»Natürlich weiß ich das. Aber es ist noch nicht vorbei.«
»Machen Sie Witze? Wir haben gerade den Abschlußbericht unterschrieben, um Himmels willen. Columbia hatte nie eine Chance.«
»Sie lernen schnell, mein Junge, aber Sie müssen trotzdem noch viel lernen. In diesem Spiel ist ein unterzeichneter Abschlußbericht erst der Auftakt für die Verhandlungen.«
»Was soll das nun schon wieder heißen?«
»Ich möchte, daß Sie etwas für mich erledigen.«
Ein paar Tage später flatterte ein langes Telegramm auf JK Lees schlachtschiffgrauen Schreibtisch.
Er rief Jack Morgan zu sich und schob ihm das Telegramm über den Tisch zu.
Morgan las den Text sorgfältig durch, wobei er Lee aus dem Augenwinkel beobachtete.
Absender des Telegramms war Ralph Gershon, einer der Astronauten im Prüfungsausschuß. Hauptsächlich handelte es sich um Fragen zu Columbias Angebot. Es ging ordentlich zur Sache, und die erste Frage war geradezu ein Hammer. Die Unternehmens-Geheimsprache lautete im Klartext: Wie sollte ein beschissener Haufen von Amateuren wie der von Columbia wohl die Entwicklung eines komplexen Raumschiffs wie des MEM auf die Reihe kriegen?
»Das war es wohl«, sagte Morgan und warf Lee einen Blick zu. »Wir sind draußen.«
Morgan hatte Lee noch nie so niedergeschlagen erlebt wie in den paar Monaten, die seit der Präsentation des MEM nun schon vergangen waren. Nachdem die Anspannung sich gelegt hatte und der Schlafmangel und die anderen Entbehrungen sich bemerkbar machten, war Lee in eine starke Depression verfallen. Zumal inzwischen ans Licht gekommen war, daß Lee den Etat überzogen hatte. Das hatte böses Blut in der Firma gemacht. Während der MEM-Übung hatte Morgan sich ernstliche Sorgen wegen des Raubbaus gemacht, den Lee mit seiner Gesundheit trieb. Ganz zu schweigen davon, was er seiner Familie zumutete. Nachdem die Sache mit dem MEM sich nun erledigt hatte, wußte Morgan, daß Lee verstärkt auf seine Gesundheit achten mußte. Vielleicht würde er mit Jennine sprechen, damit sie ihn zur Vernunft brachte.
Doch Lee lehnte sich gemütlich zurück. Er machte einen agilen, gelösten Eindruck und hatte wieder dieses Funkeln in den Augen, das Morgan als Signal für Lees Hyperaktivität zu deuten gelernt hatte.
»Teufel, nein«, sagte Lee nachdrücklich. »Haben Sie es noch nicht kapiert? Diese verdammte Nachricht besagt, daß wir nach wie vor im Rennen sind. Sonst hätten sie uns wohl kaum diese Fragen gestellt.«
»Und was werden Sie nun tun?«
»Ihnen die Antworten geben. Was sonst.« Lee hackte auf die Taste der Sprechanlage. »Bella. Ich möchte, daß Sie ein paar Anrufe tätigen. Trommeln Sie so schnell wie möglich die MEM-Gruppenleiter zusammen. Und buchen Sie für uns alle einen Flug nach Houston. Für - lassen Sie mich überlegen -zwei Tage.«
»Aber heute ist Sonntag, JK.«
»Sie fangen schon wieder mit Ihrem >aber aber aber< an«, sagte Lee. »Ich hatte Ihnen das doch schon einmal gesagt.«
»Ja, Sir, JK.«
Morgan war entgeistert. »Das ist doch nicht Ihr Ernst. Das hat es noch nie gegeben, daß ein Bewerber während des laufenden Auswahlverfahrens persönlich vorstellig wird.«
»Gibt es vielleicht ein Gesetz, wonach das verboten ist?«
»Gewiß ein ungeschriebenes.«
Lee zog die Augenbrauen hoch. »Das tangiert mich nicht mal peripher.«
Nach der Visite der Columbia-Delegation am JSC wurde die Beurteilung noch einmal revidiert, und die Vorsitzenden des Prüfungsausschusses leiteten das Angebot an Tim Josephson in Washington weiter.
In Anlehnung an das Bewertungsschema sprachen Muldoons Leute sich nach wie vor für Rockwell aus, nur daß Columbia inzwischen auf dem dritten Platz rangierte.
Der NASA-Direktor lauschte aufmerksam.
Dann bedankte Josephson sich beim Gremium und bat Joe Muldoon, Ralph Gershon und ein paar andere, noch etwas zu bleiben.
»Sagen Sie mir die Wahrheit«, verlangte er in einem Ton, den Gershon als leidenschaftslos und typisch bürokratisch empfand. »Gibt es noch andere Faktoren außer denjenigen, die vom Prüfungsausschuß berücksichtigt wurden und die ich bei meiner Entscheidung in Betracht ziehen sollte?«
»Teufel, ja«, sagte Muldoon. »Sie sollten sich das Angebot von Columbia noch einmal ansehen, Tim.«
»Und weshalb?«
»Weil es meiner Meinung nach in technischer Hinsicht am substantiellsten ist. In einigen Punkten ist es vielleicht noch etwas unausgegoren, doch unterm Strich ist es das fundierteste Angebot von allen. Die Hilfe kompetenter Zulieferer wird das organisatorische Handikap von Columbia auf jeden Fall neutralisieren.«
Gershon mußte ein Grinsen unterdrücken. Nachdem er Muldoon, Josephson und den Rest der Truppe in den letzten paar Tagen bei der Arbeit beobachtet hatte, war er zu dem Schluß gelangt, daß die Leitung einer Organisation viele Parallelen zum Fliegen eines Flugzeugs aufwies. Gewiß, man mußte die Instrumente im Blick haben; doch die Rohdaten, auch wenn man sie noch so gründlich interpretierte und analysierte, waren eben nur eine Einflußgröße von vielen. Wenn man Entscheidungen zu treffen hatte, bei denen es um Leben und Tod ging, mußte man sich letztlich doch auf den >siebten Sinn< verlassen, bei dem Daten, Erfahrung und das Gefühl für ein Schiff auf rätselhafte Art verschmolzen.
Und genau das taten Tim Josephson und Joe Muldoon nun, sagte er sich. Sie hatten das Gefühl, daß das Angebot von
Columbia das richtige war, und das bedeutete vielleicht in letzter Minute einen Sinneswandel zu JK Lees Gunsten.
Dennoch fiel es Josephson schwer, die Schlußfolgerungen der formalen Bewertung zu ignorieren. Vor zwei Jahrzehnten hatte Jim Webb sich schon einmal über die Empfehlung des Prüfungsausschusses hinweggesetzt, als er Rockwell den Zuschlag für Apollo erteilte. Und seitdem waren die Gerüchte über Korruption und geheime Absprachen nicht mehr verstummt.
Als Gershon nach Cape Canaveral zurückflog, hing die Sache noch immer in der Schwebe.
Lees Depressionen wurden immer schlimmer. Obwohl sein unorthodoxer Besuch in Houston erfolgreich gewesen war, besagten die Gerüchte aus Washington nur eins: daß Rockwell den MEM-Kontrakt bereits in der Tasche hatte. Teufel, sagte er sich, das war von Anfang an klar. Wie konnte ich mich überhaupt dazu versteigen, mitbieten zu wollen?
Am Tag nach der Rückkehr aus Houston - es war zehn Uhr morgens - schaute er aus dem Fenster des Büros. Er spielte mit dem Gedanken, nach Hause zu gehen und etwas Zeit mit Jennine zu verbringen. Und mit seinem Sohn Bert, dessen Baseball-Schulmannschaft an diesem Abend ein Spiel hatte. Vielleicht wäre es gut, wenn Lee sich mal wieder blicken ließe.
Dann rief Joe Muldoon an.
»Wäre es Ihnen möglich, heute nach Houston zu kommen?«
Lee war konsterniert. »Ich weiß nicht. Die Flüge.«
»Heute abend wäre gut. Ich würde mich freuen, mit Ihnen zu reden. Kommen Sie in mein Büro im JSC.«
Vielleicht wollte Muldoon es Lee persönlich sagen, auch wenn er deshalb extra nach Houston fliegen mußte.
Lee dachte an Bert und das Spiel. Diese Option erschien ihm attraktiver.
Er verständigte Bella und bat sie, ihm einen Flug nach Houston zu reservieren.
Er erreichte das JSC am späten Nachmittag. Während des Flugs und der Fahrt vom Flughafen hatte er sich seelisch und moralisch schon auf die Hinrichtung vorbereitet.
Muldoon führte ihn ins Büro und schloß die Tür. Dann gab er ihm die Hand und sagte grinsend: »Glückwunsch. Ich wollte es Ihnen persönlich sagen. Sie haben den Zuschlag für das MEM erhalten.«
Zum erstenmal im Leben verschlug Lee es die Sprache.
»Darf ich es meinen Leuten sagen?«
Muldoon schaute auf die Uhr, eine massive AstronautenBreitling. »Wir dürfen es nicht publik machen, solange die Börse noch geöffnet ist. ach, zum Teufel damit!«