Er fand keine Antworten. Im Rückblick fielen ihm tausend Dinge ein, die er hätte anders machen können. Doch hatte es keinen Sinn, sich zu quälen; im nachhinein war man nämlich immer schlauer. Er hatte sein Bestes gegeben, in jedem Abschnitt seiner Laufbahn.
Doch das war auch kein Trost. Es ist in meiner Schicht passiert.
Im Flur des Apartments, das er zur Miete bewohnte, hing ein kleines messinggerahmtes Foto. Es zeigte drei in Raumanzüge gehüllte Astronauten. Für Bert - In Ihren Händen.
Seger verließ die Wohnung nie, ohne einen Blick auf das Foto geworfen und die Inschrift gelesen zu haben.
Er machte ein katholisches Kirchlein ausfindig, das nur ein paar Blocks vom Hauptquartier entfernt war und besuchte es fortan regelmäßig. Er ging drei- bis viermal pro Woche zur
Messe. Das alte Ritual versetzte ihn zurück in die Kindheit und spendete ihm Trost.
Er war betroffen - geradezu schockiert - von der Armut im Umfeld der Kirche. Welch ein Kontrast zum wenige Blocks entfernten NASA-Hauptquartier. Und das in der Hauptstadt der reichsten Nation der Erde.
Allmählich wurde ihm bewußt, daß er sich schon zu lang im Schneckenhaus der NASA verkrochen und das einzige Ziel der Organisation, den Flug zum Mars, geradezu besessen verfolgt hatte. Er hatte Scheuklappen vor den Augen gehabt. Und das galt vielleicht auch für den ganzen Verein.
Er erinnerte sich, wie schockiert er wegen des Aufmarschs der Atomkraftgegner in Cape Canaveral gewesen war.
Die Welt außerhalb des JSC hatte sich weiterentwickelt. Seger hatte das Gefühl, daß der schützende NASA-Kokon zerfiel und er von einem grellen Licht beschienen wurde.
Er ging in die Bibliotheken und las alte Zeitungen durch -Blätter, von denen er damals nur die Sportseite und die Berichte über die NASA gelesen hatte. Bei der Betrachtung der körnigen Mikrofiche-Bildschirme glaubte er in eine lang zurückliegende Zeit einzutauchen. Doch das war die Welt, in der er gelebt hatte, die Geschichte seines Landes.
Seger kam es so vor, als ob die Vereinigten Staaten auseinanderfielen.
Das Land steckte in einer tiefen Rezession. Reagan verbreitete eine Art simplizistischen Optimismus. Seger hatte indes den Eindruck, daß die Kluft in der Gesellschaft immer breiter wurde. Amerika spaltete sich: diejenigen, die ohnehin schon im Überfluß lebten, rafften in blinder Gier immer mehr Geld zusammen, und die Armen - vor allem die Farbigen in den Innenstädten - gerieten in einen Strudel aus Drogen, Kriminalität, Obdachlosigkeit und fehlender Ausbildung.
Und dann sah Seger, daß Reagan auf der Talsohle der Rezession die Rüstungsausgaben massiv erhöhte. Und dazu gehörten auch Mittel für Atomwaffen. Im nächsten Jahr sollten Marschflugkörper in Mitteleuropa stationiert werden, obwohl sich in diesen Ländern starker Protest regte. Und hier hatte es noch stärkeren Protest gegeben, las er.
Die Menschen hatten wieder Angst. Ein Vertreter des Verteidigungsministeriums hatte die Bevölkerung auf die Schutzfunktion eines Bunkers im Garten hingewiesen, wenn die Bombe platzte. Man muß nur Klappspaten an die Leute ausgeben, und dann werden sie das schon schaffen.
Seger ging bis zum Störfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island zurück. Angesichts der - administrativen und technischen - Parallelen zwischen diesem Desaster und dem Zwischenfall mit Apollo-N lief es ihm kalt den Rücken hinunter.
Nachdem er solcherart seinen geistigen Horizont erweitert hatte, empfand er die Berichterstattung über die NASA auch als besorgniserregend. Die Äußerungen der Journalisten zeugten von Skepsis, Zorn, Verachtung und Ressentiments. Er erinnerte sich, daß Eisenhower vor einer weiteren Zunahme der militärischen und wirtschaftlichen Macht gewarnt - und sich damit gegen die Fortsetzung des Raumfahrtprogramms ausgesprochen - hatte, weil eine Technokrate dem Geist des individualistischen Amerika zuwiderlief. Wollte man der Nation diese Entwicklung aufzwingen, wäre das Scheitern schon vorprogrammiert. Dennoch war Kennedy dieses Risiko eingegangen. Und Seger hatte den Eindruck, daß das Land nun den Preis dafür zahlte.
Das Weltraumprogramm war, wie ihm nun bewußt wurde, die Wurzel allen Übels. Welchen Sinn hatte es überhaupt? Die viel beschworene Übertragung von Innovationen auf andere Bereiche war Makulatur, weil besagte Innovationen früher oder später sowieso erfolgt wären. Allmählich begriff er, daß die NASA nur aus dem Grund zum Mars fliegen wollte, um ihre Existenz zu rechtfertigen und die Personalstärke beizubehalten, die nach der Einstellung der Mondflüge nämlich viel zu hoch war.
Allerdings wäre die Verwendung des NASA-Etats für >irdische< Projekte auch sinnlos gewesen. Seger war sicher, daß das Geld irgendwo versickert wäre, ohne daß es einen konkreten Nutzen gestiftet hätte. Doch darum ging es auch gar nicht. Das Raumfahrtprogramm glich einer wuchernden Pflanze, die ihre gesamte Energie in eine marsrote Blüte steckte, während die Gesellschaft, in der sie verwurzelt war, vermoderte.
Das war einfach unanständig. Genauso wie das ehrgeizige zivile Nuklearprogramm und die Aufrüstung.
Nun war die Mars-Mission in Segers Augen fast schon Blasphemie.
Er spürte eine neue Klarheit der Gedanken, während er sich mit diesen Ideen befaßte. Eine neue Entschlossenheit.
Er wußte natürlich, daß das eine Auswirkung des Apollo-N-Traumas war. Dieses einschneidende Erlebnis würde ihn wohl für den Rest seines Lebens prägen. Vielleicht befand er sich sogar in einem leichten Schockzustand. Doch das war egal. An der Wahrheit gab es nichts zu deuteln, wie auch immer sie sich manifestierte, und er hatte nun das Gefühl, die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten. Zum erstenmal in seinem Berufsleben sah er das Weltraumprogramm aus der ungetrübten Perspektive eines Außenstehenden.
Diese neue Wahrnehmung empfand er als großen Trost.
Als er das nächstemal die Messe besuchte, fragte er den Priester, ob er die Predigt halten dürfe.
Zeitdauer der Mission [Tag/Std:Min:Sek]
Plus 313/11:33:22
313/11:33:22CDR . Ich für mein Teil möchte diese Fernsehübertragung nutzen, um unsere Dankbarkeit gegenüber all jenen zum Ausdruck zu bringen, die uns den Weg bereitet haben. Zunächst einmal waren es die Anstrengungen von geschichtlichen Persönlichkeiten, von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt, deren Leistungen es uns nun ermöglichen, einen Vorstoß in die Tiefen des Sonnensystems zu wagen. Dann danken wir dem amerikanischen Volk, das den Willen bekundet hat, dieses große Forschungsabenteuer fortzusetzen. Weiterhin danken wir vier Regierungen und Kongressen für den Mut, den Willen des Volkes in die Praxis umzusetzen. Es entspricht sicher der Wahrheit, wenn ich sage, daß Amerika nach den Mondlandungen fast eine Abkehr von der Raumfahrt vollzogen hätte. Politischer Mut und Weitsicht waren erforderlich, um uns dorthin zu bringen, wo wir heute stehen. Und wir danken der NASA und den Firmen, die das Raumschiff gebaut haben: die Saturn-Raketen, das
Missionsmodul, die Apollo und das MEM. Unser Flug zum Mars mag Ihnen wie ein gemütlicher Ausflug erscheinen. Ich möchte Ihnen versichern, daß das
Gegenteil der Fall ist. Die Saturn VB-Trägerrakete, die uns in die Umlaufbahn brachte, ist ein überaus kompliziertes Stück Maschinenbau. Jedes Teil hat perfekt funktioniert. Dieser Schalter, auf dem meine Hand liegt - ich hoffe, Sie sehen ihn -, hat allein auf dieser Schalttafel über dreihundert Gegenstücke, und in der Kommandokapsel und im MEM gibt es noch viel mehr. Dann gibt es Myriaden Unterbrecher, Hebel, Regelstäbe und sonstige Bedienelemente. Die MS-II, die große Raketenstufe am hinteren Ende der Ares-Mehrstufenrakete, hat bisher tadellos funktioniert; und das muß auch so bleiben, denn sonst kämen wir nicht mehr zur Erde zurück. Wir hatten bisher volles Vertrauen in die Funktionsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Ausrüstung, und wir vertrauen auch weiterhin darauf, daß die Ausrüstung sich bewährt. Doch das ist nur möglich, weil viele Menschen daran mitgearbeitet haben: die amerikanischen Männer und Frauen, die diese Maschinen in den Fabriken montiert haben. Die Mitarbeiter der Qualitätssicherung, die die Montage und die Erprobung nach der Montage mit äußerster Sorgfalt kontrolliert haben. Die Astronauten, die vor uns ins All geflogen sind und die Ares-Baugruppen im Orbit