Die reliefartige Landschaft stand nun exakt über ihnen, und die virtuellen Krater und Canyons hingen wie ein rotes Dach über ihnen.
Mit Schrecken wurde York sich bewußt, daß erst ein paar Sekunden vergangen waren, seit das Problem zum erstenmal aufgetreten war. Sie hatten also eine Frist von ein paar Sekunden, um die Ursache eines möglicherweise komplexen und multiplen Störfalls zu ermitteln.
Unter diesen Voraussetzungen war es aussichtslos.
Wenn etwas schiefging, mußte man sofort aussteigen. Oder man würde sterben. Das war eine ganz einfache Gleichung.
»Ralph, wir müssen abbrechen.«
Gershon beachtete sie nicht, sondern arbeitete stur weiter.
Die Landschaft drehte sich weiter und kam sichtlich näher. Der überschallschnelle Doppelkegel drohte ins Trudeln zu geraten.
»Abbruch«, forderte sie Gershon erneut auf. »Mein Gott, Ralph, wenn wir erst ins Trudeln geraten, sind wir erledigt.«
Der vor dem Fenster wirbelnde virtuelle Marshimmel bewirkte in der Kabine ein regelrechtes Blitzlichtgewitter. Sie hatte die streiflichtartige Vorstellung einer Kamera auf einem Ausleger, der über Form-Gips rotierte.
Wenn das Wirklichkeit wäre, dann würde der Kopf gegen den Helm hämmern, und die Corioliskraft würde die Trommelfelle zum Platzen bringen. Wenn das Wirklichkeit wäre, würde das Schiff zerbrechen, und ich würde es vielleicht sogar noch bei vollem Bewußtsein erleben.
»MEM, wir empfehlen den Abbruch. Wir empfehlen.«
»Ralph! Mein Gott! Ralph!«
Die Kabine erzitterte, ein lautes Knirschen ertönte, und eine weiße Staubwolke wallte auf.
Die Landschaft erstarrte.
»Willkommen auf dem Mars«, sagte der Versuchsleiter trocken. »Wir berechnen gerade die Größe des Kraters, den ihr geschlagen habt.«
»Leck mich doch im Arsch«, sagte Gershon, nahm den Helm ab und schleuderte ihn durch die virtuelle Kabine.
Die beiden stiegen aus dem Simulator. Von außen sah er aus wie die Nase eines Flugzeugs, ein abgerissenes Cockpit, von dessen Rückseite Drähte und Kabel baumelten.
Die Techniker grinsten sie an. »He, Ralph, Sie haben die Kamera zerstört. Sie ist auf den Form-Gips geknallt. Was sagen Sie dazu?«
Gershon lachte nicht. Er drehte sich zu York um und wies mit einem behandschuhten Finger auf ihr Gesicht. »Das war der letzte Flug, bei dem Sie mir Befehle erteilt haben!«
Sie war eher belustigt als betroffen; solche Ausbrüche hatte sie schon öfter erlebt. Im Grunde kam sie mit Gershon ganz gut aus. Auf seine bärbeißige Art schien er sie bei solchen Übungen auch als gleichrangig anzuerkennen, obwohl er einmal ihr Ausbilder gewesen war. Dennoch platzte ihm des öfteren der Kragen.
»Befehle? Ich? Sie sind doch der Pilot, Ralph.«
»Dann vergessen Sie das auch nicht«, knurrte er und ließ sie stehen.
Phil Stone kam zu ihr. Er trug einen hellblauen Overall und hatte die Hände in den Taschen vergraben. »Sie dürfen das nicht persönlich nehmen.«
»Tu ich auch nicht«, sagte York achselzuckend und streifte sich die Handschuhe ab. »Gleich wird er die Techniker anpöbeln. Und dann den Versuchsleiter. Und dann Sie. bis hinauf zum Direktor der NASA. Ich war eben die erste. Er haßt es, zu versagen.«
»Er hat nicht versagt«, sagte Stone. »Dieser Störfall war nicht zu beheben.«
»Das Überschall-Trudeln.«
»Ich habe ein Buch über Überschall-Trudeln geschrieben«, sagte er. Doch sie vermutete, daß der Aufhänger irgendeine Kriegsgeschichte war. »Ich habe es mitbekommen. Aber zu diesem Zeitpunkt war ohnehin nichts mehr zu machen.«
»Was ist denn geschehen?«
»Wollen Sie denn nicht bis zum >Nachspiel< warten?« Das >Nachspiel< war die Abschlußbesprechung, bei der die Übung gnadenlos verrissen wurde.
»Eine kurze Zusammenfassung würde mir schon genügen.«
»Die Bugdüsen des Reaktionssteuerungssystems haben plötzlich gefeuert. In dem Moment, als ihr in die vierte Kehrrolle gegangen seid. Die Steuerflächen waren dem zusätzlichen Drehmoment nicht gewachsen.«
»Aber dieses Feuern wurde von den Instrumenten nicht angezeigt«, sagte sie nach einer Weile. »Zumal es völlig ausgeschlossen ist, daß das Reaktionssteuerungssystem zu diesem Zeitpunkt aktiviert wurde. Wir hatten nämlich den Resttreibstoff abgelassen.«
»Das glauben auch nur Sie.« Er grinste. »Eins nach dem andern, nicht?«
»Mein Gott.« Sie steckte die Handschuhe in den Helm. »Manchmal glaube ich, diese Kameraden wollen, daß wir versagen.«
»Nein. Aber ihr müßt, wenn es sein muß, hundertmal versagen, damit ihr es im entscheidenden Moment richtig macht. Aus diesem Grund seid ihr hier. Bei einer Simulation ist noch niemand ums Leben gekommen. Zumal es sich hier in erster Linie um eine Erprobung der bikonischen Konstruktion und nicht um einen Testflug für die Piloten handelte.«
York wußte, daß das stimmte. Die Doppelkegel-Simulation war nämlich so unbeliebt, daß nur ausgesprochene SimulatorFreaks damit arbeiteten, Leute, die um jeden Preis Zeit im Simulator schinden wollten, um eine bessere Plazierung im Rotationssystem zu erhalten.
Leute wie Natalie York und Ralph Gershon.
»Und ich glaube auch nicht, daß er jemals fliegen wird«, fuhr Stone fort. »Es gibt einfach zu viele Fehlerquellen. Der
Prozentsatz der Doppelkegel-Bruchlandungen, die in den Simulationen gebaut werden, ist ein Witz.«
»Leider sieht Ralph das nicht so.«
»Er ist vielleicht der Beste, den wir haben«, sagte Stone leise. Es wunderte sie, das ausgerechnet von Stone zu hören.
»Er hat nicht aufgegeben«, sagte Stone. »Er hat alles versucht, um das Schiff abzufangen. Wenn jemand imstande gewesen wäre, das MEM zu retten, dann er.«
»Sie haben sich übrigens auch ganz gut gehalten«, sagte er. »Ein Abbruch war die zweitbeste Option.«
»Und was war die beste?«
»Was Ralph getan hat. Kommen Sie mit.« Er klopfte ihr auf den Rücken. Den Druck der Hand spürte sie trotz des dicken Anzugs. »Vor dem >Nachspiel< spendiere ich Ihnen noch einen Kaffee.«
Sie verließen das Trainingsgebäude.
Mittwoch, 12. August 1981
Firmensitz von Columbia Aviation, Newport Beach
Am Abend vor der Präsentation flogen sie nach Newport News: Lee, Morgan, Xu, Rowen, Lye und all die anderen -sogar Art Cane, der beschlossen hatte, Lees Präsentation persönlich zu leiten und somit das Engagement der Firma noch einmal zu betonen.
Sie quartierten sich in einem Hotel in der Nähe von Langley ein, wo die Präsentationen stattfinden sollten. Morgan suchte die Bar auf und kippte sich hochprozentigen Rum hinter die Binde.
Lee indes ging mit Kästen voller Dias auf sein Zimmer.
Am Tag zuvor hatte er für Cane noch einmal eine ProbePräsentation durchgeführt und mit Schrecken festgestellt, daß er noch immer um fast zwanzig Minuten überzog. Deshalb wollte er nun noch ein paar Dias aussortieren.
Gegen halb vier Uhr morgens klopfte Jack Morgan an die Tür. Er war rappelvoll und machte einen Schnappschuß von Lee, der an einem mit Dias übersäten Schreibtisch saß. »Um Himmels willen, JK, lassen Sie den Mist liegen und gehen Sie ins Bett. Wenn Sie’s jetzt noch nicht drauf haben, dann schaffen Sie’s bis nachher auch nicht mehr.«
Lee fügte sich. Er räumte die Dias weg und legte sich ins Bett. Er machte sogar das Licht aus und lag im Dunklen da.
Doch hatte er die Dias deutlicher vor Augen, als wenn er direkt davor gesessen hätte.
Nachdem er vielleicht für eine halbe Stunde so dagelegen hatte, stieg er aus dem Bett, duschte und rasierte sich und ging wieder an die Arbeit.
Als der telefonische Weckdienst sich meldete, blickte er aus dem Fenster. Der Planet hatte sich weitergedreht, und es war wieder heller Tag.