Eiszungen haben Täler gegraben, vertieft und das Erdreich bis auf den Fels abgetragen.«
»Laß die Spekulationen, Phil. Die gottverdammten ApolloAstronauten haben auch die ganze Zeit spekuliert und die Leute nur verwirrt. Beschränke dich auf Beobachtungen.«
»Sicher.« Testpiloten auf dem Mars, die sich noch dazu in Spekulationen ergingen - Natalies schlimmster Alptraum. »Ich sehe Anzeichen von Kanal-Anastomose. Und isoliertes Hochland zwischen den Kanälen.«
Der beim CELSS wartende Bleeker schaute skeptisch auf. »Anasto-was?« rief er.
Stone stellte sich Yorks Gesicht bei dieser Bemerkung vor. Daß Bleekers Kenntnisse in Geologie recht dürftig waren, wunderte ihn nicht. Der Mann stand unter starkem Druck; Bleeker nahm nämlich nicht nur an Exkursionen wie dieser teil, die als flankierende Maßnahme für die Lande-Mission dienten, sondern er bereitete sich auch auf die D1-Mission im Erdorbit vor, die im nächsten Monat stattfinden sollte.
Andererseits müßte Bleeker das doch wissen, sagte Stone sich; schließlich war er als Oberflächen-Spezialist für die Lande-Mission auserkoren.
»Anastomose, du Arschloch. Das steht alles in deinem Geologiebuch für Kinder im Vorschulalter. Wo ein Kanal sich verzweigt und einen Durchstich zu einem anderen Kanal geschaffen hat. Sieh mal, wie die Kanäle dort drüben sich verzweigen und wieder vereinigen. Und schau mal dorthin, zu diesem isolierten Hochland. Es ist von den neuen Kanälen abgetrennt worden.«
Das isolierte Hochland glich einem steinernen Tisch, der mitten in der Ebene stand.
»Ja. Ich sehe es. Und wodurch wurde der Durchbruch verursacht?«
»Phil.«
»Schon gut, Natalie. Stell mir nicht solche Fragen, Adam. Ich soll doch nicht spekulieren.« Handelt es sich vielleicht doch um Vergletscherung. Muß so sein. Was, zum Teufel, hätte die Landschaft sonst so verwüsten sollen? Ein Lavastrom vielleicht?
»Weitere Makroformen?« fragte York.
Stone erklomm einen Felsen, wobei ihm der schwere Tornister gegen den Rücken schlug. Er ließ den Blick schweifen. »Noch mehr Hochland, das aus den Sedimenten gefräst wurde. Es sieht aus wie.«
»Wie?«
»Glatt. Stromlinienförmig.« Wie Inseln in einem ausgetrockneten Fluß. »Dann sehe ich noch Kiesbänke. Sie sind vielleicht sechs bis neun Meter hoch. Sehen aus wie Sandbänke. Sie scheinen hinter Löß oder Fels aufzutreten. Wie Schwänze. Der Fels weist Kanäle auf. In Längsrichtung. Die Kanäle verlaufen an den Inseln und Kiesbänken vorbei.«
Er erreichte ein Bett mit Lehm und Sand. »Hier ist noch mehr Löß, glaube ich. Ich sehe.«
»Was?«
»Wellen. Erstarrte Wellen im Löß. Wie kleine Dünen. Die Dünen sind geschichtet. Sieht aus wie ein ausgetrockneter Fluß.« Er ging über den Fels. »Ich sehe Narben im Gestein. Kreisförmig, ein paar Zoll tief, Breite von dreißig Zentimetern aufwärts. Bogenkanten, glaube ich.« Von Steinen geschlagen, die von der Strömung mitgerissen wurden. »Der Abschnitt sieht aus wie ein Flußbett«, sagte er. »Ja. Das ist die Topographie eines ausgetrockneten Flußbetts - allerdings vergrößert. Kanäle, Bänke und Inseln. Geformt von fließendem Wasser im großen Maßstab.«
Aufgeregt schaute er sich um; mit einemmal sah er die Geologie mit anderen Augen - mit Natalie Yorks Augen: die tief eingeschnittenen, durchbrochenen Kanäle, die mächtigen
Lößablagerungen, die isolierten Inseln. »Mein Gott. Ist es das, Natalie? Ist es das, was du uns zeigen wolltest? Wurde diese Gegend von einer Flut geformt?«
»Du spekulierst schon wieder, Stone.«
»Ach, komm schon, York.«
»In Ordnung. Du hast recht, Phil. Jedenfalls ist das die bevorzugte Hypothese.«
Bleeker wandte sich vom halb fertigen CELSS ab und ging zu Stone hinüber. »Was ist?«
»Im späten Pleistozän - vor vielleicht zwanzigtausend Jahren - waren große Teile Idahos und West-Montanas von einem großen See bedeckt. Er hieß Missoula und hatte eine Ausdehnung von vielen tausend Quadratkilometern. Begrenzt wurde der See von einem Eisdamm. Schließlich brach der Damm, und eine riesige Flutwelle wälzte sich über dieses Gebiet. Dutzende Millionen Kubikmeter pro Sekunde, vielleicht das Tausendfache der Fracht des Amazonas.«
»Mein Gott«, sagte Stone.
»Ja. Die Flüsse vermochten die Wassermassen nicht mehr aufzunehmen und traten über die Ufer; die Täler wurden verbreitert und vertieft, und es entstanden Hunderte von Querverbindungen zwischen den Kanälen, wobei das Erdreich bis auf den Fels abgetragen wurde. Auf einer Fläche von vielen tausend Quadratkilometern wurden die Oberflächen-Strukturen vernichtet und der Basaltuntergrund freigelegt. Und eine vergleichbare Fläche wurde unter Ablagerungen begraben.
Zurück blieben Hunderte in den Fels gefräster Katarakte, Becken und Canyons sowie Spitzkuppen, Hochland und über zehn Meter hohe Kiesbänke.
Dies ist das Scabland, Phil. Es gibt nur wenige Gebiete auf der Erde, wo die Auswirkungen großmaßstäblicher, katastrophaler Überflutungen so deutlich zu sehen sind.«
Bleeker schob die Pilotenhaube zurück und kratzte sich am blonden Schopf. »Das ist faszinierend, Natalie. Aber ich wüßte nicht, was das mit uns zu tun hat.«
»Gut. Phil, ich habe dir noch einen Stapel Fotos gegeben. Sie sind in der linken Seitentasche von Adams Tornister.«
Stone kramte in Bleekers Tasche und brachte einen mit Folie umhüllten Stapel mit Schwarzweiß-Fotos zum Vorschein. Er schaute sie sich an und zeigte sie dann Bleeker.
Kraterüb er säte Ebenen: die Bilder stammten offensichtlich vom Mars. Doch hier war ein Kanal, der tief in ein Gelände eingeschnitten war, das wie die rauhe, uralte Landschaft der südlichen Hemisphäre aussah. Hier war ein Kraterkomplex, der von Anastomose-Kanälen durchzogen wurde. Hier war ein Krater mit einer stromlinienförmigen Insel, die wie eine Kiesbank aussah; und >flußabwärts< vom Krater gab es Erosionsmarken, die parallel zur Insel verliefen.
Stone wußte nicht so recht, was er damit anfangen sollte. »Willst du damit sagen, der Mars sei von einer Sintflut heimgesucht worden - wie dieses Scabland im Staate Washington?«
York zögerte. »Ich glaube das jedenfalls. Und viele meiner Kollegen vertreten diese Ansicht auch, seit die Aufnahmen von Mariner vorliegen. Ich studiere das Gebiet, das du auf den Fotos siehst, seit 1973. In dieser Hinsicht dürfte ich wohl die führende Expertin sein. Die Analogie zwischen den Merkmalen des terrestrischen Scablands und der Mars-Morphologie ist meines Erachtens zu deutlich, als daß es sich um einen Zufall handeln könnte.«
»Aber es gibt auch Gegenstimmen«, provozierte Stone sie.
»Ja«, räumte sie ein. »Manche sagen, die Merkmale des Mars->Scablands< seien zu groß, um von Wasser geformt worden zu sein. Schumm ist zum Beispiel ein Vertreter dieser Schule.«
»Wer?« fragte Bleeker.
»Schumm sagt, die Marskanäle müßten durch SpannungsFaktoren in der Planetenoberfläche entstanden sein. Risse, die später vielleicht durch Vulkanismus und Windtätigkeit modifiziert wurden.«
»Scheint ein ziemliches Arschloch zu sein«, sagte Stone und betrachtete die Bilder. »Ich stehe auf deiner Seite, Natalie.«
»Wenn diese Marskanäle durch Fluten entstanden«, sagte Bleeker, »woher, zum Teufel, ist dann das ganze Wasser gekommen? Und wohin ist es abgeflossen?«
»Ich wette, dafür hat sie auch schon eine Theorie«, murmelte Stone.
»Ich habe nicht verstanden, EVA Eins.«
»Mach weiter, Natalie.«
»Unterirdische wasserführende Schichten. Unten wurden sie von massivem Fels begrenzt - vielleicht fünfzehn Kilometer stark - und oben von einer dicken Eiskappe im Regolith. Was auch immer Tharsis angehoben hat - ein Konvektionsprozeß im Mantel vielleicht -, muß die Verwerfung verursacht haben, die dann zur Überflutung führte. Der Druck des Wassers war schließlich stärker als der Druck des Gesteins. Und dann mußte nur noch ein Riß in der Eiskappe auftreten, damit das Wasser unter hohem Druck an die Oberfläche strömte.«