unterlagen mit nach Hause - Manuskripte, Dokumente, Notizen - und lernte jeden Aspekt des Systems, das er vorstellen würde, auswendig. Er las das Zeug sogar noch im Bett.
Wenn Jennine dann aufwachte und irgend etwas vor sich hinbrabbelte, stellte er erschrocken fest, daß es schon vier Uhr morgens war oder zu einer anderen nachtschlafenden Zeit. In einer Stunde mußte er schon wieder raus. Mit neuem Fleiß an die gleiche.
Doch er war energiegeladen. Er glaubte es selbst nicht. Die Tage verflogen nur so. Er hatte das Gefühl, ihm wären Flügel gewachsen.
Schließlich stellte er sich ein Feldbett ins Büro. Damit hatte er wieder viel Zeit gespart.
Lee bekam einen Anruf von Art Cane.
»Ich mache mir allmählich Sorgen wegen der Kosten, die ihr mir verursacht. Wenn wir den Zuschlag nicht erhalten, geht uns der Arsch auf Grundeis. Was macht übrigens mein Zwei-Millionen-Etat?«
»Wir kommen damit hin, Art.«
Das war eine ausgemachte Lüge. Lee wußte nur zu gut, daß er die Zwei-Millionen-Grenze längst überschritten hatte und daß er am Ende das Drei- oder Vierfache benötigen würde.
Was Art in Lees Augen so liebenswert machte, war gerade auch sein Mißtrauen gegenüber elektronischen BuchhaltungsSystemen. Er bestand darauf, die Zahlen jeden Monat selbst schriftlich von Hand zu überprüfen und die Salden zu berechnen. Er analysierte und interpretierte sie mehr oder weniger von Hand. Wie zu der Zeit, als er die Firma gegründet hatte.
Deshalb hinkte Cane der aktuellen Entwicklung mindestens um einen Monat hinterher. Und wenn er ein wenig trickste, wäre Lee in der Lage, die Buchungen und Zahlungen um einen Monat hinauszuschieben, so daß er eine Gnadenfrist von insgesamt zwei Monaten hatte.
Das genügte Lee. In zwei Monaten wäre die Sache nämlich unter Dach und Fach. Wenn er den Vertrag erst einmal in der Tasche hatte, würde keine Krämerseele mehr nach den Kosten fragen. Und wenn er den Zuschlag nicht erhielt, würde Art ihm sowieso das Fell über die Ohren ziehen. Wie dem auch sei, das
Wichtigste war, daß er jetzt über die benötigten Ressourcen verfügte.
»Ich habe gerade einen Anruf von McDonnell-Douglas erhalten«, sagte Cane.
»Ach ja? Und?«
»Sie wollen gemeinsam mit uns ein Angebot für das MEM abgeben. Was halten Sie davon, JK? Ich möchte, daß Sie darüber nachdenken.«
Dann erging Cane sich in der Schilderung von Details.
Lee überlegte angestrengt.
Bei objektiver Betrachtung rangierte ein solches Angebot von McDonnell gleich hinter einem vergleichbaren Vorschlag von Rockwell. McDonnell hatte Mercury und Gemini gebaut, die ersten beiden Generationen bemannter amerikanischer Raumschiffe sowie die dritte Stufe der Saturn V. Dadurch empfahlen sie sich als gute und vertrauenswürdige Partner. Zumal Lee wußte, daß es zahlreiche Stimmen in der NASA gab, die mit Rockwells Leistungen bei Apollo unzufrieden waren und dies auch immer wieder zum Ausdruck brachten. Diese Fraktion innerhalb der NASA, die nach Lees Dafürhalten auch Vertreter in den Prüfungsausschuß entsenden würde, hätte gegen eine Wiederbelebung der bewährten Partnerschaft mit McDonnell sicher keine Bedenken.
Aus welchem Blickwinkel man die Sache auch betrachtete, sie hatte Hand und Fuß.
Lee fiel Cane ins Wort. »Kein Interesse«, sagte er.
Art Cane verschlug es die Sprache.
»Hören Sie«, sagte Cane schließlich. »Sie wissen, daß ich Ihnen diesen Handel nicht aufzwingen werde. Das ist nicht mein Stil, JK.«
»Das weiß ich, Sir. Aber es ist unsere Bewerbung. Scheiß auf McDonnell. Vielleicht engagieren wir sie später als Zulieferer. Wer braucht die schon?«
»JK.«
»Ich brauche Ihre Rückendeckung, Art.«
»Teufel, Lee«, sagte Cane in brummigem Baß, »Sie wissen doch, daß Sie meine volle Unterstützung haben. Lassen Sie mich aber bloß nicht hängen.«
»Sie wissen, daß ich Sie nicht hängen lasse, Art. Und nun gehen Sie aus der Leitung. Ich habe zu arbeiten.«
Montag, 6. Juli 1981
Trainingsgebäude für Raumflugbesatzungen,
Jacqueline B. Kennedy-Raumfahrtzentrum
Natalie York und Ralph Gershon saßen nebeneinander im Doppelkegel-Simulator Nummer Drei des Mars-ExkursionsModuls. York schwitzte im engen Druckanzug. Das Innere der MEM-Kabine war dem Original authentisch nachgebildet, doch von außen war dieser Bewegungssimulator eine ungeschlachte Maschine, deren schwere weißgestrichene Hydraulik die Kabine fast völlig verbarg.
»In Ordnung, Ralph, wir geben euch Zündung plus eins auf der Prüfanlage«, sagte der Leiter der Simulation.
York sah, daß die Leuchtplatten der Anzeigen, Meßgeräte und Skalen zum Leben erwachten. Zuckende Nadeln und flackernde Bildschirme zeigten Triebwerkstemperatur, Kammerdruck sowie Treibstoff- und Sauerstoffmengen an.
Gershon saß links, auf dem Pilotensitz, und York rechts neben ihm. Die großen rechteckigen, auf Augenhöhe eingelassenen Kabinenfenster vermittelten der Kabine den Anschein eines Flugzeugcockpits. Das grüne Glühen der Instrumentenbeleuchtung durchdrang die Kabine; York hatte förmlich den Eindruck, sich unter Wasser zu befinden.
Nun sah York rote Schlieren vor dem Fenster - eine simulierte Marslandschaft, lachsrosa und sanft geschwungen, füllte die Scheibe aus. Die Landschaft wirkte wie Form-Gips, der von einer computergesteuerten Kamera bestrichen wurde. Der Himmel war schwarz und sternenleer - wohl eine schlichte Leinwand. Orangefarbene Lichteffekte simulierten die Lichtreflexe der Schubdüsen des Doppelkegels in der dünnen oberen Marsatmosphäre.
»Die Brennphase war gut«, sagte der Versuchsleiter. »Die Restgeschwindigkeit beträgt dreißig Prozent, und das Nick-Manöver ist auch erfolgreich verlaufen.«
»In Ordnung«, sagte Gershon.
Anzeigen flackerten, und Akronyme liefen über den Monitor vor York.
»Wir haben den Resttreibstoff der vorderen Retros abgelassen«, meldete sie Gershon. »Rekonfiguration der OMS-und Reaktionssteuerungssysteme nach Brennschluß ausgeführt. Außenstromaggregat aktiviert. Zwei von drei APUs laufen. Das ist normal.«
Gershon betätigte einen Schalter. »Versuchsleiter, ich stelle beim künstlichen Horizont eine starke Abweichung von den Lage- und Bahndaten fest. Ich werde das Gerät manuell zentrieren. Haben Sie ein Problem damit?«
»Kein Problem, Ralph. Wir sind damit einverstanden.«
»Eintritts-Schnittstelle«, sagte York. »Wir sind in der Atmosphäre, Ralph. Hundertachtundfünfzigtausend Fuß. Nase um vierzig Grad nach oben gerichtet.«
» Schau’n wir mal, welche Überraschung sie nun für uns haben«, sagte Gershon.
»Du wirst allmählich paranoid, Ralph.«
»Sag nur.«
Nun rollte der Form-Gips schneller an den Fenstern vorbei.
»Reibungshitze«, sagte York. Die Sensoren zeigten an, wie die Unterseite des Raumschiffs sich erhitzte.