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Eine halbe Stunde vor Beginn der Columbia-Präsentation ging Lee zur Rezeption hinunter, um sich mit den anderen zu treffen. Bob Rowen hatte einen klobigen tragbaren Computer dabei, im dem die ganze Columbia-Präsentation gespeichert war. Sie war segmentiert und mit Indices versehen, was Lee in die Lage versetzte, schnell auf jede Frage zu reagieren.

Lee begrüßte die anderen, wobei er versuchte, Zuversicht und Sicherheit auszustrahlen.

Doch plötzlich krampfte sich ihm der Magen zusammen. Gleich würde er sich übergeben.

Jack Morgan hatte Lee beobachtet und bugsierte ihn nun auf eine Toilette, wo er eine dünne, braune Flüssigkeit erbrach: das war der Kaffee.

Morgan sagte nichts, aber Lee wußte auch so, was er dachte. In den letzten zehn Wochen hatte er von Adrenalin, Kaffee und einem gelegentlichen Imbiß gelebt. Geschlafen hatte er in dieser Zeit fast überhaupt nicht.

Morgan sagte ihm, er solle die Hose runterlassen. Dann setzte er ihm eine Spritze mit Vitamin B-12 und noch einem Zeug. Aber es wirkte und brachte Lee wieder auf die Beine. Nach ein paar Minuten war er imstande, sich den anderen als Strahlemann zu präsentieren.

Sie betraten den Ballsaal, wo die Präsentation stattfinden sollte.

Die Mitglieder des MEM-Prüfungsausschusses saßen in mehreren Reihen gestaffelt vor dem Podium: es handelte sich um fünfundsiebzig hochrangige NASA-Vertreter.

Lee kannte viele der Kommissionsmitglieder vom Sehen. Er sah Hans Udet aus Marshall und Gregory Dana aus Langley -die Intimfeinde saßen stocksteif nebeneinander -, und dann ortete er Ralph Gershon, der sich im rückwärtigen Bereich des Raums plaziert hatte. Gershon nickte Lee grinsend zu.

Joe Muldoon saß in der Mitte der ersten Reihe. Er leitete die Sitzung. Obwohl Muldoon nun ein hohes Tier war, sagte Lee sich, stand der blaue Nadelstreifenanzug, in den er sich gezwängt hatte, ihm immer noch nicht zu Gesicht.

Im Raum knisterte es förmlich vor Spannung.

Als die Columbia-Truppe Platz nahm, ging die Gruppe, die vor ihnen an der Reihe war, nach vorn. Es war McDonnell, deren Angebot für eine Zusammenarbeit Lee abgelehnt hatte. Und zu McDonnells Partnern gehörte Hughes, die wiederum Columbias Avancen zurückgewiesen hatten.

Der Kontrast zwischen den beiden Gruppen stach Lee ins Auge. Der McDonnell/Hughes-Kader bestand aus dynamischen Männern im mittleren Alter, mit zurückgekämmtem Haar und souveränem Auftreten. Da war zum Beispiel Gene Tyson von Hughes, der wie eine ganze Parfümerie roch und den Eindruck machte, als ob er gerade der Titelseite eines Lifestyle-Magazins entstiegen sei. Lee hingegen hatte seinen eigenen Diaprojektor mitgebracht, und sein ganzer Rückhalt bestand aus Kollegen, die noch halbe Kinder waren, und einem Doktor mit einem Kater.

Lee hatte McDonnells Bericht bereits zu Gesicht bekommen. In diese Studie waren viele Millionen Dollar investiert worden. Sie basierte auf dem Doppelkegel-Konzept, einer Variante des Themas, mit dem auch Rockwell sich befaßte. Die Studie war fundiert und so umfangreich, daß niemand bei Columbia Zeit gefunden hatte, sie durchzulesen.

Tyson kam zu Lee herüber. »Ach, JK. Es überrascht mich, Sie hier zu sehen.«

»Wir sind zufällig vorbeigekommen«, sagte Lee. »Da haben wir spontan etwas zusammengewürfelt und wollen mal schau’n, was dabei rauskommt.«

Tyson lachte, klopfte Lee auf die Schulter und ging davon.

Nun schritt Art Cane gemessen und würdevoll zum Podium. Er war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er erläuterte kurz, weshalb seine Firma sich um diesen Auftrag bewarb, und erwähnte ihre Tradition und Unternehmensphilosophie.

Anschließend ging Lee nach vorn. Er lächelte die Leute im Gremium an und nickte ihnen zu. Nachdem er Cane kurz und förmlich die Hand gegeben hatte, stellte er sich ans Pult und rief das erste Dia auf.

Der Raum wurde verdunkelt und das Dia auf die Leinwand projiziert.

Donnerstag, 24. September 1981

Lyndon B. Johnson-Raumfahrtzentrum, Houston

Phil Stone und Adam Bleeker schauten sie unverwandt an.

Die drei befanden sich in einem Konferenzraum, den man dem Auswahlkomitee für die Ares-Landezone zur Verfügung gestellt hatte. Die Wände waren mit Abbildungen vom Mars förmlich tapeziert: Fotos des Mariner-Orbiters, Karten des Geologischen Instituts der USA, Falschfarbendarstellungen der Stratosphäre und geologische Karten. Die Tischreihen waren mit weiteren Grafiken, Bildern und Aktenordnern bedeckt.

York entrollte ein Plakat und heftete es über Karten und Fotos an die Wand. Es handelte sich um eine schlichte Vierfarbenkarte mit vielen Fähnchen.

»Der Mars«, sagte sie. »Mit allen Details, die Sie im Moment wissen müssen. Dies ist eine geologische Karte des Planeten, die auf der Grundlage von Mariner-Daten erstellt wurde.« Das stimmte allerdings nicht, denn diese Karte war Kinderkram und allenfalls geeignet, dem Betrachter einen groben Überblick zu verschaffen. Ganz nützlich, wenn man den Mars bombardieren will, aber für Studienzwecke völlig ungeeignet. »Also. Was fällt Ihnen auf?«

Stone grinste. »Ich sehe sieben kleine Sternenbanner und sieben kleine Flaggen mit Hammer und Sichel und zu jedem Fähnchen einen Kommentar.«

»Zu den Fahnen kommen wir noch. Zuerst widmen wir uns der Geologie. Beschreiben Sie einfach, was Sie sehen.«

Bleeker zuckte die Achseln. »Nord und Süd unterscheiden sich voneinander«, sagte er artig. »Die obere Hälfte der Karte ist rosa und die untere gelb. Mehr oder weniger.«

»Richtig. Die Geologie gründet sich auf die Prämisse, daß ein Planet weder eine homogene Kugel noch ein chaotischer Brocken ist. Ein Planet besteht aus einzelnen Stücken -sogenannten geologischen Einheiten. Jede Einheit wurde zu einer bestimmten Zeit auf eine bestimmte Art und Weise geformt. Sie hat drei Dimensionen, und wir Geologen sind immer bestrebt, unter die Oberfläche zu blicken und die dreidimensionale Struktur zu rekonstruieren, die sich der direkten Betrachtung entzieht. Die Beziehungen zwischen den Einheiten geben uns Aufschluß über die Altersstruktur, die Prozesse, die sie geformt haben und wie weit sie sich unter der Oberfläche erstrecken.«

Stone schaute verstohlen auf die Uhr.

»Widmen Sie mir auch Ihre volle Aufmerksamkeit, meine Herren?«

Stone und Bleeker sahen sich an wie ertappte Sünder.

»Sie tun nur Ihre Arbeit, Natalie«, sagte Bleeker in aller Gemütsruhe, »und wir sind froh, daß Sie den Ausschuß für die Auswahl der Landezone leiten.«

»Ich leite ihn nicht. Ich gehöre ihm nur an.«

»Wie auch immer. Aber während des einjährigen Flugs zum Mars werden wir uns nur mit diesem Kram befassen. Hat das nicht noch solange Zeit?« Wie immer klang Bleeker ruhig, überlegt, vernünftig und farblos.

Ein Jahr? Ja, aber ich werde euch nicht das Händchen halten oder Denkanstöße geben. Ich werde Lichtminuten entfernt sein...

Und dieser Kamerad würde voraussichtlich zum MissionsSpezialisten des Ares-Flugs ernannt werden. Mein Gott.

Phil Stone brachte Bleeker mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Machen Sie weiter, Natalie. Die Wissenschaft ist wichtig. Sie haben unsere Aufmerksamkeit.«

»In Ordnung«, sagte sie. »Die Sonden zeigen uns, daß der Mars zwei typische Landschaftsformen aufweist. Das gelbe Gebiet im Süden ist mit Kratern übersät und scheint sehr alt zu sein. Und der rosa Bereich im Norden besteht aus glatten, jungen Ebenen. Der Planet beult sich am Äquator aus, so daß der Großteil des Südens über Normalnull liegt und der Großteil des Nordens darunter.«

»Sie sagen >alt< und >jung<«, bemerkte Stone. »Was bedeutet das?«

»>Jung< bedeutet vielleicht eine halbe Milliarde Jahre. Die Ebenen sind vulkanischen Ursprungs - erstarrte Lava-Felder. Und das alte kraterübersäte Gebiet ist drei bis vier Milliarden Jahre alt. Fast so alt wie der Planet an sich.«