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Schläuche führten vom großen, komplexen Startturm zur Rakete und versorgten beide Flüssigkeits-Raketenstufen mit Flüssigsauerstoff und Treibstoff. Anschließend wurden die zweite Stufe mit flüssigem Wasserstoff und die erste Stufe mit RP-1 - Kerosin - betankt. Dampffahnen wehten um den oberen Abschnitt der Rakete. Als sie sich schließlich auflösten, erkannte Udet das Glitzern von Eis auf dem Metall und der Isolierung.

Ein stahlblauer Himmel hing über der Rakete und der hitzeflimmernden Startrampe.

Udet wurde bei diesem Anblick warm ums Herz. Obwohl er schon viele Raketen gesehen hatte, betrachtete er solche großartigen Fluggeräte - diese heroischen Maschinen -, die von Menschenhand aus den Rohstoffen der Erde geformt worden waren und zu anderen Planeten geschossen wurden, noch immer mit kindlichem Staunen.

Zumal in diesem Fall das Gefühl der Ehrfurcht dadurch gesteigert wurde, weil er wußte, was der Stufe AS-5B04 in wenigen Sekunden widerfahren würde.

Udet schaute sich um. Joe Muldoon saß neben Dana auf der Bühne. Er leitete die Konferenz. Viele Führungskräfte der

NASA schienen anwesend zu sein, Delegierte aus Marshall, aus Houston und dem NASA-Hauptquartier, darunter Berater von Tim Josephson. Außerdem waren die Unternehmen stark vertreten, deren Systemkomponenten heute einer kritischen Beurteilung unterzogen wurden.

Auf der Tagesordnung stand eine Zusammenfassung des vorläufigen internen Berichts der NASA, der sich mit den Problemen beschäftigte, die vor einem Vierteljahr beim Start der Saturn VB-Stufe AS-5B04 aufgetreten waren. Die endgültige Version des Berichts hing davon ab, wie das Publikum und die NASA-Hierarchie auf den Inhalt der Kurzfassung reagierte.

Es herrschte eine Atmosphäre der Anspannung, Besorgnis und Resignation.

So kurz nach der Apollo-N-Tragödie bedeutete ein neues Desaster, der erstmalige Verlust einer Saturn, für die NASA selbst eine Katastrophe. Udet hörte das Gemurmel. Wem, zum Teufel, sollen wir es denn diesmal in die Schuhe schieben?

Dana begann mit seiner dünnen, brüchigen Stimme zu sprechen. Der ohnehin schon wie ein Ladestock dasitzende Udet versteifte sich noch mehr.

»Sechs komma sechs Sekunden vor dem Start wurden die mit Kerosin betriebenen F-IA-Haupttrieb werke der Saturn sequentiell gezündet und auf Vollschub hochgefahren, während die gesamte Struktur noch fest mit der Startrampe verbunden war. Der Schub der Haupttriebwerke drückte die SaturnBaugruppe gegen den Widerstand der Haltebolzen, mit denen sie an der Startrampe verankert war, nach oben. Als die Haltebolzen brachen, wurde der >Dehnung< der Rakete überhaupt kein Widerstand mehr entgegengesetzt.«

Auf der Leinwand hinter Dana wallten Wolken aus Rauch und Dampf an der Basis der Saturn-Rakete auf. Dann zündeten die vier Feststoff-Booster, und feurige Lohen schlugen aus den

Triebwerkstrichtern. Die Kamera wurde durch die akustische Energie, die von der Rakete erzeugt wurde, zu Schwingungen angeregt - weil der Film aber keine Tonspur hatte, lief die Startsequenz in gespenstischer Stille ab.

Das Bild erstarrte. Die Rauchwolken blähten sich nicht weiter auf, sondern verwandelten sich in scheinbar massive weißgraue Kuppen, die wie schmutziges Eis wirkten.

Die Gesichter der versammelten Menschen leuchteten im Schein des gefrorenen Raketenlichts.

Ein Zeiger wies auf einen verschwommenen weißen Fleck an der Grundfläche der MS-IC, direkt unter dem >A< der Aufschrift >USA< auf der Hülle des Zusatztriebwerks.

»Null komma sechs acht sieben Sekunden nach dem Start«, sagte Dana, »zeigen die fotografischen Daten das Ausströmen von Dampfschwaden aus der unteren Hülle der MS-IC, direkt oberhalb des Triebwerksverkleidung.« Dana blickte über die Schulter und rümpfte die Nase. »Das ist deutlich zu sehen. Die beiden Kameras auf der Startrampe, die das Leck normalerweise lokalisiert hätten, waren außer Betrieb. Aus Computeranalysen der Filme von anderen Kameras geht aber eindeutig hervor, daß der Dampf an der Stelle der MS-IC ausströmte, wo die Zuleitung vom Sauerstofftank den Treibstofftank verläßt.«

Die MS-IC enthielt zwei große kryogenische Tanks, wobei der Sauerstofftank sich über dem Treibstofftank befand. Mächtige Saugleitungen beförderten den Flüssigsauerstoff durch den Kerosintank in die fünf großen F-IA-Triebwerke an der Basis der Rakete, wo er dann entflammte. Dana wollte damit sagen, daß irgendein Problem an dieser Zuleitung aufgetreten sei.

Der Film lief erneut ab; diesmal in extremer Zeitlupe. Der Rauch wallte mit der Behäbigkeit eines Gletschers um die

Saturn auf. Weiße Pfeile zeigten auf die Dampf Schwaden an der Grundfläche der MS-IC.

»Von null komma acht drei sechs bis zwei komma fünf null eins Sekunden nach dem Start wurden drei weitere Stöße registriert. Die multiplen Stöße in dieser Sequenz traten mit einer Frequenz von vier Hertz auf, was ungefähr der Frequenz der strukturellen Belastungsdynamik und der daraus resultierenden Verformung der Rakete entspricht.«

Diese verdammte >Dehnung<!

»Sie sehen auch die rautenförmigen Schockwellenfronten im Abgasstrom der F-1A, ein weiteres Symptom für die Resonanz der Mehrstufenrakete. Drei komma drei sieben fünf Sekunden nach dem Start war der Dampf zum letztenmal unterhalb der Booster zu sehen. Dann vermischte er sich mit den Raketenabgasen und der Atmosphäre. Andere Dämpfe in diesem Bereich wurden als schmelzendes Eis von der Basis der MS-IC oder als Raketenabgase identifiziert, die sich in den Schalldämpfungs-Wasserbecken der Startrampe in Dampf verwandelt hatten.«

Nun lief der Film wieder mit normaler Geschwindigkeit ab.

Die Saturn kippte vom Startturm weg und drehte sich wie vorgesehen auf den Rücken. Udet erkannte zwischen den vier gleißenden Trichtern der Feststoff-Booster das fahle, fast unsichtbare Feuer der Kerosin-Sauerstoff-Haupttriebwerke.

»Zu diesem Zeitpunkt«, fuhr Dana fort, »meldete die Telemetrie erstmals eine signifikante Reduzierung des Brennstoffflusses zu den Haupttriebwerken der MS-IC.«

Das Bild erstarrte erneut. Das Publikum geriet durch den abrupten Abbruch des hypnotischen Flusses der Startsequenz in Wallung. Ein Pfeil wies auf die fünf Trichter des Haupttriebwerks.

»Das erste sichtbare Anzeichen für den Schubabfall beim Haupttriebwerk wurde auf einer Vergrößerung des Films achtundfünfzig komma acht acht Sekunden nach dem Start entdeckt. Auf dieser Darstellung ist es als Eintrübung der Abgaswolke des rechten Triebwerkstrichters der F-1A zu erkennen - genau hier.

Auf dem nächsten Bild des von derselben Kamera stammenden Films ist der Schubabfall bereits ohne Vergrößerung zu erkennen.« Der Triebwerkstrichter war dunkel angelaufen, und seine vier Pendants waren auch in Mitleidenschaft gezogen. »Ungefähr zur gleichen Zeit zeigte die Telemetrie eine Differenz zwischen den Drücken in den Brennkammern des Haupttriebwerks. Der Druck in der Kammer rechts außen war am niedrigsten; das war also die Ursache für die Abnahme des Brennstoffdurchflusses.

Zweiundsechzig Sekunden nach dem Start versuchte das Steuersystem die Kräfte zu kompensieren, die durch den uneinheitlichen Schub der Haupttriebwerke verursacht wurden.«

Der Film lief langsam weiter. Die Haupttriebwerke stockten oder erstarben, doch aus den Feststoff-Boostern schlugen unverändert feurige Lohen. Enorme Kräfte wirkten auf die Mehrstufenrakete ein, während die Booster den Ausfall der Haupttriebwerke zu kompensieren versuchten.

Eine Lageänderung der Mehrstufenrakete war für das bloße Auge zunächst nicht zu erkennen, doch Udet wußte, daß die Saturn zu diesem Zeitpunkt schon um ihr Leben kämpfte.