Ursprung war noch erkennbar. Man zeigte ihr einen spektakulären Raketen-Garten im WeltraumorientierungsZentrum und einen großen Prüfstand, der bei der Entwicklung der Saturn F-1-Triebwerke verwendet worden war. Die SaturnStufen wurden hier montiert und dann auf Wasserstraßen nach Cape Canaveral transportiert: auf Lastkähnen den Tennessee River hinab, anschließend über den Ohio und Mississippi in den Golf von Mexiko und zuletzt an der Küste von Florida entlang, wo sie im Hafen von Cape Canaveral angelandet wurden.
Sie verbrachte fast den ganzen Tag in von Brauns altem Konferenzraum, in der Gesellschaft von ungefähr zwanzig Ingenieuren. Es handelte sich überwiegend um Amerikaner, was ihr Vorurteil widerlegte, daß Marshall von Deutschen dominiert würde. Jeder Ingenieur hielt einen halbstündigen Vortrag auf seinem Fachgebiet, während die anderen ihre Aufmerksamkeit zu gleichen Teilen dem Referenten und ihr widmeten. Das verwunderte sie. Hatten die Jungs denn nichts Besseres zu tun, als zuzuschauen, wie sie Raketen-Grafiken betrachtete?
Dann wurde sie zu einer Party in den Country Club der Marshall-Belegschaft eingeladen, der den Namen >Mars Club< trug.
Bei dieser Gelegenheit lernte sie die Leute etwas besser kennen.
Sie waren eine isolierte Gruppe, die im provinziellen Alabama ihrer Arbeit nachging und sich mit Leib und Seele der Raumfahrt verschrieben hatte. Sie brachten einem Astronauten eine weitaus größere Verehrung entgegen, als sie ihm zum Beispiel in Houston zuteil wurde: und noch dazu der AresBesatzung, die von Brauns dreißig Jahre alten Traum vom Flug zum Mars verwirklichte. Der Besuch eines Astronauten hier in Alabama ließ sie daran teilhaben und vermittelte ihnen angesichts der chronischen Finanzkrise der NASA und der unsicheren Zukunft der NASA-Zentren neue Zuversicht.
Später besuchte sie die Firma Michoud in New Orleans, wo die großen Zusatztanks hergestellt wurden. Sie hielt sich ziemlich lange dort auf, weil den Tanks während der Mission eine große Bedeutung zukam.
Die Montagehallen glichen riesigen Höhlen, in denen die Tanks in zylindrischen Behältern montiert wurden. Sie verfolgte die Fertigung eines Schotts, einer großen Kuppel, die den großen Flüssigwasserstoff-Tank ab schließen würde. Die Kuppel wurde aus Aluminiumstücken zusammengesetzt, was eine Fertigungspräzision erforderte, die von hydraulischen Pressen nicht erreicht wurde. Deshalb wurde eine Gußform, auf deren Oberseite eine Aluminiumbahn lag, auf den Boden eines über zweihunderttausend Liter fassenden Wassertanks hinabgesenkt. Der Einsatz wurde dann durch Schockwellen in die gewünschte Form gebracht.
York war von der Dimension dieser Fertigungsabläufe überwältigt. Im Verlauf ihrer Studien wurden die Tanks förmlich zu einem Faszinosum, obwohl sie im Grunde die profansten Elemente der ganzen Mission darstellten.
Jeder Tank enthielt zwei massive Kammern für Treibstoff und Oxidator, die durch einen zylindrischen Ring verbunden waren. Die Tanks waren mit einer zehn Zentimeter starken Lage aus Polyurethanschaum und einer reflektierenden Beschichtung ausgekleidet, um die Verdunstung der kryogenen Treibstoffe zu reduzieren. Im Innern der Tanks befanden sich Null-Ge-Abschirmungen und käfigartige Resonanzwände, die verhindern sollten, daß die Flüssigkeiten während des Feuerns der Triebwerke im Tank schwappten. Aufgrund des Gewichts der Flüssigkeiten - etwa tausend Tonnen pro Tank - bestand die Gefahr, daß die gesamte Triebwerksgruppe bei einem solchen Schwappen außer Kontrolle geriet. Außerdem gab es Leitbleche in Form großer Propellerblätter, um das Entstehen von Strudeln zu verhindern, die vielleicht Gasblasen in die Brennstoffleitungen gesaugt hätten.
Wegen der extremen Anforderungen an die Zuverlässigkeit und des breiten Spektrums der Einsatzbedingungen eines Raumschiffs war jede Komponente von Ares in einem Ausmaß mit Technik gespickt, das man als Außenstehender nicht vermutet hätte. Das galt selbst für diese profanen Teile, die Tanks. Wegen der eingeschränkten Testmöglichkeiten war die Diagnose von größter Bedeutung: die Fähigkeit, die
Entstehungsgeschichte auch der unscheinbarsten Komponente bis zum Hochofen zurückzuverfolgen, um im Fall einer Panne die Ursache zu ermitteln.
Von dieser Detailarbeit hatten die Leute - einschließlich der Entscheidungsträger im Kapitol -, die über die Preise der von der NASA bestellten Komponenten meckerten, nicht die geringste Ahnung.
Wenn sie sich an Plätzen wie Michoud - >im prallen Programm< - aufhielt, fielen alle Zweifel, welche Romeros Resignation sowie die Skepsis und partielle Feindseligkeit der Presse bei ihr geweckt hatten, von ihr ab. Wie könnte ich eine Saturn ablehnen? Wo sie sie doch zum Mars bringen und zur Durchführung wichtiger Experimente befähigen würde. Eine Milliarde Dollar waren in sie investiert worden, und eine Milliarde Menschen würden darauf achten, daß sie gute Arbeit leistete.
An Plätzen wie Michaud war sie überzeugt, daß der Preis, den sie zahlte - der ganze Ärger mit dem Astronauten-Büro, der Karriereknick, die Kompromisse bei der Wissenschaft, das nicht vorhandene Privatleben - gerechtfertigt war.
. Wir sind uns bewußt, daß ein bemannter Raumflug auch als komplexes biotechnisches und soziotechnisches System mit mechanischen und menschlichen Teilen betrachtet werden kann. Ein grundlegendes Verständnis der psychologischen und interpersonalen Dimensionen der Mars-Mission ist notwendig, um unabhängig von den strukturellen, mechanischen und elektronischen Elementen die Wahrscheinlichkeit eines Versagens des menschlichen Teils zu verringern, was die Umstellung des Systems als Ganzes erfordern würde. Psychologische und interpersonale Belastungen können durch die Einrichtung des Raumschiffs, eine optimale Auswahl der Besatzung und die Strukturierung von Situationen und Aufgaben verringert werden...
Für York waren die pseudowissenschaftlichen Vorträge der Psychologen, die Rollenspiele sowie die psychologischen Gruppen- und Einzelauswertungen, welche die Besatzung über sich ergehen lassen mußte, der schlimmste Teil des Trainings. Sie waren entweder todlangweilig oder höchst peinlich oder beides.
York war in den >weichen< Wissenschaften nicht sehr bewandert, und sie wunderte sich darüber, wie beschränkt der Horizont dieser Disziplinen war - selbst in diesem Raumfahrtprogramm, wo Geld keine Rolle spielte. Manche Theorien, die auf sie und ihre Kameraden angewandt wurden, hielt sie im besten Fall für spekulativ. Sie erkannte, daß das Studium der Gruppenpsychologie im Gegensatz zur Individualpsychologie noch in den Kinderschuhen steckte.
Das eigentliche Problem war jedoch, daß bisher kaum Erfahrungen mit Langzeit-Raumflügen vorlagen, so daß die Leitlinien und Techniken, die man ihnen beibrachte, nicht durch die Praxis untermauert wurden.
Bei der Ares-Mission würden Menschen tiefer ins Weltall vorstoßen, als je eine Besatzung zuvor. Um die mentale Befindlichkeit einer Mars-Besatzung zu prognostizieren, mußten die Psychologen sich deshalb auf Fallstudien von analogen Situationen stützen: unterseeische Habitate, Atom-U-Boote, Polarstationen und isolierte Ansiedlungen. Dazu bedienten sie sich sensorischer Deprivationsexperimente, Schlaflosigkeits-Untersuchungen und Studien über soziale Isolation. Wobei sie, wie York sich sagte, diese Analogien manchmal etwas überdehnten.
Sie machte sich mit dem Gedanken vertraut, daß die Luft-und Raumfahrttechnik beim Ares-Flug an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stieß. Da war es um so bedenklicher, daß auch die weichen Disziplinen wie Psychologie bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten strapaziert wurden.
Es war beunruhigend, daß in diesem fundamentalen Aspekt der Mission niemand wußte, ob die Besatzung den Flug auch überleben würde.
Später erfuhr York von Wladimir Wiktorenko, wie die Sowjets solche Dinge handhabten.
Es fing schon bei Kleinigkeiten an: die sowjetischen Missions-Planer berücksichtigten bei der Zusammenstellung der Verpflegung den Geschmack der Besatzung. Mit der gleichen Sorgfalt wurden die Farben für die Wände und die Ausrüstung des Raumschiffs ausgewählt. Jedes Mitglied der Besatzung erhielt einen Kassettenrecorder mit seiner Lieblingsmusik, dazu Aufnahmen von Klängen aus der Natur: Vogelstimmen, Meeresrauschen, Regen. Die Kosmonauten wurden sogar aufgefordert, Lebewesen mitzunehmen, zum Beispiel für biologische Experimente: Pflanzen, Gräser und Kaulquappen - Tropfen des Lebens, sagte Wiktorenko, Tropfen aus dem Ozean des irdischen Lebens.