»Dann kommen wir zu den Flaggen«, sagte Bleeker. »Ich schätze, diese sieben Hammer-und-Sichel-Fahnen markieren die Stellen, für welche die Sowjets sich interessieren.«
»Ja. Sie haben recht.«
»Das wäre also geklärt«, sagte Stone gemütlich. »Werfen wir mal einen Blick auf die amerikanische Auswahl. Diese zwei weißen Streifen oben und unten auf der Karte - ich nehme an, das sind die Polarkappen.«
»Ja.«
»Aber ich sehe dort keine Flaggen.«
»Nein. Die hohen Breiten kommen für uns nicht in Frage.« Ein von der Erde anfliegendes Raumschiff würde automatisch in eine Parkbahn gehen, die ziemlich genau entlang des Äquators verlief. Wollte man aus dem Orbit ausscheren, um zu den Polen zu gelangen, würde das zu viel Energie kosten. »Aber das ist sehr bedauerlich, weil die Pole nämlich interessant sind.«
»Woraus bestehen die Kappen? Aus Wassereis?«
»Vielleicht. Der Orbit des Mars ist elliptischer als die Erdumlaufbahn, so daß es dort ausgeprägte Jahreszeiten gibt. Im Süden gibt es kurze, heiße Sommer und lange, kalte Winter. Zumal die Kappen vermutlich eine unterschiedliche Zusammensetzung haben. Wir glauben, daß die Kappe im
Norden aus Wassereis besteht. Aber die südliche Kappe besteht wahrscheinlich aus Kohlendioxid - also aus Trockeneis.«
»Die Pole geben uns viele Rätsel auf.« Sie durchquerte den Raum und trat vor die Vergrößerung eines Fotos. Sie zeigte ein dickes Band, das ein bräunliches Terrain durchzog.
»Was ist das?« fragte Bleeker. »Sieht aus wie geschmolzene Schokolade.«
»Bei diesen Bändern handelt es sich um neun bis zwölf Meter starke Ablagerungen, die sich auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern um die Pole ziehen. Sie bestehen aus einem Gemisch aus Staub und Eis, das von den Mars-Winden abgelagert wurde. Die Bänder sagen uns, daß der Ablagerungsprozeß variiert. Die Zyklen umfassen vielleicht Jahre oder sogar Jahrtausende. Was ist aber die Ursache für diese Variation? Es gibt drei mögliche Mechanismen. Zuerst die exzentrischen Änderungen des Marsorbits.«
»Wodurch ist das bedingt?« fragte Stone.
»Mars befindet sich viel näher am Jupiter als die Erde. Die Masse des Jupiter beeinflußt die Umlaufbahn des Mars. Oder vielleicht liegt es auch daran, daß die Achsneigung des Planeten sich ständig ändert.«
»Das wäre plausibel«, sagte Stone. »Die überschwere südliche Hemisphäre wirkt sich auf das Trägheitsmoment des Mars aus. Der Planet muß taumeln wie ein Spielzeugkreisel.«
Sie lächelte. »Zumindest in geologischen Zeitaltern.«
»Und was ist der dritte Mechanismus?«
»Daß die Wärmeleistung der Sonne aus irgendwelchen Gründen schwankt.«
Bleeker runzelte die Stirn. »Das müßte sich aber auch auf das Erdklima auswirken.«
»Das ist richtig. Und wegen dieser Schichtung sollten wir auch eines Tages zu den Polen fliegen. Der Mars ist wie ein staubiger Spiegel, Phil, Adam. Beim Blick in diesen Spiegel lernen wir gleichzeitig etwas über die Erde.«
Die beiden ließen sich das für einen Moment durch den Kopf gehen.
York war zufrieden mit sich. Selbst wenn sie ihnen nichts Neues erzählte, sondern nur ihre Selbstgefälligkeit ins Wanken brachte und sie zum Nachdenken über die Bedeutung des bevorstehenden Flugs anregte, hätte sie schon etwas erreicht.
Sie schaute wieder auf die Vergrößerung der Polarregion. Die Aufnahme war viel schlechter als die Bilder, die von moderneren Sonden übermittelt wurden und die sich auf die Kartierung der äquatorialen Landezone beschränkt hatten. Wegen der Besonderheiten des Mars-Programms wußte man paradoxerweise viel weniger über den Planeten, als man sonst vielleicht in Erfahrung gebracht hätte.
Und es lag in den Händen dieser beiden Männer, der Mission zum Erfolg zu verhelfen.
»Ich vermute«, sagte Adam Bleeker, »daß wegen der Probleme mit den hohen Breiten auch der Ort nicht in Frage kommt, den Sie so weit im Süden markiert haben, Natalie.«
»Vermutlich. Aber es gibt noch einen interessanten Ort. Amphitrites Patera - ein alter Vulkan, der viel älter ist als die Vulkanplateaus der nördlichen Hemisphäre. Wir wissen noch nichts Genaues über seine Entstehung. Vielleicht wurde der Vulkanismus durch die gewaltigen Einschläge ausgelöst, welche die massiven Einschlagkrater im Süden verursachten. Sie sehen diese senffarbenen Punkte im Mittelpunkt der südlichen Hemisphäre: das sind Argyre und Hellas - große Einschlagbecken, die über drei Milliarden Jahre alt sind. Hellas übertrifft alles, was wir bisher auf dem Mond entdeckt haben -es ist noch größer als beispielsweise das Mare Imbrium. In Hellas ist auch die sowjetische Mars 9-Sonde gelandet.«
Stone stieß einen Pfiff aus. »Das kommt also dabei raus, wenn man in nächster Nähe des Asteroidengürtels Quartier bezieht.«
Argyre war mit einem Sternenbanner markiert.
»Wollen Sie damit sagen, daß wir Argyre anpeilen sollen?« fragte Bleeker.
»Es wäre zumindest eine Möglichkeit. Argyre ist sehr alt und sehr tief. Aber die Becken sind von konzentrischen Kreisen -Bergketten - umgeben, die eine Landung erschweren würden.
Wie Sie sehen«, fuhr sie fort, »ist in der westlichen Hemisphäre am meisten los. Dieses purpurne Gebiet, das sich hinauf nach Norden erstreckt, ist der Tharsis-Buckeclass="underline" er erhebt sich im Durchschnitt mehr als acht Kilometer über das umliegende Terrain. Und bei diesen roten Punkten handelt es sich um die großen Schildvulkane.« Sie zeigte auf die entsprechenden Stellen. »Ascraeus, Pavonis und Arsia Mons; und hier, im Nordwesten, befindet sich Olympus Mons: am Fuß beträgt der Durchmesser etwa sechshundert Kilometer, und die Caldera hat immer noch einen Durchmesser von achtzig Kilometern. Olympus ist so hoch, daß er über die Atmosphäre hinausragt. Er ist von orographischen Wolken umhüllt, die dadurch entstehen, daß die Luft an den Hängen emporströmt.«
»Sicher«, sagte Bleeker, »aber ich habe gehört, daß Olympus von der Oberfläche aus betrachtet gar nicht so spektakulär sein soll.«
Sie zuckte die Achseln. »Schon möglich. Sehen Sie hier.« Sie suchte ein ganz bestimmtes Bild. Schließlich hatte sie es gefunden und gab es den Astronauten. Das Bild zeigte einen großen Vulkan aus der Vogelperspektive. Der Schlot wurde von einer scharfen, markanten Klippe umlaufen. »Das ist eine Computerdarstellung auf der Basis der Mariner-Daten. Der Blick fällt von schräg oben auf das Objekt.«
Stone wies auf die Klippe. »Wie hoch ist das?«
»Der Steilhang? Etwa fünf Kilometer.«
»Mein Gott. Eine fünf Kilometer hohe Klippe?«
»Glauben Sie’s oder lassen Sie’s bleiben.«
Beide Männer starrten auf das Bild der Klippe. Bleeker hob in gespielter Resignation die Hände.
Sie unterdrückte ein Grinsen. Astronauten waren leicht zu beeindrucken, wenn man es nur richtig anstellte.
»Wie ich sehe, haben Sie diese großen Vulkane auch mit Flaggen markiert«, sagte Stone.
»Ja. Olympus Mons ist der jüngste und gleichzeitig der größte. Die jüngsten Lavaströme auf dem Mars stammen von ihm. Aber Olympus ist etwa dreißig Kilometer hoch.«
»Zu hoch für eine Luftbremse«, sagte Bleeker. »Deshalb scheiden die anderen Tharsis-Vulkane wohl auch aus.«
»In Ordnung«, sagte Stone. »Östlich von Tharsis sehe ich einen gezackten blauen Streifen entlang des Äquators. Ich vermute, das ist das Mariner-Tal.«
»Ja. Valles Marineris. Die Schluchten sind viertausend Kilometer lang, sechseinhalb Kilometer tief und annähernd zweihundert Kilometer breit. Wir wissen jedenfalls, daß das Valles-System nicht durch Wasserkraft ausgewaschen wurde. Viele Canyons sind >Sackgassen<. Also ist auch kein Wasser hinein- oder herausgeflossen; vielmehr handelt es sich hier um eine geologische Verwerfung, wie etwa das Rift Valley in Afrika.«
»Es hat den Anschein, als ob das Tal eine Verlängerung des Tharsis-Buckels wäre«, sagte Bleeker.