»Sie sollten lieber runterkommen und eine Augenspülung vornehmen lassen, Ralph«, sagte Curval.
»Wie lange reicht der Treibstoff der Kiste?«
»Vielleicht für sieben Minuten.«
»Und wie lange würde eine Landesequenz dauern?«
»Ralph.«
»Sagen Sie’s mir.«
»Drei, vier Minuten.«
Er sah auf die Uhr; er war erst seit zwei Minuten in der Luft. Noch reichlich Zeit.
Er zog das MLTV senkrecht hoch.
»Ralph, schwingen Sie Ihren Arsch hier runter!«
»Ich werde nur auf eine Art runterkommen, und zwar mit einem angetriebenen Abstieg.«
»Dafür sind Sie nicht ausgebildet.«
»Ich habe über fünfzig Simulationen gemacht. Kommen Sie schon, Mann. Ich weiß, was ich tue. Die Kiste läuft wie ein Uhrwerk. Ich möchte sie reinbringen.«
Curval hörte sich an, als ob er erstickte. »Gottverdammt, Sie Arschloch, wenn Sie das Gerät zerstören, werde ich Sie regreßpflichtig machen.«
Gershon grinste nur. »Sicher.« Was konnte Curval schon tun? - Nichts, solange Gershon hier oben war und Curval dort unten festsaß.
Gershon stieg auf dreihundert Fuß. »Ist das hoch genug, um den Abstieg einzuleiten?«
Er hörte, wie Curval nach Luft schnappte. »Suchen Sie den Knopf für die automatische Steuerungssequenz.«
Gershon fand den Knopf und drückte ihn. Der Schub wurde zurückgenommen, und das MLTV kippte ab. Dann brüllte das Triebwerk erneut auf, und das Übungsgerät stabilisierte sich wieder.
»In Ordnung«, sagte Curval. »Folgendes: das Geheimnis des MLTV besteht darin, daß es zwei unabhängige Antriebssysteme hat. Die Turbofan-Düse drosselt nun den Schub, um zwei Drittel Ihres Gewichts zu neutralisieren. Wenn alle Systeme ausfallen würden, würden Sie nicht einmal mit einem Drittel Ge fallen - wie auf dem Mars. Haben Sie das verstanden? Die Düse wirkt der Schwerkraft entgegen, um die Verhältnisse auf dem Mars zu simulieren.«
»Sicher.«
»Aber Sie fallen eben nicht, weil die beiden WasserstoffPeroxid-Hubraketen unter Ihrem Arsch gerade gefeuert haben, um Sie oben zu halten. Und mit Hilfe dieser Hubraketen, die das Landesystem des MEM emulieren, müssen Sie die Landung durchführen. Sie landen, indem Sie den Schub der Raketen drosseln. Sie gehen sozusagen auf dem eigenen Abgasstrahl runter.«
»In Ordnung.«
»Sie haben noch zwei Kontrollen, Ralph. Die Lageregelung zur Rechten und die Schubregelung zur Linken. Möchten Sie die beiden mal ausprobieren?«
»Sicher.«
Die Kontrollen kannte Gershon noch von den Simulationen. Die Lageregelung erfolgte mittels einer Rasterschaltung; beim Betätigen des Schalters feuerten die Bremsraketen, und das ML TV neigte sich in Schritten von jeweils einem Grad. Die Schubregelung bestand aus einem Kippschalter; wenn Gershon ihn umlegte, feuerten die Auftriebsraketen und verliehen dem MLTV eine Delta-vau von dreißig Zentimetern pro Sekunde.
Nach dem Übergang vom antriebslosen in den angetriebenen Flug verschlechterten die Flugeigenschaften des MTLV sich merklich; Gershon hatte den Eindruck, das Gerät steckte in einer viskosen Suppe. Wegen der effektiven Schwerkraft von einem drittel Ge mußte er den Vogel dreimal so steil runterziehen wie zuvor, um eine Bahnänderung vorzunehmen. Wenn er einmal in Bewegung war, ließ er das Trägheitsmoment wirken, bis er die nächste Bahnänderung vornahm. Das MLTV reagierte träge auf die Steuerbefehle. Er mußte sich das jeweils einfachste Flugmanöver schon im voraus überlegen.
Dieser Flug - das Balancieren auf einer Rakete - war schwieriger als erwartet, und auch schwieriger als alle Lagen, mit denen er bisher in den Simulationen konfrontiert worden war. Er mußte erkennen, daß die ganze fliegerische Routine, die er mühsam erworben hatte, in diesem Fall nutzlos war.
»In Ordnung, Junge. Sie haben einen Computer an Bord, auf dem nun ein PGNS-Programm abläuft«, verkündete Curval. Bei diesem PGNS-Programm handelte es sich um ein Lenkungs- und Navigations-Softwarepaket. »Als SimulatorExperte sind Sie gewiß befähigt, mit Hilfe des Computers zu landen. Sie müssen nur die Koordinaten eingeben und die Raketen feuern lassen.«
»Ich weiß Bescheid. Kommen Sie schon, Ted. Mir geht der Sprit aus. Lassen Sie mich das Ding runterbringen.«
»Gut. Zuerst peilen Sie durch die Windschutzscheibe einen Landeplatz an. Dann erscheint eine Zahl auf dem Bildschirm.«
Gershon schaute nach draußen und sah in einer Entfernung von vielleicht zwölfhundert Metern eine fette >Drei< auf dem Rollfeld. Er hielt es für angemessen, mit dem MLTV Nummer Drei mitten in dieser Markierung zu landen.
Mit der Lage- und Bahnregelung richtete er das MLTV auf, bis die Markierung auf der Strichplatte, mit der er das Ziel aufgefaßt hatte, mit der Zahl auf dem Computermonitor übereinstimmte. »Achtunddreißig«, meldete er Curval.
Das MLTV schwebte auf das Ziel ein. Das PGNS-Programm berechnete nun eine Flugbahn, die ihn zur >Drei< brachte beziehungsweise in eine Position direkt über ihr.
»Ich bin zwar kein Mathematiker«, sagte Curval, »aber die Grundlagen sollten Sie schon kennen, Ralph, um die Logik dieses Vorgangs zu verstehen.«
»Na schön.«
»Das PGNS basiert im Grunde auf dem gleichen System wie die alte Mondfähre. Zur Ausrüstung des MLTV gehören auch ein Computer und ein Radar, mit dem Sie den angetriebenen Abstieg bewerkstelligen. Der Computer ermittelt nun Ihre gegenwärtige Position und Geschwindigkeit sowie den ZielVektor - der dicht über dem Boden endet - und bestimmt eine schöne Kurve zwischen beiden Punkten, der Sie dann folgen. Alle paar Sekunden aktualisiert der Computer die Daten und berechnet eine neue Kurve. Wenn Sie dann die Strichplatte mit den Zahlen abgleichen, die auf dem Monitor ausgegeben werden, erscheint der berechnete Landepunkt direkt hinter der Markierung.«
»Ich habe verstanden.« Er glitt über das Rollfeld.
»Wollen Sie einen anderen Landepunkt wählen, betätigen Sie einfach die Lage- und Bahnregelung und richten das Fenster neu aus. Das PGNS führt dann eine Neuberechnung durch. Sie können die Lage- und Bahnregelung auch sperren und in den Gleitflug gehen. Und die Sinkgeschwindigkeit ändern Sie, indem Sie.«
»Ich weiß Bescheid, Ted. Ich.«
Nun schaltete Natalie York sich ein. »Ralph. Hier ist Natalie. Ich glaube, Sie sollten hochziehen.«
»Hä? Wieso denn?«
»Sie kommen zu schnell rein. Und zu niedrig.«
Er überflog die spärlichen Instrumente, ohne daß ihm irgendwelche Unregelmäßigkeiten aufgefallen wären. Es stimmte wohl, daß er schnell und niedrig reinkam, doch das war Absicht; er wußte nämlich, daß Curvals Gebabbel ihn viel Zeit gekostet hatte, und der Treibstoff wurde knapp. »Was ist Ihr Problem, York?«
»Ich befürchte, Sie überlasten das PGNS.«
»Kommen Sie schon. Hier oben läuft alles wie geschmiert.«
»So einfach ist es leider nicht, Ralph«, wandte sie ein und hielt ihm einen Vortrag über optimale Polynome, Kurven höherer Ordnung und anderen Kram, der Gershon zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus ging.
Er hörte gar nicht mehr hin.
Er schwebte über dem Rollfeld ein. Das PGNS arbeitete einwandfrei, und er mußte die Steuerung kaum betätigen.
Plötzlich überkam ihn das Gefühl, etwas Großes geleistet zu haben. Er hatte einen Erfolg zu verbuchen. Dazu bin ich also auch in der Lage, Ma. Ich habe eine weitere Sprosse auf der beschissenen Leiter zum Mars erklommen.
Er überließ die Landung der Automatik. Er hatte Curval gezeigt, was für ein toller Hecht er war und wollte seine Geduld nicht überstrapazieren. Vielleicht gelang es ihm, Curval zu überreden, das MTLV aufzutanken und ihn wieder hochzuschicken. Beim nächstenmal würde er versuchen, den Landeplatz ein paarmal zu ändern.
Diese große alte >Drei< füllte das Blickfeld aus, wobei sie aus seiner Perspektive spiegel verkehrt erschien. Sie wirkte leicht verschwommen durch den Staub, den die Raketen und Düsen aufwirbelten.