Das fertige SEP glich einem Stern mit vielen Zacken. Die Stromversorgung für das Radioisotop stand in der Mitte, und die Instrumente waren im Kreis darum angeordnet. Sie waren durch dünne orangefarbene Kabel miteinander verbunden. Das Seismometer war diese silbrige Farbdose. Ein stummelartiger meteorologischer Sensor ragte in die Luft - das SEP würde den Astronauten während des Aufenthalts auf dem Mars auch als Wetterstation dienen, und diese spinnenartige Skulptur mit einer Blattgoldauflage war ein Magnetometer. An der Vorderseite der Baugruppe waren zwei stereoskopische Kameras montiert. Gekrönt wurde das ganze Ding von einer filigranen S-Band-Antenne, die auf eine imaginäre Erde gerichtet war.
Die SEPs würden an mehreren Punkten aufgebaut werden, während die Astronauten die Traversen vervollständigten. Die SEPs würden noch Daten übertragen, lange nachdem Stone und seine Besatzung zur Erde zurückgekehrt waren. Sie wären eine Art Denkmal für die Mission. Und wo Stone nun auf die aus Sperrholz und Pappkarton bestehende Attrappe des SEP hinabschaute, war er stolz auf seine Leistung. Er hatte das Gefühl, einen Auftrag erfolgreich ausgeführt zu haben.
»In Ordnung, Natalie, das SEP ist installiert«, sagte er. »Was nun?«
»Rog. Gemäß der Checkliste müßte einer von euch nun das CELSS aufbauen und der andere Proben nehmen.«
»Ist es noch nicht Zeit zum Mittagessen?« fragte Bleeker mit kläglicher Stimme.
Stone lachte. »Ich tue dir einen Gefallen, Adam. Du baust das CELSS16 auf, und ich sammle die gottverdammten Proben.«
Sie trotteten zum MET zurück, und Stone saugte noch ein wenig von dem faden Tang aus dem Tornister.
Ich würde viel lieber die Olympiade gucken und mir ein paar kühle Bierchen reinziehen, sagte er sich. Doch dazu hatte er keine Zeit. Er hatte den Eindruck, daß er seit dem Eintritt in die NASA überhaupt keine Freizeit mehr gehabt hatte.
Stone half Bleeker dabei, den Bausatz des CELSS-Modells aus dem MET zu wuchten. Das CELSS war ein kleines aufblasbares Treibhaus. Verpackt hatte es die Form einer Scheibe. Stone und Bleeker legten die Scheibe auf den Boden, und Bleeker pumpte das Treibhaus mit einem Blasebalg auf. Bald hatte die Scheibe sich zu einer über einen Meter hohen Kuppel aufgebläht.
Dabei geriet Bleeker noch mehr ins Schwitzen. »Mein Gott, Phil, es ist eine Knochenarbeit, die verdammte Pumpe mit diesen Stiefeln zu betätigen.«
»Möchtest du vielleicht ein paar Steine einsammeln?«
»Nein, nein«, sagte Bleeker. »Dann bleibe ich lieber im Gemüsegarten.«
Er holte einen Aluminiumspaten aus dem MET und kratzte lustlos auf dem Boden herum. Später würde er einen kleinen Bewässerungsapparat in der Kuppel aufstellen und Setzlinge pflanzen - Sojabohnen und Kartoffeln. Das Konzept war, daß die Pflanzen durch die luftdurchlässige Hülle des Treibhauses die kohlendioxidreiche Mars-Luft aufnahmen und die Kunststoff-Kuppel einen Großteil der Sonnenwärme speicherte. Die - wenn auch spärlichen - Ergebnisse der sowjetischen Sonden besagten, daß im Marsboden außer Phosphor und Wasser alles enthalten war, was die Pflanzen zum Gedeihen brauchten. Also würde Bleeker den Boden mit einem entsprechenden Nährstoffzusatz anreichern.
Bei diesem CELSS handelte es sich nur um ein Experiment; der Anbau von Gemüse war bei der ersten Expedition nicht vorgesehen. Es sollte nur der Nachweis erbracht werden, daß Pflanzen überhaupt auf dem Mars gediehen, wobei diese Erkenntnisse dann als Grundlage für zukünftige Missionen dienen würden - und sogar für die erste ständige Kolonie, die allerdings noch in den Sternen stand.
Außerdem würde Ares ein Langfrist-Experiment mit der Bezeichnung ISPP17 mitführen. Die Besatzung würde Geräte aufstellen, die Sauerstoff aus verdichteter Mars-Luft zogen, sowie Wasserstoff und Sauerstoff aus unterirdischen Reservoirs. Falls es möglich war, den Treibstoff und den Oxidator für den Rückflug auf dem Mars zu produzieren, wäre man in der Lage, das Gewicht und die Kosten zukünftiger Schiffe um weit mehr als die Hälfte zu reduzieren.
Stone brach in nördlicher Richtung auf und zog das MET hinter sich her.
»In Ordnung, Natalie. Ich verlasse nun diese Lößschicht und betrete etwas, das wie ein Kiesbett aussieht. Ich sehe
Schichten. Stromlinienförmige Rillen. Es sieht so aus, als ob hier Wasser geflossen wäre.«
»Wieso nimmst du nicht ein paar Proben?« rief York.
»Rog.«
Er suchte eine halbwegs ebene Stelle aus und stellte das Kalibrierungs-Gnomon auf. Dann ging er um das Gnomon herum und fotografierte es von allen Seiten. Anschließend führte er die mechanischen Tests durch. Er drückte eine unter Federspannung stehende Platte auf den Boden und trieb eine zylindrische Sonde in den Boden. Die Bodenprobe steckte er in einen Zerkleinerer, der wie ein Nußknacker aussah. Die Daten gab er sofort an Natalie York durch.
Nachdem er die Stelle gründlich dokumentiert hatte, nahm er Oberflächenproben. Er löste das Material mit Zangen, Rechen und Schaufeln und versuchte, mit dem Hammer ein Stück aus einem Felsen herauszubrechen.
Die Landschaft erstaunte Stone. Er machte nun schon seit einem Jahr allmonatlich eine geologische Exkursion und war inzwischen recht bewandert in dieser Disziplin. Doch eine solche Landschaft hatte er noch nicht gesehen.
Das EVA-Training fand überwiegend in den hochgelegenen Wüsten im Westen der USA statt. In Nevada waren anderthalb Quadratkilometer Wüste so hergerichtet worden, daß sie der Marsoberfläche aus der Perspektive der sowjetischen Sonden entsprach. Man hatte sogar eine Attrappe der MEM-Landestufe aufgestellt. In einem Schacht des MEM befand sich ein MarsRover in Originalgröße, der auch über alle Funktionen des echten Geräts verfügte. Das war mal eine Simulation nach Stones Geschmack: in einem Rover mit Allradantrieb durch ein Gelände zu brettern, das die Illusion einer Marswüste vermittelte.
Doch wußte er immer noch nicht, worum es heute überhaupt ging. In welchem Zusammenhang stand diese Gegend im
Staate Washington, durch die sie diesen beschissenen Golfwagen der Apollo-Klasse zogen, mit den Lagen, die sie vielleicht auf dem Mars bewältigen mußten?
Nach einer guten halben Stunde hatte er das MET mit sorgfältig ausgewählten und ebenso wertlosen Proben des Staates Washington vollgeladen. »In Ordnung, Natalie, ich glaube, wir sind hier fertig.«
»Gut gemacht, Phil. Wir machen noch einen Spürhund aus dir. Aber ich habe noch immer nichts von der Morphologie des Geländes gehört.«
Er stieß ein Knurren aus und wischte sich mit der staubigen Hand den Schweiß von der Stirn. »Gönn mir mal ‘ne Pause.«
»Komm schon, Phil. Wenn ein Geologe sich ein umfassendes Bild von einem Ort machen will, genügt es nicht, nur Proben zu nehmen. Das müßtest du eigentlich wissen. Sag mir, was du siehst.«
Stone setzte sich wieder in Bewegung. Der Tornister drückte auf die Schultern, doch bei näherer Betrachtung erkannte er nun ein Muster, eine Logik, die der Formation der Landschaft zugrunde lag. Über dieser Erkenntnis vergaß er die Unbilden des Marschs.
»Ich sehe unterschiedliche Merkmale: nackten Fels,
Sedimente und Ablagerungen. Rückstände von fließendem Wasser.«
»Gut.«
»Das Land ist ziemlich wertlos. Ist vielleicht noch als Weideland zu gebrauchen; hier wächst nicht viel, und auf dem nackten Fels gedeiht schon gar nichts. Das Gestein ist wohl Basalt. Vulkanischen Ursprungs. Die Makroformen im Fels sind überwiegend Kanäle. Die Kanäle verlaufen gerade: es gibt kaum Krümmungen. Sie sehen wie verbreiterte und vertiefte Flußbetten aus. Vielleicht durch Vergletscherung? Große