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Nun kippte das MLTV nach hinten, um die Geschwindigkeit aufzuzehren. Er überprüfte die Zahlen; die Daten auf dem Bildschirm änderten sich synchron mit der Peilung auf der Plexiglasscheibe.

Das MLTV sackte durch, als die Hilfsdüsen plötzlich den Schub drosselten.

Das war vielleicht doch etwas heftig.

York quatschte ihm noch immer die Ohren voll, wobei sie ihn beim Nachdenken störte. Er verfolgte die Flugbahn und versuchte, sich den Landepunkt bildlich vorzustellen.

Sie hatte recht - irgend etwas stimmte nicht. Er ging zu schnell runter.

Es verstrichen wieder ein paar Sekunden, während er auf eine Einflüsterung des Instinkts hoffte. Ja: die Flugbahn beschrieb eine enge Kurve, die den Boden vielleicht hundert Meter vor der >Drei< tangieren würde.

Was nun? Vielleicht funktionierte das PGNS nicht exakt, oder vielleicht mußten diese verdammten Strichplatten am Fenster neu kalibriert werden. Wenn er noch in der Luft zum Stillstand kam, das Ziel aber verfehlte, würde er es eben mit der abgefuckten Ausrüstung begründen.

Nur daß er nicht zum Stillstand kam. Die Hubraketen setzten aus, und er stürzte dem Boden entgegen.

York und Curval riefen etwas.

Er sah, wie der Boden förmlich unter ihm explodierte und eine hohe Auflösung mit einer unerfreulichen Detailfülle erlangte, wobei Schmutz, Staub und Unebenheiten im Beton das Licht der Morgensonne reflektierten.

Er drückte auf den Knopf, um die Automatik auszuschalten.

Er vergeudete erst gar keine Zeit mit dem Versuch, die Lage des MLTV zu korrigieren; statt dessen gab er Schub auf die Turbofan-Düse und zog das Fluggerät hoch. Er fühlte den Druck der Beschleunigung; knackige zwei Ge, die ihn davor bewahrten, den Beton zu küssen.

Er ging auf eine Höhe von vielleicht hundert Fuß. Dann drosselte er den Turbofan und legte eine weiche Landung hin.

York rannte auf das MLTV zu.

Techniker in weißen Schutzanzügen umringten das Gerät. Ralph Gershon war inzwischen ausgestiegen. Das Haar war vom Helm plattgedrückt worden, und das Gesicht war verschwitzt. Die Augen waren gerötet, was sie auf die Dosis Peroxid zurückführte, die er abbekommen hatte.

»Gershon, Sie Arschloch«, begrüßte Curval ihn. »Ich sagte Ihnen doch, wenn Sie das Gerät zerstören.« Curval baute sich vor Gershon auf. Die schaufelartigen Hände hatte er zu Fäusten geballt. Er schickte sich an, Gershon durchzukauen und auszuspucken.

In gewisser Weise war sein Zorn berechtigt, sagte York sich; wenn Gershon, dieser Tausendsassa, sich umgebracht oder ein eminent wichtiges Gerät wie das MLTV zerstört hätte, wäre das ein schwerer Rückschlag für das gesamte Programm gewesen. Also gelangte York zu dem Schluß, daß Gershon einen Anschiß brauchte und hörte sich das für ein paar Minuten an.

Dann trat sie vor und schob sich zwischen die beiden Männer. »Eigentlich«, sagte sie, »war es gar nicht Ralphs Schuld.«

Nun wandte der noch immer wütende Curval sich ihr zu.

»Es lag am Landeprogramm. Ich glaube, es ist mit einem Virus verseucht, Ralph. Es hätte Sie beinahe umgebracht.« Sie drehte sich zu Curval um. »Das beweisen wir, indem wir Ralphs Flugbahn ein paarmal in den Simulationen ablaufen lassen.«

»Was, zum Teufel, verstehen Sie denn vom Programmieren?« fragte Curval.

Sie seufzte. »Teuflisch wenig. Aber ich bin doch die verklemmte Streberin; erinnern Sie sich? Das ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber in Mathematik bin ich so bewandert, daß ich die Funktionsweise von Routinen wie dem PGNS kenne.

Sehen Sie.« Mit den Händen imitierte sie den Abstieg des MLTV. »Das PGNS versucht, zu jedem Zeitpunkt und unter Berücksichtigung der Geschwindigkeit eine ideale Kurve zwischen der momentanen Position und dem Ziel zu ermitteln. Zauberei ist das nicht. Nur Mathematik. Und die unterliegt nun mal Beschränkungen.

Die Kurven, die das Programm verwendet, sind Polynome. Kurven mit Schnörkeln. Je höher die Ordnung des Polynoms, desto verschnörkelter die Kurve. Die Anzahl der Kurven ist endlich; als ob man aus einer bestimmten Anzahl von Kurven eine Art Kennfeld zusammenstellen wollte. Je komplizierter die Daten sind, mit denen man das Programm füttert, desto verschnörkelter wird die Kurve, die aus den Datenpunkten resultiert. Soweit klar?«

»Und wieso ist das so schlimm?« fragte Gershon, wobei er sich dümmer stellte, als er war. »Und wieso muß ich darüber Bescheid wissen?«

Sie mußte an sich halten. »Weil das Programm nicht weiß, wo der Boden ist. Es ist schließlich kein menschlicher Pilot, Ralph, sondern ziemlich dumm. Die Leistung des PGNS beschränkt sich darauf, zwei Punkte im Raum durch eine Kurve zu verbinden. Wie die Kurve aussieht, interessiert das Programm nicht. Und wenn der Verlauf der Kurve Sie zufällig unter die Erde befördert und dann wieder an die Oberfläche.«

Curval stieß einen Pfiff aus. »Weil Ralph also tief und schnell flog.«

».war das PGNS nur in der Lage, Polynome höherer Ordnung zu berechnen. Eine Kurve mit lauter Schnörkeln.«

»Hubschrauber-Erfahrung«, murmelte Gershon. Dieser Gedankensprung verwirrte York. »Huh?«

»Hubschrauber-Erfahrung. Das ist ein schöner Vogel und leicht zu fliegen. Aber die Routine, die man als Pilot eines Flugzeugs erworben hat, nützt einem dabei überhaupt nichts.« Offensichtlich hatte er ihr nicht zugehört. Oder vielleicht hatte er sich aus ihren Ausführungen auch nur das herausgepickt, was er noch nicht wußte und hatte dann schon den nächsten Schritt auf dem Weg zum Mars gemacht. »Wenn das MEM solche Flugeigenschaften hat, befinden Leute mit Hubschrauber-Erfahrung sich im Vorteil. Das steht mal fest.«

»Und Sie verfügen wohl über derartige Erfahrung?«

»Nein. Aber das wird sich bald ändern.« Er klemmte sich den Helm unter den Arm und stapfte über das Rollfeld zum MLTV zurück. Der kleine Mann strahlte eine unerschütterliche Entschlossenheit aus.

Curval kratzte sich am Hinterkopf. »Was für ein Tag. Was für ein Arschloch.«

Schon möglich, sagte York sich. Aber auf mich wirkt er wie ein Arschloch, das schon bald zum Mars fliegen wird.

November 1983 Newport Beach

Als er das flache Feldsteingebäude betrat, das den Managern von Columbia als Büro diente, spürte Gershon sofort die gespannte Atmosphäre.

Das Abnahmezeugnis war ein Meilenstein in der Entwicklung eines Raumschiffs, der Moment, wo das Schiff offiziell die Vertragsbedingungen erfüllte und Eigentum der Regierung der Vereinigten Staaten wurde. Und weil Raumschiff 009 das erste für eine bemannte Mission konzipierte MEM war - für den D1-Flug, wo das Schiff die Raumtüchtigkeit unter Beweis stellen sollte -, stand Columbia Aviation unter einem enormen Erwartungsdruck.

Ein Dutzend hochrangiger NASA-Vertreter und etliche Leitende Angestellte von Columbia waren an dem Projekt beteiligt: Chaushui Xu, Bob Rowen, Julie Lye und andere. Leute, mit denen Gershon sich vertraut machen mußte.

Doch der Abnahmetest verzögerte sich.

JK Lee, der heute als Konferenzleiter fungieren sollte, war noch nicht am Arbeitsplatz erschienen. Dem Vernehmen nach hatte er sich schon seit Freitag nachmittag nicht mehr blicken lassen. Und nun war Montag morgen, und jeder wußte, daß Lee normalerweise auch am Wochenende arbeitete. Gershon war leicht beunruhigt. Das sah Lee überhaupt nicht ähnlich.

Gershon zapfte an einem der allgegenwärtigen Automaten einen Becher Kaffee und zog eine Tüte Erdnüsse.

Es war noch kein einziger Probeflug erfolgt, und das MEM-Programm krankte jetzt schon an Verzögerungen, Pannen und

Budgetüberschreitungen. Columbia geriet ins Kreuzfeuer der Kritik: von der NASA, vom Kongreß und von Zulieferern.