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Montag, 22. Februar 1983 Luftwaffenstützpunkt Ellington, Houston

Gershon ging mit dem Fliegerhelm unter dem Arm um das Trainingsgerät herum. Natalie York begleitete ihn. Ihr Haar wurde von der Brise zerzaust, und die Augen verbargen sich hinter einer Sonnenbrille.

Ralph Gershon konnte nicht an sich halten. »Das ist das MLTV? Heilige Scheiße«, sagte er.

Der Astronaut Ted Curval aus Phil Stones Erstbesatzung fungierte heute als ihr Vorgesetzter. »Sie üben heute am Marslandungs-Trainingsgerät Nummer Drei. Hammerhart, was?« sagte er grinsend.

Beim Marslandungs-Trainingsgerät handelte es sich um einen Gitterrohrrahmen auf sechs Landebeinen. In der Mitte sah Gershon eine nach unten gerichtete Düse, um die sich ein paar Treibstofftanks gruppierten. Die Düsen für die Reaktionssteuerung klebten wie metallische Beeren an den vier Ecken des Gitterrohrrahmens. Dann gab es noch zwei große Hilfsraketen, die ebenfalls nach unten gerichtet waren. Das Cockpit enthielt einen teilweise mit Aluminium ummantelten Schleudersitz. Auf eine Seite war mit großen Lettern ein NASA-Logo gepinselt; darüber befand sich eine schwarze, mit einer Schablone gezeichnete >Drei<. Das Ding war etwa drei Meter hoch, und die Füße beschrieben einen Kreis mit einem Durchmesser von fast vier Metern. Weil das Gerät nicht verkleidet war, hatte man einen freien Blick auf die Innereien: Düsen, Raketen, Treibstofftanks, Rohrleitungen, Kabelbäume und so weiter. Irgendwie wirkte das Ding obszön, als ob man ihm die Haut abgezogen hätte.

Im Licht der tiefstehenden Morgensonne warf der Vogel einen langen Schatten auf dem weitläufigen Rollfeld.

»Scheiße« betonte Gershon erneut und drehte sich zu Curval um. »Das Teil sieht aus wie ein Gerät aus einem abgefuckten Zirkus.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen«, sagte Curval. »Aber von allen Fluggeräten, die wir haben, kommt diese Kiste einem MEM am nächsten. Wenn Sie ein MEM fliegen wollen, mein Junge, müssen Sie lernen, mit diesem Ding klarzukommen.« Curval grinste fröhlich, lachte ihn geradezu aus.

Ted Curval war einer der Alten Köpfe. Er verfügte über das klassische Astronautenproficlass="underline"    als Marineflieger hatte er

angefangen, war später sogar als Ausbilder tätig gewesen und hatte inzwischen viel Weltraumerfahrung gesammelt. Also befand Curval sich im Auswahlverfahren für Ares gegenüber Gershon im Vorteil, zumal er bereits echte MLTV-Einsätze geflogen war. Wogegen Gershon es trotz aller Bemühungen und des Aufenthalts bei Columbia bisher nur in die stationäre Anlage von Langley geschafft hatte, wo ein MEM-ähnliches Modell an Trossen von der Decke hing.

Also gehörte Curval zu Phil Stones Besatzung und würde demnächst zum Mars fliegen. Und Ralph durfte als Zaungast zusehen.

Aber egal. Mit dem heutigen Tage würde Ralph Gershon seine Referenzen um MLTV-Erfahrung bereichern. Zum Teufel mit Ted Curval und all den anderen arroganten Arschlöchern.

Was Gershon betraf, so war die Sache erst entschieden, wenn der Vogel am 21. April 1985 von der Startrampe abhob.

Gershon stülpte sich den Helm über den Kopf und flankte in den Gitterrohrrahmen des MLTV. Geschmeidig glitt er auf den Sitz. »Toll. Paßt wie angegossen.«

Curval trat vor. »He, Gershon.«

Gershon schnallte sich gerade an. »Der Sitz ist ein Weber Null-Null, stimmt’s?«

»Kommen Sie da runter, Mann. Sie sind unvorbereitet. Sie dürfen nicht.«

»Und die Düse dort drüben ist ein General Electric CF-700-2V-Turbofan. Kommen Sie schon, Ted, ich kenne mich mit der Ausrüstung aus. Ich bin hergekommen, um das Ding zu fliegen und nicht, um mir Ihr Genöle anzuhören.« Er schaute auf die Steuerkonsole. Sie war mit ein paar Instrumenten bestückt, einem Monitor und zwei Kopfbügelmikrofonen. Wie bei den Simulationen.

Er blinzelte; die Augen schmerzten beim Blick ins grelle Sonnenlicht. Auf der Plexiglas-Windschutzscheibe sah er feine Linien, die dort eingeätzt waren - eine mit Zahlen versehene Strichplatte.

Plötzlich verstärkte der Schmerz sich. »Au.« Er schlug den Arm vors Gesicht. Die Augen juckten unerträglich und tränten obendrein.

»Zuerst«, sagte Curval trocken, »sollten Sie das Visier schließen. Sie werden von Wasserstoffperoxid eingenebelt, das aus den Steuerdüsen austritt. Wissen Sie wirklich, was Sie tun, Mann?«

Gershon klappte das Visier herunter und kniff die Augen zusammen. »Es ist mein Hals, den ich mir breche, Ted. Was kümmert Sie das denn?«

»Gut«, sagte Curval schließlich. »Gut, Sie haben gewonnen.«

Curval ging zusammen mit York zum Führungsfahrzeug und kletterte in den Aufbau. Wenig später hörte Gershon Curvals Stimme im Kopfhörer. »In Ordnung, Ralph. Wir bringen das MLTV nun auf fünfzig Fuß Höhe, umkreisen zweimal den Block und fliegen wieder nach Hause. Eine leichte Übung. Damit Sie ein Gefühl für das Gerät bekommen. Und dann erhalten Sie eine Augenspülung. Haben Sie das verstanden?«

»Sicher.«

Gershon aktivierte das Triebwerk, das hinter seinem Rücken aufbrüllte. Staub wurde vom Boden aufgewirbelt und legte sich auf das Helmvisier. Die Steuerdüsen spien Dampf, als ob es sich beim MLTV um eine Dampfmaschine handelte, um das Werk eines viktorianischen Ingenieurs, der seine Phantasie von einem Fluggerät Wirklichkeit hatte werden lassen.

Die Landebahn fiel nach unten weg. Der Steigflug war ebenso kurz wie rasant. Das MLTV hatte Ähnlichkeit mit einem geräuschvollen Aufzug.

»Juhuuu!« jubelte Gershon. »Jetzt geht die Post ab!«

Von den vier Pendants des MLTV Nummer Drei waren während des letzten halben Jahrs zwei Exemplare abgestürzt. Die Piloten hatten sich mit dem Schleudersitz gerettet. Die Absturzursache war bislang ungeklärt. Allerdings waren Senkrechtstarter schon aufgrund ihrer Konzeption instabil, weshalb man wohl eine gewisse Quote an Bruchlandungen einkalkulieren mußte. Die NASA hoffte indes, daß diese Abstürze kein Indikator für Konstruktionsfehler des MEM selbst waren. Wie dem auch sei, das MLTV mußte einer Flugerprobung unterzogen werden. Allerdings war niemand erpicht, sein Leben dafür zu riskieren, wo der Marsflug sich noch in weiter Ferne befand.

Niemand außer einer Person, die Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, um ins Auswahlverfahren zu kommen.

Nachdem Gershon das MLTV auf eine Höhe von knapp zwanzig Metern gebracht hatte, verlangsamte er den Aufstieg.

Das Funktionsprinzip des eigentümlichen Fluggeräts war klar ersichtlich. Es ritt quasi auf dem Abgasstrahl des Triebwerks. Stabilisiert wurde das Gerät durch die vier PeroxidSteuertriebwerke, wobei die am Rahmen montierten

Vernierraketen richtungsabhängig feuerten. Er mußte die Reaktionssteuerung nicht einmal betätigen, um das Fluggerät zu stabilisieren, weil die Raketen nämlich selbsttätig feuerten, mit klackenden Elektromagneten und zischenden Gasstößen.

Er experimentierte mit den Kontrollen. Das MLTV hatte eine Dreihundertsechzig-Grad-Gierkapazität, was bedeutete, daß das Gerät in beiden Richtungen um die Hochachse zu rotieren vermochte. Er jubelte, als die Welt sich um ihn drehte. Außerdem gab es eine Nick- und Rollkontrolle, was dem Gerät eine perfekte Manövrierfähigkeit verlieh. Jedoch wirkte der Schub der Triebwerksdüse nicht senkrecht nach unten, so daß er aufgrund der Abweichung von der Vertikalen Kapriolen über dem Rollfeld schlug.

»He, machen Sie langsam«, schrie Curval ihm ins Ohr.

.und genau so mußte man ein MEM auch fliegen. Doch er mußte aufpassen, nicht zu stark abzukippen, weil das MLTV sonst instabil wurde.

Das Licht der tiefstehenden Sonne blendete ihn. Die Augen tränten noch immer, wodurch das Ablesen der Instrumente erschwert wurde.

Etwa hundert Fuß über dem Boden kam er zum Stillstand und betrachtete das Führungsfahrzeug.